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Musik auf der Wiener Weltausstellung

Fehlstart mit versöhnlichem Ausklang

Abb. 1: Musikpavillon der Weltausstellung 1873 mit Orchester. Foto: Michael Frankenstein & Comp. Wienbibliothek im Rathaus, Schenkung W. Rainer

von Stefan Engl,
10. Juli 2023

„Holla, guter Freund! Spielt heute Strauß?“ – „Nein, mein Herr!“ – „Warum nicht!“ – „Der Lärm hier ist zu groß!“ – „Und wie wars denn gestern?“ – „Gestern fand das Concert auch nicht statt!“ – „Warum?“ – „Weil der Lärm hier zu groß war!“ – „Immer dieselbe Ursache?“ – Ja sehen Sie, die Herren Musikanten mit ihren Instrumenten waren bereits da, aber sie mußten wieder weggehen, es war nicht möglich zu spielen!“ – „Warum kündigt man aber die Concerte an?“ […] – „Um den Besuchern wenigstens vorher plausibel zu machen, warum sie ihre fünf Gulden zahlen!“ (aus Die Presse, 4. Mai 1873)

Dieser Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel vom 4. Mai 1873 zeugt gleich zu Beginn der Wiener Weltausstellung von einer enttäuschten musikalischen Erwartungshaltung. Nach der pompösen feierlichen Eröffnung der Weltausstellung am 1. Mai in der Rotunde, des mächtigen Ausstellungspalastes, durch Kaiser Franz Josef I., bei der ein riesiger Chor, gebildet aus dem Wiener Männergesangsverein, dem Akademischen Gesangsverein, dem Singverein und der Singakademie unter der Leitung des Hofopern-Kapellmeisters Otto Dessoff, das „Gott erhalte“ anstimmte, sollten von nun an in diesem prächtigen Gebäude Orchesterkonzerte unter der Leitung von Johann Strauss Sohn stattfinden.

Lärm, schlechtes Wetter und andere Widrigkeiten

Wie man dem anfangs zitierten Zeitungsartikel entnehmen kann, fanden die angekündigten Konzerte in der Rotunde nicht statt. Daran war Strauss aber völlig schuldlos, denn letzte Bauarbeiten bei der Rotunde und dem Ausstellungspalast machten musikalische Darbietungen unmöglich. Es zeigte sich auch, dass sich die Rotunde aufgrund ihrer Größe und Bauweise akustisch ohnedies nicht für Konzerte eignete und so verlegte man die Orchesterkonzerte in einen in aller Eile errichteten Musikpavillon außerhalb des Ausstellungsgebäudes (Abb. 1):

Abb. 1: Musikpavillon der Weltausstellung 1873 mit Orchester, Ausschnitt. Foto: Michael Frankenstein & Comp. Wienbibliothek im Rathaus, Schenkung W. Rainer


Hier warteten aber bereits die nächsten Widrigkeiten, denn die Publikumsplätze vor diesem Musikpavillon waren nicht überdacht und dem Wetter völlig ausgeliefert. Gerade während der ersten Wochen litt die Weltausstellung unter sehr ungünstigem Wetter. So verzeichnete der Witterungsanzeiger der Weltausstellungszeitung für den Mai 1873 zwanzig „Ungünstige und Regen-Tage“ und nur elf schöne Tage (siehe Abb. 2 unten).

Die Publikumsplätze waren zudem sehr teuer, und nur wenige Besucherinnen und Besucher waren bereit, die Preise zu zahlen, zumal diese Konzerte meist gar nicht von Johann Strauss dirigiert wurden.

