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Undurchdringliches Dunkel – Was die Familienfotos des Satirikers Karl Kraus (nicht) erzählen

Titelbild: Collage der Fotos der „Vertauschten Ur/Großelternpaare“ H.I.N.-235368, H.I.N.-235369, H.I.N.-235373, H.I.N.-235374

von Katharina Prager,
10. Juli 2024

„Die Herkunft eines Juden ist meistens von undurchdringlichem Dunkel erfüllt. Diese wahrhaft ägyptische Finsternis pflegt schon bei der dritten Generation rückwärts zu beginnen.“[1] Dies hielt der Schriftsteller Berthold Viertel im Rückblick auf seine Familie, Kindheit und Jugend im Wien um 1900 fest. Zur galizischen Verwandtschaft der zugewanderten Eltern hatte er als bereits in Wien Geborener kaum Kontakt und wusste entsprechend wenig über seine Vorfahren. Viertels Befund dieses Unwissens über die eigene Herkunft traf tatsächlich auf viele Wiener Moderne zu. Auch der bekannte Satiriker Karl Kraus, einer von Viertels wichtigsten Freunden, hatte offenbar wenig Bezug zu oder Kenntnis über die jüdische Gemeinde der böhmischen Kleinstadt Jičín, die seine Herkunftsfamilie mitgeprägt und die er schon im Alter von drei Jahren hinter sich gelassen hatte, um ein Wiener zu werden.

Ausgelöschtes Familiengedächtnis

Das nationalsozialistische Regime würde einige Jahrzehnte später dem Konzept „Abstammung“ neue desaströse Bedeutung geben. Die Shoa würde die Lebenslinien jüdischer Familien ebenso systematisch vernichten wie die Erinnerung an sie. Ein Großteil der Familie von Karl Kraus würde in Auschwitz, Maly Trostinez und anderen Lagern ermordet werden. Der Satiriker selbst starb bereits 1936 an einem Herzleiden und erlebte all das nicht mehr mit – er hatte allerdings schon 1933 viel von dem Kommenden erahnt.[2] Sein Nachlass wurde ins Exil gerettet und kam in den Nachkriegsjahrzehnten zurück an die heutige Wienbibliothek im Rathaus. Wiewohl dieser Nachlass insgesamt auch weit über zweihundert Briefe, Postkarten und Fotos der Eltern, Geschwister wie auch der Nichten und Neffen von Karl Kraus enthält, begann die systematische Befassung mit diesem Teil des Bestandes erst in den letzten fünf Jahren und erreichte mit einer Ausstellung zur Familie Kraus heuer einen ersten Höhepunkt.[3] Zuvor hatte die Kraus-Forschung die satirisch und testamentarisch verordnete Distanz zur Familie Kraus gewahrt, die der Satiriker selbst behauptet hatte – nicht zuletzt um sich und die Seinen zu schützen, wenn er es ab seinem 25. Lebensjahr mit Presse, Kultur und Gesellschaft aufnahm. Tatsächlich kam es in den 1920er Jahren mehrfach vor, dass das Boulevardblatt Die Stunde Kraus’ Herkunft und Familie diffamierte. Einmal brachte sie etwa ein in antisemitischer Manier retuschiertes Kinderbild von Karl und seiner jüngsten Schwester. Die Geschwister klagten und gewannen die Bildberichtigung in zweiter Instanz.

Vertauschte Ur/Großelternpaare

Während das Geschwisterbild von Karl und Marie Kraus vom grellen Licht der damaligen Öffentlichkeit und später von der Forschung gut beleuchtet wurde, verbleiben die Fotografien der Großelterngeneration tatsächlich im undurchdringlichen Dunkel. Fünf Fotos, die vier unterschiedliche Personen dieser Generation zeigen, finden sich in Karl Kraus’ Nachlass. Zwei von ihnen wurden als Großeltern mütterlicherseits identifiziert und zeigen also Anna Kantor, geborene Fried (1814–1877) H.I.N.-235368 und ihren Mann Ignaz Kantor (1808–1864) H.I.N.-235369.

