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Bücher türmen sich ringsum

Zum 80. Geburtstag von Rotraut Hackermüller

Rotraut Hackermüller: Eigenhändiges Manuskript des Gedichts „Bücher türmen sich ringsum…“. Wienbibliothek im Rathaus, Vorlass Rotraut Hackermüller, ZPH 1711, 1.3.2

von Gerhard Hubmann,
14. Dezember 2023

Vielleicht wird ihr Name im kommenden Jahr, wenn Franz Kafkas 100. Todestag begangen wird, da und dort anerkennend erwähnt werden. Verdient hätte sie es: Rotraut Hackermüller schickte 1984 mit dem Buch “Das Leben, das mich stört. Eine Dokumentation zu Kafkas letzten Jahren” ein leuchtendes Signal privater Forschung in die Welt der Literaturwissenschaft. Ihren 80. Geburtstag am 15. Dezember 2023 möchten wir aber jedenfalls nutzen, um auf ihr Schaffen aufmerksam zu machen. Rotraut Hackermüllers Vorlass in der Wienbibliothek im Rathaus lässt die Intensität und Hartnäckigkeit erahnen, mit der sie neben Familie und dem Beruf als Lehrerin ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Ideen nachging.

Kunst, Literatur und biographische Spurensuche

Den Schritt an die Öffentlichkeit wagte Hackermüller Mitte der 1970er-Jahren, als ihre beiden Kinder ins Teenager-Alter gekommen waren. Hackermüller beteiligte sich mit feinen Zeichnungen und Radierungen an Ausstellungen, bestritt Lesungen und publizierte zwei Gedichtbände, “Geständnis“ (1976) und “Im Schattenflug“ (1977), wovon sie den zweiten mit eigenen künstlerischen Arbeiten ausstattete. Das literarische Werk blieb insgesamt schmal, dafür sind die Themen und Probleme, besonders in den Erzählungen des Bandes “Gewitter” (1992), aktueller denn je: vom Mensch verursachtes Tierleid, Einsamkeit im Alter, Bedrohung unserer Lebenswelt bis hin zu apokalyptischen Visionen und immer wieder das Unsolidarische, Verletzende zwischen den Menschen. „Manchmal glauben wir zu leben, / einsam irren wir umher, / doch wenn wir unser Bestes geben, / zerstört es immer irgendwer“, heißt es in einem frühen Gedicht.

Als sie im Jahr 1983 den Auftrag bekam, für die niederösterreichische Zeitschrift “Morgen” einen Beitrag über Franz Kafka zu schreiben, hatte Hackermüller ihr Metier gefunden: die biographische Spurensuche, die Recherche in Archiven und im “Feld”. Der Kafka-Beitrag wuchs sich zu dem eingangs erwähnten Buch und zu ihrem größten Erfolg aus. Eine große Bildbiographie über Alexander Roda Roda folgte 1986. Andere breit angelegte biographische Projekte, etwa zu der Wiener Schriftstellerin Ada Christen oder dem Lyriker Otfrid Krzyzanowski, mussten jedoch unfertig liegen bleiben.

Vernetzung und Kooperation

Mangel an Zeit und finanzieller Unterstützung, mühsame Kommunikation und Verhandlungen mit Verlagen: Das Leben als Forscherin im Nebenberuf bringt neben der Freude über Entdeckungen auch viele Widrigkeiten mit sich. “Sie hockt in einem Chaos von Fotos, Büchern, Papieren, Unterrichtsvorbereitungen und Bügelwäsche und hämmert nächtelang in die Schreibmaschine”, schreibt die Wiener Künstlerin Eva Dobretsberger über ihre langjährige Freundin Rotraut Hackermüller und hält damit wohl eine charakteristische Szene fest: Ein Porträt der Schriftstellerin als berufstätige Mutter.

Zugleich pflegte Hackermüller einen regen intellektuellen Austausch. Sie knüpfte Kontakte zu maßgeblichen Persönlichkeiten des österreichischen Literaturbetriebs wie Jeannie Ebner, György Sebestyén oder Hans Weigel, nahm an Tagungen teil, engagierte sich im PEN-Club, war Mitglied in Vereinen wie der Franz Werfel-Gesellschaft. Die vielen Korrespondenzen und Recherchematerialien im Vorlass zeigen Hackermüller als eine Wissenschaftlerin, die auf Kooperation setzt und ehrliches Interesse für die Arbeit anderer aufbringt. Ihre Archivreisen nutzte sie nicht zuletzt auch dafür, für befreundete Forschende mitzurecherchieren und sie mit besonderen Fundstücken zu versorgen – ein großer Gefallen in Zeiten, als es noch den Eisernen Vorhang und keine digitalen Bibliotheken gab.

Jeannie Ebner gewidmetes Exemplar von Rotraut Hackermüllers „Im Schattenflug“
(Wien: Atelier 7 1977). Wienbibliothek im Rathaus, A-182464, 2. Ex.


Ein Buch deiner Bücher

Unter Hackermüllers literarischen Papieren befindet sich ein Text, der auch thematisch bestens in einer Bibliothek aufgehoben ist. Das Gedicht, das mit “Bücher türmen sich” beginnt, ist ungedruckt und erhält auf dem Manuskriptblatt keine endgültige Form. Hackermüller probierte mehrere Varianten und Gestaltungsmöglichkeiten aus, darunter die spiralförmige Anordnung, die die im Text genannte Höhle grafisch andeutet und einen optischen Sog erzeugt. Auf der Vorderseite des Blatts erscheint das Gedicht in typischer Form, gebrochen in 19 kurze Zeilen. Es ist die lyrische Aussage eines leidenschaftlichen Büchermenschen:

Bücher türmen sich
ringsum
staubig und stumm
zur Höhle
deiner Lust
die sich
vom Dichter nährt
und nichts begehrt
als Stille
und Freiheit
deiner Brust.

Ich wünschte
mich hätte
ein Dichter
erdacht
und mich
zum Buch
deiner Bücher
gemacht.

Rotraut Hackermüller: Eigenhändiges Manuskript des Gedichts „Bücher türmen sich ringsum…“. Vorderseite.
Wienbibliothek im Rathaus, Vorlass Rotraut Hackermüller, ZPH 1711, 1.3.2


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