Die Wiener Weltausstellungskapelle

Für große Verwunderung sorgte die Herkunft der offiziellen Weltausstellungskapelle, denn Johann Strauss, zu dieser Zeit Hofball-Kapellmeister und unangefochten führender Tanz- und Unterhaltungsmusik-Kapellmeister der Stadt Wien, engagierte für die Konzerte am Weltausstellungsgelände kein Wiener-, sondern ein deutsches Orchester aus dem Wuppertal. Er hatte 1871 und 1872 bei den Kurkonzerten in Baden-Baden sehr gute Erfahrungen mit dem Orchester gemacht und holte es nun für die Zeit der Weltausstellung, zusammen mit dessen Dirigenten Julius Langenbach, nach Wien. Um den Wiener Kritikern zuvor zu kommen, vermehrte Strauss das Langenbach-Orchester um 30 Mann und studierte es persönlich und ohne Entgelt ein. Die Konzerte auf der Weltausstellung wurden dann allerdings meist von Julius Langenbach dirigiert, auch wenn in den Konzertankündigungen Johann Strauss als Dirigent aufscheint (siehe Abb. 2 unten).

Johann Strauss beschränkte sich vorwiegend auf die Dirigate seiner eigenen Werke, wie beispielsweise seiner eigens für die Weltausstellung komponierten Rotunde-Quadrille, op. 360 nach Motiven der Operette „Der Karneval in Rom“ (siehe Abb. 3 unten).

Das Publikum dürfte sich mit der Zeit mit diesem Arrangement der Orchesterkonzerte – bei gleichzeitig immer besser werdender Witterung – abgefunden haben und so wurde das große Weltausstellungsfest am 22. August 1873, mit einem Besucherrekord von über 100.000 Personen auf dem Weltausstellungsgelände, auch musikalisch ein voller Erfolg: Die Wiener Weltausstellungskapelle, vier Militärkapellen, der Wiener Männergesangsverein, Julius Langenbach und Johann Strauss persönlich sorgten für die musikalische Unterhaltung der Festgäste und für einen versöhnlichen Ausklang:

Gegen Abend zog sich der Strom der Menschen gegen den Mozart-Platz, wo um halb 7 Uhr die Langenbach-Capelle zu musiciren begann. Mit Einbruch der Dunkelheit gewann das ganze Bild plötzlich einen neuen, überraschend schönen Anblick. Unmittelbar vor dem Musikpavillon war die Tribüne für den Männergesang-Verein errichtet und durch Gascandelaber erleuchtet. Das Gas wurde eigens zu diesem Zwecke von dem Hauptrohre in der Praterallee abgeleitet. Die nebenanstehende italienische Caféterie hatte ihren Raum mit buntfarbigen, chinesischen Papierlaternen decorirt, so daß dieser Platz mit seinem Waldeshintergrund, dem die fremdartigen Bauten Egyptens und Japans, sowie der gespenstisch gen Himmel ragende Stamm der brasilianischen Araucaria einen gar eigenthümlichen, zauberischen Anblick bot. […] Um halb 8 Uhr begann der Wiener Männergesang-Verein sein Concert. […] Die Vorträge des Vereins unter Weinwurm’s und Kremser’s Leitung gingen trefflich, wie immer, zusammen […] Es war wol auch das zahlreichst versammelte Publicum, vor dem je der Verein gesungen, denn wol an die 30.000 Menschen füllten den weiten Raum vor dem Musikpavillon. Als Strauß an das Dirigentenpult trat, empfing ihn allseitiger Applaus und sein Walzer, mit großer Verve gesungen, mußte nach brausendem Beifall wiederholt werden."

(aus Die Presse, 23. August 1873)

Weiterführende Information

In unserer Digitalen Bibliothek finden Sie eine eigene Sammlung zur Wiener Weltausstellung 1873 mit über 80 Titeln.

Quellen

Link in die Wienbibliothek Digital

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Archiv 2023

Abb. 2: Witterungs-Anzeiger und Programm für das »Concert der Weltausstellungs-Capelle« am 3. Juli 1873. Programmpunkt Nr. 9: »Zum ersten Male: ›Rotunde-Quadrille‹, Polka von Joh. Strauß« In: Wiener Weltausstellungs-Zeitung, 3. Jg., Nr. 191, S. 4. Wienbibliothek im Rathaus, DS, C-3960
Abb. 3: Johann Strauss: Rotunde-Quadrille für Pianoforte nach Motiven der Operette „Der Karneval in Rom“ op. 360. Wienbibliothek im Rathaus, MS, Mc-5428
 

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