           Fotografie von Anna Kantor, geborene Fried,  Karl Kraus‘ Großmutter mütterlicherseits,  Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Wien, o.D., H.I.N.-235368

Bild 1: Fotografie von Ignatz Kantor, Karl Kraus‘ Großvater mütterlicherseits, als jüngerer Mann
Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, o.O., o.D, H.I.N.-235369  

Bild 2: Fotografie von Anna Kantor, geborene Fried,  Karl Kraus‘ Großmutter mütterlicherseits,
Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Wien, o.D., H.I.N.-235368


Die durchaus wohlhabenden Familien Fried und Kantor lebten wohl schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts als Teil der damals etwa zwanzig Familien umfassenden jüdischen Gemeinde in Jičín. Ignaz Kantor war angesehener Stadtarzt, 1848 Mitglied der böhmischen Nationalgarde Svornost und in der Gemeinde sehr engagiert. Ein Jahr vor seinem plötzlichen Tod durch einen Schlaganfall im Dienst, über den die Grazer Tagespost berichtete,[4] wurde er leitender Arzt des Krankenhauses in Nové Město.

Auf dieser Grundlage wurde nun vermutet und entsprechend festgehalten, dass es sich bei den anderen beiden Personen um die Großeltern väterlicherseits handeln müsse.
Zu Therese Kraus, geborene Popper (Geburtsdaten unbekannt–1887) und Isaac Kraus (1788–1839) liegen kaum gesicherte Daten vor.  
Sie kamen aus dem etwa hundert Kilometer von Jičín entfernten Ort Dolní Kralovice und dürften nicht so wohlhabend gewesen sein – ihr Sohn Jakob musste schon mit 15 Jahren von zu Hause ausziehen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zum einen ist es also unwahrscheinlich, dass sie sich solche Aufnahmen leisten konnten. Zum anderen starb Karl Kraus' Großvater väterlicherseits 1839 – also in jenem Jahr, in dem Louis Daguerre in Paris das Fotografieverfahren vorstellte.       


Bild 3: Unbekannt, angeblich Therese Popper, Großmutter von Karl Kraus väterlicherseits – wahrscheinlicher eine Frau der Familie Fried oder Kantor
Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Bad Reinerz, o.D.,  H.I.N.-235373             

Bild 4: Unbekannt, angeblich Isaac Kraus, Großvater von Karl Kraus väterlicherseits – wahrscheinlicher aber ein Mann der Familie Fried oder Kantor
Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Wien, o.D., H.I.N.-235374     


 

Ignaz Kantor, Großvater von Karl Kraus mütterlicherseits, als älterer Mann (vermutet) Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Wien, o.D.,  H.I.N.-235375

Vieles spricht dafür, dass es sich bei dem weißbärtigen Mann H.I.N.-235374, H.I.N.-235375 um Karl Kraus’ Urgroßvater, Anna Kantors Vater Salomon Fried (1791– Sterbedaten unbekannt) und seine zweite Frau Josepha Sommer (Lebensdaten unbekannt) H.I.N.-235373 handelt. 

Salomon Fried hatte um 1840 das Haus Nr. 100, eines der zentralsten und größten Häuser in Jičín, dreistöckig mit monumentalen Wendeltreppen, erworben. Hier lebte er mit seiner ältesten Tochter Anna und seinem Schwiegersohn Ignaz Kantor in einem Mehrgenerationenhaushalt. Um die Verwirrung komplett zu machen, seien auch noch Zweifel angebracht, ob die jünger wirkende dunkelhaarige Frau im schwarzen Kleid H.I.N.-235373 nicht eher Kraus’ Großmutter Anna ist und die altmodisch gekleidete Dame mit Hut H.I.N.-235368 ihre Stiefmutter Josepha. Die Antworten auf diese Fragen verbleiben im undurchdringlichen Dunkel. 
 

