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Objekt des Monats November 2022: Ein kompromittierender Brief an Carl Michael Ziehrer

Johann Emerich Hasel: Eigenhändiger Entwurf eines Briefs an Carl Michael Ziehrer [Wien, 20. 4. 1900]. H.I.N.-43130, Wienbibliothek im Rathaus

Am 14. November 2022 jährt sich der Todestag Carl Michael Ziehrers (1843–1922), des letzten k. k. Hofball-Musikdirektors. Seine glänzende Karriere hatte aber auch eine dunkle Seite. Bis heute wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass nicht alles, was unter seinem Namen veröffentlicht wurde, auch tatsächlich aus seiner Feder stammt. Ein bislang nicht beachteter Entwurf eines Briefs seines einstigen Lehrers Johann Emerich Hasel (1828–1900) an ihn liefert nun den Beweis.

Katapultstart ins Musikgeschäft

1863 trennten sich die Brüder Strauss im Streit von ihrem Verleger Carl Haslinger und wechselten zur Konkurrenz. Auf der Suche nach Ersatz für seine Zugpferde stieß Haslinger auf den talentvollen jungen Ziehrer, der sich mit eigenen kleinen Kompositionen in Wiener Salons hören ließ. Ein ganzes Orchester zu befehligen und dieses mit eigenen Kompositionen zu versorgen war jedoch eine andere Sache, und so vermittelte Haslinger eine entsprechende Unterweisung Ziehrers bei Hasel. Die Zeit drängte, doch ist die Beherrschung eines Orchesterapparats nun einmal nicht in wenigen Wochen oder Monaten zu erlernen. In dieser Situation konnte Hasel dazu gewonnen werden, sich als Ghostwriter für Ziehrer zu betätigen. Selbigen Umstand hat Letzterer nicht nur ein Leben lang verschwiegen, sondern sogar, wie noch zu zeigen sein wird, zu vertuschen versucht.


Carl Michael Ziehrer: Concert-Ouverture, op. 91, in Wahrheit ein Werk Johann Emerich Hasels. Klavierauszug, Wien: Carl Haslinger, [1867(?)]. Mc-2386, Wienbibliothek im Rathaus

Die Geister der Vergangenheit

Vermutlich wäre die Sache nie ans Licht gekommen, wäre Hasel nicht am Ende seines Lebens in Armut geraten. In seiner Not wandte er sich im April 1900 an seinen einstigen Schüler und erinnerte ihn an seine früheren, schlecht entlohnten Dienste: „Deinen Ruhm und durch ihn Deine Wohlhabenheit, dankst Du aber, lege die Hand aufs Herz, mir: den vielen meiner guten Compositionen auf Deinen Namen; hättest Du mit Compositionen wie ‚Singen, Lachen und Tanzen‘ Dein erstes Debut i. J. 1863 eröffnet, Du wärst nicht beachtet worden, ja hättest entschieden fiasco gemacht!“ Hasel hatte von Ziehrer bereits zuvor eine nachträgliche Entschädigung von 10.000 Gulden erbeten. Nachdem die Summe im Verhandlungsweg auf die Hälfte reduziert worden war, Ziehrer jedoch nach der Zahlung von 4.500 Gulden in Raten jede weitere Zuwendung verweigert hatte, forderte Hasel nunmehr auch die letzte Rate ein.

Die Sache wird heiß

Vier Monate und eine Woche später war Hasel tot. Wenn Ziehrer geglaubt haben sollte, damit wäre die Sache erledigt gewesen, so hatte er sich arg getäuscht, denn nun nahm Hasels Witwe Franziska die Sache in die Hand. Sie drohte Ziehrer mit kompromittierenden Enthüllungen und beschritt damit einen Weg, den sich ihr verstorbener Gatte zeitlebens versagt hatte. Ziehrer kam der Geldforderung nach. Als der Sachverhalt in der Presse aber dennoch thematisiert wurde, vermeinte er die Angelegenheit nur mehr aus der Welt schaffen zu können, indem er zwei windige Detektive auf Frau Hasel ansetzte, die ihr unter Vorspiegelung falscher Versprechungen sämtliches belastendes Material entlockten. Dazu zählte auch der zitierte Briefentwurf. Danach kam die Sache vor Gericht. Angeklagt waren die beiden Detektive, die mit einer fadenscheinigen Begründung freigesprochen wurden. Ziehrer musste lediglich als Zeuge aussagen; dadurch aber kamen seine Machenschaften ans Licht, was seinen Ruf beschädigte.

Karl Kraus klagt an

Karl Kraus hatte sich schon 1902, kurz nach den ersten enthüllenden Presseberichten, mit zwei scharfen Artikeln an die Spitze der Kampagne gegen Ziehrer gesetzt. 1904 zerpflückte er nicht nur das Gerichtsurteil, sondern auch die Behauptung Ziehrers, er hätte den belastenden Briefentwurf „gleich nach Erhalt in einer Aufwallung des Zornes über die darin enthaltenen Beschimpfungen seiner Eltern zerrissen“. Vielmehr hätte „nur die Beharrlichkeit, mit der Hasel seine Autorrechte geltend machte, die Empörung des Herrn Ziehrer geweckt“. Ziehrers Vater hatte Hasel seinerzeit engagiert. Die darauf Bezug nehmende Stelle in dem Dokument, das Kraus zur Einsicht vorgelegen war, ist sehr höflich formuliert; von Beschimpfungen findet sich auch andernorts keine Spur. Dass das Schriftstück gar nicht vernichtet wurde, konnte Kraus nicht ahnen.

Ein Beweisstück für alle Zeiten

Darüber, auf welchem Weg der undatierte Briefentwurf an die Witwe Hasel zurück gelangt ist, kann nur gemutmaßt werden. Fest steht, dass 1910 auf ihr Betreiben die drei Blätter zusammen mit den Tagebüchern und dem künstlerischen Nachlass Hasels von den Städtischen Sammlungen, aus denen die Wienbibliothek im Rathaus und das Wien Museum hervorgingen, erworben wurden. Franziska Hasel hat die Transaktion nicht mehr erlebt; sie starb am drittletzten Tag des Jahres 1909. In welchem Verhältnis die Verkäuferin Anna Hausner zu ihr steht, wäre noch zu erforschen. Der Briefentwurf, eine Gratisbeigabe zum Kauf, wurde erst 1929, wohl versehentlich unter zwei Inventarnummern und Signaturen, verbucht. Das Datum der Abfassung konnte anhand des Inhalts und der Tagebücher auf den 20. April 1900 eingegrenzt werden.


Brief von Franziska Hasel an Stadtrat Hans Arnold Schwer über die Schätzung des Nachlasses ihres verstorbenen Gatten, 1. Seite, Wien, 13.2.1909. H.I.N.-249102, Wienbibliothek im Rathaus

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Johann Emerich Hasel: Eigenhändiger Entwurf eines Briefs an Carl Michael Ziehrer [Wien, 20. 4. 1900]. H.I.N.-43130, Wienbibliothek im Rathaus
Johann Emerich Hasel: Eigenhändiger Entwurf eines Briefs an Carl Michael Ziehrer [Wien, 20. 4. 1900]. H.I.N.-43131, Wienbibliothek im Rathaus
Johann Emerich Hasel: Eigenhändiger Entwurf eines Briefs an Carl Michael Ziehrer [Wien, 20. 4. 1900]. H.I.N.-43131, Wienbibliothek im Rathaus
 

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