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Im Lesesaal mit Stefan Üner

Der Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Wien 1900 über die Bedeutung der Digitalisierung des Lehmann und insbesondere der Volltextsuche

Stefan Üner

ein Portrait von Tanja Paar

„Mein erster Kontakt mit dem Lehmann war im Zuge eines Ausstellungsprojektes für das Hofmobiliendepot“, erzählt der Kunsthistoriker Stefan Üner. Sein Schwerpunkt ist die österreichische Moderne, insbesondere Wien 1900. „Damals, es war im Jahr 2017/18, recherchierte ich in der Wienbibliothek zu namhaften Möbelproduzenten der k. k. Donaumonarchie: Bernhard Ludwig, Bothe & Ehrmann, Friedrich Otto Schmidt, Gebrüder Thonet, Jacob & Josef Kohn, Portois & Fix und die Wiener Werkstätte. Das war sehr spannend, weil man im Lehmann anhand der Adressen und Geschäftsführer die historische Entwicklung der Betriebe verfolgen konnte. Diese Information habe ich dann in Kombination mit den Firmenbüchern am Handelsgericht abgeglichen.“

Gearbeitet, so erklärt der gebürtige Innsbrucker, habe er damals schon mit der Onlineausgabe des Lehmanns. Das Werk, dessen vollständiger Name „Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- und Gewerbe-Adressbuch für die k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und Umgebung“ lautet, wurde vom Namensgeber erstmals 1859 herausgebracht und erschien bis 1942 jährlich. Ende der 1990er-Jahre wurde den Nutzerinnen und Nutzern eine Mikrofilm-Ausgabe zugänglich gemacht, bevor der Lehmann 2011 digitalisiert wurde, und damit 119 Bände mit über 200.000 Seiten online und gratis zugänglich sind.

Volltextsuche

Neben Namen konnte und kann man nach einzelnen Berufsgruppen, Behörden und Branchen suchen. Allein im Jahr 1900 umfasste der Lehmann beinahe 1400 Seiten. „Man sieht daran auch gut, wie die Stadt und die Bevölkerung wuchs“, betont Üner. Er habe sich einmal interessehalber durch alle Bände geklickt und auch schon für zukünftige Arbeiten interessante Funde gespeichert. „Es gibt darin z. B. auch ganzseitige Werbeinserate, die sehr aufschlussreich sind“, erzählt er.

Ein Manko, das inzwischen bereits behoben wurde, war für ihn die zu diesem Zeitpunkt nicht mögliche Volltextsuche. Durch die verbesserte Texterkennung ist im Lehmann nun auch eine solche möglich. „Das ist natürlich eine enorme Erleichterung und Zeitersparnis“, sagt Üner. Überhaupt schätzt er die Bedeutung der Digitalisierung der Bestände hoch ein: „Ich nehme gern ein Buch zur Hand, aber ich arbeite auch viel und gerne online von meinem Notebook aus.“ Nur die aktuelle Tageszeitung, will er, Jahrgang 1982, lieber auf Papier lesen.

Klein, fein, stressfrei

„Ich bin ein recht klassischer User“, sagt er. „Was ich an der Wienbibliothek besonders schätze ist, dass ich bestellte Bücher noch am selben Tag und innerhalb weniger Stunden bekomme.“ Er mag „die Verfügbarkeit, das Ambiente, das historistische Flair“. Es sei „klein, fein, stressfrei“. Als besonderes Service empfindet er „den kostenlosen Bücherscanner bei der Buchausgabe“. Die Wienbibliothek ist für ihn besonders „barrierefrei“. „Die einzige Barriere hier sind die Münzen, die man für den Spind braucht“, sagt er lachend, „das könnte man noch verbessern.“

Ansonsten wünscht er sich noch mehr Digitalisierung der Bücher und Zeitschriften aus der Jahrhundertwende. „Natürlich ist das eine Frage der zeitlichen und finanziellen Ressourcen“, sagt er. Wichtig für seine Arbeit ist auch die bestmögliche Auflösung von digitalisierten Fotos. So habe er z. B. für seinen Artikel in der Zeitschrift „Steine sprechen“ zur Architekturgeschichte des Wohn- und Geschäftshauses von Bothe & Ehrmann, das von Ernst Epstein 1912/13 in der Schlossgasse in Wien V. errichtet wurde, eine Vergleichsabbildung gesucht. Die sei zwar in der Wienbibliothek vorhanden gewesen, aber in einer zu geringen Auflösung für den Druck. Es sei schon so viel geleistet worden in Sachen Digitalisierung und natürlich brauche das seine Zeit. „Eine Bildauflösung kann nie hoch genug sein“, sagt er lachend. Und: „Ich will immer das Maximum in meiner Arbeit herausholen.“ Man glaubt ihm seine Liebe zur Perfektion und zum Detail. In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er damit nach seinem Studium der Kunstgeschichte, das er in Innsbruck begann und in Wien abschloss, bestens aufgehoben.

Werkverzeichnis Koloman Moser

„Ich habe für das Belvedere von 2010 bis 2016 das Werkverzeichnis Koloman Moser angefertigt.“ Auch dafür habe er viel in der Wienbibliothek recherchiert. „Ich habe zum Beispiel ein Skizzenbuch von Koloman Moser vermessen“, erzählt er. Dieses sei ihm extra im Original ausgehändigt worden, damit er die genaue Größe der einzelnen Seiten für das Werkverzeichnis ausmessen konnte. Dafür sei er natürlich in der Präsenzbibliothek gesessen, auf seinem Lieblingsplatz im Mittelraum. „Da gibt es wegen der großen Fenster viel Tageslicht und die Sessel sind ausgezeichnet.“ Derzeit mache er gerade für das Belvedere das zeichnerische Werk Koloman Mosers fertig. Parallel schreibt er Beiträge für Zeitschriften und arbeitet an Ausstellungskonzepten. Hauptberuflich arbeitet er aber für die Sammlung Hainz am Werkverzeichnis Kurt Absolon. „Der Maler und Grafiker ist 1958 bei einem tragischen Autounfall viel zu früh verstorben“, erklärt er. Auch für diese Recherche gehe er jede Woche mehrmals in die unterschiedlichsten Bibliotheken, die Wienbibliothek ist eine davon.

Öffnungszeiten

Der einzige Wunsch, den er bezüglich möglicher Verbesserungen an alle Bibliotheken formulieren möchte: „Die Öffnungszeiten würde ich mir erweitert wünschen. Weniger in den Abend- oder Morgenstunden, aber am Wochenende wäre es wunderbar. Öffnungszeiten von Montag bis Sonntag, ja das wäre was. Für die Präsenz und die Entlehnung.“

 

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