 

Bild 5: Ignaz Kantor, Großvater von Karl Kraus mütterlicherseits, als älterer Mann (vermutet)
Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, Wien, o.D.,  H.I.N.-235375


 

Unpassende Altersunterschiede

Ein weiteres Bildrätsel ergibt sich aus der Betrachtung eines Fotos, das öfter mit der Bildunterschrift „Karl Kraus mit einer älteren Schwester“ in den zahlreichen Büchern über Kraus abgebildet wurde.

Nachlass Paul Schick – Sophie Schick, ZPH 943, Archivbox 7

Da der Altersunterschied zwischen Karl Kraus und seiner nächstälteren Schwester Malvine neun Jahre ausmacht, kann es sich eigentlich nicht um seine Schwester handeln. Möglicherweise eine der zahlreichen Cousinen? Noch wahrscheinlicher ist aber, dass Karl – der das Bild in seinem Arbeitszimmer aufhängte – gar nicht selbst darauf zu sehen ist, sondern einer seiner vier Brüder mit einer der vier Schwestern. Es könnte sich um die Älteste Emma und Kraus' Lieblingsbruder Richard handeln oder auch um Louise und Alfred.

Heute gibt es keine Nachfahren mehr, die diese Fragen beantworten könnten. Das Familiengedächtnis der Kraus-Familie wurde durch den Holocaust fast gänzlich ausgelöscht. Das Wenige, das der Nachlass des berühmten Enkelsohnes, Sohnes, Bruders und Onkels überliefert, wurde meist übersehen oder falsch eingeordnet. Es lohnt allerdings nach dem Ausgelassenen, dem Irritierenden und dem Verschwiegenen zu fragen, denn auch diese Herkunftszusammenhänge bedingten das Phänomen, das wir heute als Wiener Moderne erforschen. Oder wie Berthold Viertel sagte: „Man ist hineingeboren in etwas, das man erst später erkennen, erleiden und definieren wird.“ [5]

Bild 6: Nachlass Paul Schick – Sophie Schick, ZPH 943, Archivbox 7


Aktuelle Ausstellung in der Wienbibliothek im Rathaus:

"Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben". Die Familie des Satirikers Karl Kraus

Ausgehend von den Spuren, die Karl Kraus‘ Familie im Leben ihres berühmten Sohnes, Bruders und Onkels hinterließen, werden in dieser Ausstellung die Geschichten der Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen erzählt. Es ist eine ebenso liebevolle wie schwierige Familie, von der sich Momentaufnahmen erhalten haben – von den Geburten und Todesstunden ihrer Mitglieder, vom Umgang mit dem Familienvermögen, von gemeinsamen Sommerfrischen in der Bad Ischler Familienvilla, von Reisen bis nach Konstantinopel und Kairo und auch vom alltäglicheren Aufeinandertreffen beim Abendessen, in Telefonaten oder nach der Fackel-Lektüre.

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Referenzen

[1] Berthold Viertel zitiert nach Katharina Prager, Berthold Viertel. Eine Biografie der Wiener Moderne. Wien/Köln/Weimar 2018, 131.

[2] Dies wird speziell in seinem posthum veröffentlichten Spätwerk deutlich. Vgl. Kraus 1933.

[3] Ausstellung "Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben" Die Familie des Satirikers Karl Kraus; vgl. auch: Katharina Prager, Herkunft, in: dies./Simon Ganahl (Hg.), Karl Kraus-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Metzler 2022, 9–28.

[4] Grazer Tagespost, 29. Mai 1864, 3.

[5] Berthold Viertel, Kindheits-Saga, in: Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser (Hg.), Kindheit eines Cherub. Autobiographische Fragmente, Berthold Viertel-Studienausgabe 2, Wien 1990, 15.

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