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Das Watschenkonzert von 1913 in Wien

Watschenkonzert, Karikatur von F. Redl in der belletristischen Beilage „Die Sonntags-Zeit“ zur Zeitschrift Die Zeit vom 6. April 1913, S. 8 (WBR, DS, F-38584, April 1913)

von Stefan Engl,
25. März 2024

„Sie sind ein weltberühmter Mann worden!“ [1] Mit diesen Worten endet eine Postkarte vom 5. April 1913 des Komponisten und Dirigenten Arnold Schönberg an den damals 24-jährigen Obmann des Akademischen Verbands für Literatur und Musik Erhard Buschbeck. Schönberg bezieht sich dabei auf eine Ohrfeige, die Buschbeck wenige Tage vorher während eines Konzertes im Wiener Musikvereinssaal dem Arzt Viktor Albert verpasst haben soll und die seither die internationale Presse beschäftigte.

Bis heute ist dieses Orchesterkonzert, das am 31. März 1913 unter der Leitung von Arnold Schönberg stattfand und eines der größten Skandale im Wiener Musikleben auslöste, als sogenanntes Watschenkonzert bekannt.

Gefährliche Programmpunkte

Auslöser für das Skandalkonzert, bei dem es zu tumultartigen Szenen kam, die schließlich in besagter Ohrfeige und dem Abbruch des Konzertes gipfelten, war die neuartige Musik von Arnold Schönberg und seinen Schülern Anton Webern und Alban Berg, die das Wiener Publikum dermaßen polarisierte, dass es zu gegenseitigen Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten kam.

Schönberg hatte schon eine gewisse Vorahnung, wie das Publikum auf diese neue Musik reagieren könnte, als er am 10. März an den Konzertveranstalter Erhard Buschbeck schrieb: "Die drei ersten Programmnummern sind relativ gefährlich [I. Webern: 6 Orchesterstücke op. 6; II. Berg: 2 Orchesterlieder op. 4; III. Schönberg: Kammersymphonie op. 9]. Webern am gefährlichsten [,] die Kammersymphonie relativ am ungefährlichsten. Deswegen ist es gut, wenn das Publikum, das am Anfang noch unermüdet und geduldig ist, Webern zuerst hinunterschlucken muss: die bitterste Pille in diesem Konzert. Berg wird milder wirken, die Kammersymphonie wird wohl kaum Erfolg haben, aber man wird aus Respekt sich anständig verhalten. Zemlinsky dürfte sehr wirken und die Kindertotenlieder sind ja totsicher." [2]

Die Reihenfolge für das Konzert wurde später noch auf Anton Webern, Alexander Zemlinsky, Arnold Schönberg, Alban Berg und schließlich Gustav Mahler geändert. Schönbergs Vorhersage traf nicht ganz zu, denn letztendlich „verschluckte“ sich das Publikum an den Orchesterliedern von Alban Berg (nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg) und der „totsichere“ Mahler mit seinen Kindertotenliedern kam durch den Konzertabbruch erst gar nicht mehr zum Zug.

Provokante Musik

Viele im Publikum empfanden es als Provokation, dass die Musik der Schönberg-Schüler Webern und Berg auf die gleiche Stufe gestellt werden sollte wie die Musik Mahlers. Trotzdem ist es heute schwer nachvollziehbar, wie sich bei einem vermeintlich kultivierten und gebildeten Publikum im ehrwürdigen Rahmen des Großen Musikvereinssaals ein solcher Skandal mit gegenseitigen Anfeindungen, die bis zu Raufereien ausarteten, entwickeln konnte. Zumal wenige Wochen vorher, am 23. Februar 1913, ebenfalls im großen Musikvereinssaal, mit glänzendem Erfolg Schönbergs Gurre-Lieder unter der Leitung von Franz Schreker uraufgeführt wurden. Allerdings wurden die Gurre-Lieder noch im Schönklang der Spätromantik komponiert.

Ein Teil der harschen Kritik beim Skandalkonzert bezog sich sicherlich auf den Abschied von der Tonalität in der Musik von Schönberg, Berg und Webern. Zudem stand Schönberg bei diesem Konzert nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent und Kompositionslehrer im Mittelpunkt und bot daher eine noch größere Angriffsfläche.

