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Aus dem wienerischen Paradies: Clerodendron splendens

Clerodendron splendens, Lithographie von Anton Hartinger, aus Endlicher's Paradisus Vindobonensis, 1860. D-123345, Wienbibliothek im Rathaus

Wir starten mit einem farbenfrohen Motiv aus einem der schönsten botanischen Werke der Wienbibliothek im Rathaus in das Jahr. Die Abbildung – sie ziert zugleich unser erstes Quartalsprogramm 2023 – zeigt einen Clerodendron splendens, enthalten im 1860 erschienenen Paradisus Vindobonensis. Der großformatige Prachtband versammelt unter der wissenschaftlichen Redaktion von Stephan Ladislaus Endlicher in 84 mehrfärbigen Lithografien „seltene und schönblühende Pflanzen der Wiener und anderer Gärten.“

Titan der Wissenschaft

Endlicher (1804 - 1849), gebürtig aus Preßburg, zählte zu den bedeutendsten Gelehrten, die Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufzuweisen hatte: Neben theologischen und botanischen Studien befasste er sich zudem mit Numismatik und Sinologie. 1828 erhielt er eine Anstellung an der Wiener Hofbibliothek (heute Österreichische Nationalbibliothek), wo er die umfangreiche Handschriftensammlung neu ordnete und katalogisierte. Daneben verfasste er eine auf Jahrzehnte hin grundlegende chinesische Grammatik, die sich auch im Druckschriftenbestand der Wienbibliothek im Rathaus befindet. 1833 erfolgte Endlichers Aufnahme in die illustre deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 1840 erhielt er eine Professur an der Universität Wien und stieg zum Direktor des botanischen Gartens auf. Gemeinsam mit dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall initiierte er 1847 erfolgreich die Gründung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien.

In den folgenden Jahren schuf Stephan Ladislaus Endlicher die bis dahin umfassendste Darstellung des Pflanzenreiches, die Genera plantarum secundum ordines naturales disposita, welche bis 1850 in 18 Teilen erschien. Neuartig daran war, dass der sonst unüblichen bildlichen Illustration der rein sprachlich beschriebenen Pflanzen besonderes Augenmerk zugewendet wurde.

Gold für die Kunst

In dieser Hinsicht war die Zusammenarbeit mit dem Pflanzenmaler und Lithographen Anton Hartinger (1806-1890), der für die durchgehende Illustration des Paradisus gewonnen werden konnte, besonders fruchtbar. Dieser verfügte als „k.k. Hof-Chromo-Lytograph“ über eine eigene Steindruckerei, die auf die Vervielfältigung botanischer und landschaftlicher Bilder spezialisiert war. Nach dem Erscheinen der ersten Blätter des Paradisus verlieh Kaiser Franz Joseph die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft an Anton Hartinger, seine Originalzeichnungen wurden von der Bibliothek der Akademie der bildenden Künste erworben. Die Londoner Industrieausstellung prämierte 1851 die bis dahin erschienenen Illustrationen ebenfalls.

Reisen durchs Gewächshaus

Bereits 1844 hatte Endlicher mit der wissenschaftlichen Katalogisierung botanischer Raritäten begonnen, die für ihn in Wiener Sammlungen wie Schönbrunn, dem Botanischen Garten der Universität Wien oder auch in privaten Sammlungen erreichbar waren.

Die hier präsentierte Lithographie eines Clerodendron splendens aus der Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae) besticht durch eine ungemeine Strahlkraft der eingesetzten Farben. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Einsatz synthetisch hergestellter Farbstoffe bereits gängig – sie bewirkten eine gegenüber natürlichen organischen oder mineralischen Farbstoffen höhere Farbdichte und Intensität.

Anton Hartinger musste für seine Zeichnung nicht in das tropische Afrika reisen, wo die natürliche Heimat dieser im Deutschen als Losbaum (von gr. κλῆρος, das Los, δένδρον, der Baum) bekannten Pflanze liegt: Im Gewächshaus des Naturforschers, Reiseschriftstellers und Diplomaten Carl Freiherr von Hügel (1795-1870) fand sich ein Exemplar. Das Gewächshaus Hügels, das seltenste Pflanzen aus Asien, Afrika oder Australien beherbergte und damals eine Sensation in Wien war, ist bis heute als Teil des Gartens der Villa Wustl erhalten, welche Robert Oerley an Stelle der 1912 abgetragenen Villa Hügel in der Hietzinger Hauptstraße 40 errichtete.

Frühes Ende und später Erfolg

Der große Gelehrte und Botaniker Stephan Ladislaus Endlicher erlebte die Fertigstellung seines Prachtwerkes nicht mehr, da er am 28. März 1849, kaum fünfundvierzigjährig in Wien an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb. Das Opus magnum, das 1860 im Verlag der Wallishausser’schen Buchhandlung erschien (zugleich international vertrieben durch Trübner & Co in London, J. G. Schrag in Leipzig, Fr. Klinksieck in Paris sowie durch Westermann & Comp. in New York), wurde vom Botaniker Berthold Seemann vollendet.

Das Exemplar der Wienbibliothek im Rathaus stammt aus dem 1946 erworbenen Nachlass des Dramatikers Oskar Grögler. Die Provenienz des Foliobandes lässt sich durch eine Stampiglie bis zum ursprünglichen Aufstellungsort, der Lehrerbücherei der Ersten Zentralberufsschule in der Mollardgasse zurückverfolgen, die den Band ausgeschieden hatte.

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