Vielleicht war es auch eine etwas verspätete Rache des Wiener Publikums. Denn Schönberg hatte sich beim großen Erfolg der Gurre-Lieder geweigert den Applaus entgegenzunehmen und so seine Kränkung über die frühere konservative Haltung des Wiener Publikums und dessen Ablehnung seiner Konzerte 1907 und 1908 zum Ausdruck gebracht.

Für viele Zuhörer*innen war aber das Ausmaß dieser Anfeindungen und Tumulte überraschend und schockierend. So schreibt der österreichischen Architekt Richard Neutra, ein Schüler von Adolf Loos, in seinem Tagebuch darüber: "[…] Nach der Schönberg-Symphonie, die mir trotz alldem noch einen Eindruck von Macht und Kunstwerk machte, ging ein höllischer Lärm los, auf der 2. Gallerie wurden ein paar Leute nach harter Rauferei hinausgeworfen. Die Lieder von Berg wurden aus unerfindlichem Grund durch schallendes Gewieher unterbrochen. Schon vorher hatte sich der Loos bis fast zu Tätlichkeiten eingelassen. Schönberg schrie ins Auditorium Drohungen hinein. Man brachte die Lieder noch zu Ende. Dann waren alle Grenzen offen, Leute forderten sich, wurden auseinandergerissen, brüllten, lachten, pfiffen. Der Arthur Schnitzler ist mir gegenüber ruhig in der Loge 2 gesessen. Jemand rief dem Publikum zu, sich gesittet zu benehmen oder zu gehen. Einer schrie „Lausbub“ zurück. Der erstere sprang hinunter und in den Haufen und haute dem vermeintlichen Schimpfer eine mächtige Ohrfeige herunter. […]" [3]

Konsequenzen

Für Erhard Buschbeck bedeutete dieses Skandalkonzert auch das Ausscheiden aus dem Verband für Literatur und Musik. Bei seiner letzten Generalversammlung am 2. Mai 1913 richtete er an die Anwesenden noch einen starken Apell über die Aufgaben dieses Verbandes: "[…] der Verband soll die Dinge tun, die in Wien sonst niemand macht – Radikale Richtung – nur auf diesem Wege kann der A. V. vorwärts kommen – Andere Wege sind nicht im Sinne d. Verbandes […] In musik. Beziehung wurden diejenigen vorgeführt, die von allen Seiten aufs stärkste angefeindet werden. Die aber durch ihren Ernst eine Unterstützung wert sind. Schönberg! und dessen Schüler […] Wir haben in einer ziemlich charakterlosen Zeit den Charakter bewahrt." [4]

Widmung an Erhard Buschbeck mit Anspielung auf das Watschenkonzert von Beatrix und Alexander Steinbrecher 1958 (WBR, HS, Teilnachlass Erhard Buschbeck, ZPH 1828, Archivbox 2, 3.7.1)


Veranstaltungshinweis

Dienstag, 14. Mai 2024, 18.30 Uhr
„Watschenkonzert“ – Das Skandalkonzert von 1913 in Wien
Aus der Reihe "Wiener Sternstunden. Höhepunkte der Kulturgeschichte"
Wappensaal des Wiener Rathauses
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Referenzen

[1] Arnold Schönberg: Postkarte an Erhard Buschbek, Berlin, 5. April 1913. Vgl. Hilmar, Ernst: "Arnold Schönbergs Briefe an den Akademischen Verband für Literatur und Musik in Wien" Österreichische Musik Zeitschrift 31/6, Juni 1976, S. 288.

[2] Arnold Schönberg: Brief an Erhard Buschbek, Berlin, 10. März 1913. Vgl. Hilmar, S. 287.

[3] Richard Neutra: Tagebuchblatt, Wien, 31. März 1913. Vgl. Szmolyan, Walter: „Schönbergs Wiener Skandalkonzert“ Österreichische Musik Zeitschrift 31/6, Juni 1976, S. 300.

[4] Mitgliedsbuch des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik, Bl. 1v (WBR, HS, Teilnachlass Erhard Buschbeck, ZPH 1828, Archivbox, 2, 3.7.1.)

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Links in das Wien Geschichte Wiki

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