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Neu in der Benützung: Familienarchiv Molden (ZPH 1787)

Ernst Molden © Wienbibliothek im Rathaus

Bei dem lässig in seinem Fauteuil mit einem Stoffbezug der Wiener Werkstätte sitzenden Mittzwanziger handelt es sich um Ernst Molden (1886–1953). Es ist das Porträt eines jungen Intellektuellen in seiner Arbeitsklause, der sich dem intensiven Studium zu widmen scheint. Dabei träumt er eher von einer ereignisreichen Zukunft. Seine tatsächlich aufsehenerregende Karriere spiegelt sich auch im Familienarchiv Molden wider, das die Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus Anfang 2019 aus Familienbesitz übernommen hat. Im Bestand wird über ein Jahrhundert Familiengeschichte dokumentiert, beginnend mit Ernst Moldens Großvater Wilhelm Moldauer, Kaufmann zu Leipzig. Es sind dessen Söhne Berthold (1853–1942) und Heinrich (1866–1942), die seit 1893 offiziell als „Molden“ firmierten. Unter diesem Namen sollten Familienmitglieder in den Jahrzehnten danach und bis heute nicht nur Wiener Stadt-, sondern vielmehr auch österreichische, ja internationale Geschichte schreiben. Letzteres trifft besonders auf Berthold Molden zu, der als politischer Redakteur für die „Wiener Allgemeine Zeitung“ und „Fremden-Blatt“ arbeitete, dessen publizistisches Pfund sich auch der k. k. Außenminister Leopold Graf Berchtold zunutze machte, als mit 1. Oktober 1913 ein Papier über Moldens „Verwendung im Interesse des Ministeriums des Äußern“ schriftlich fixiert wurde; das entsprechende Dokument zählt zum Bestand. Besonders bewegend sind die letzten Korrespondenzstücke der Brüder Berthold und Heinrich Molden, die angesichts der NS-Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik – das beiden gemeinsame Sterbejahr lässt es vermuten – zur Schicksalsgemeinschaft wurden. Heinrich Molden, der als Kaufmann in Leipzig, Wels, Linz und Marchtrenk gelebt hatte, übersiedelte erst spät nach Wien zu seiner Familie. Während Berthold Molden noch in Wien verstarb, scheiterten alle Fluchtpläne seines Bruders: Heinrich Molden wurde am 28. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er keine vier Wochen später am 23. Juli ums Leben kam.

Der Tod und dessen Rites de Passage stehen immer wieder im Mittelpunkt der überlieferten Dokumente. So bei Margarethe (1888–1894) und Richard (1894–1915), den Geschwistern von Ernst Molden. Als die Schwester noch nicht einmal 6-jährig verstarb, kondolierte kein anderer als Johannes Brahms „in herzlicher Theilnahme Ihrer gedenkend!“ Besonders zu Herzen geht ein Kinder-Visitkärtchen, das wohl aufbewahrt wurde, weil es eine Zeichnung des Mädchens zeigt. Der jüngere Bruder Richard fiel am 19. September 1915 „nächst Gorodok in Wolhynien“, wie es in der Parte heißt. Der überlieferte „Dienstzettel“ des Mobilen Reserve Spitals 5/5 teilt mit, dass der Kadett einer „Schrapnellschußverletzung“ erlegen sei. Dies nutzte Berthold Molden, um sein verbliebenes Kind aus der Schusslinie zu nehmen. 1916 intervenierte er beim Kriegsministerium und erreichte die Versetzung seines Sohnes Ernst. Der promovierte Historiker und Orientexperte, inzwischen mit Paula von Preradović verheiratet, wechselte in das diplomatische Korps des Kaisers und ging als Presseattaché zunächst an die Gesandtschaft nach Kopenhagen, später nach Den Haag. Es ist vor allem diese frühe Zeit Ernst Moldens, die im Bestand dokumentiert ist, noch bevor er als stellvertretender Chefredakteur der „Neuen Freien Presse“ (1924–1938) und Begründer der Tageszeitung „Die Presse“ (1946) zum Grandseigneur der österreichischen Zeitungswelt wurde. So dürften auch die zahlreichen enthaltenen Fotografien vom Trauerkondukt Kaiser Franz Josephs I., von der Krönung Karls I. zum König von Ungarn in Budapest sowie die über 150 Aufnahmen von zahlreichen Persönlichkeiten, Schauplätzen und Ereignissen aus dem Ersten Weltkrieg den Verbindungen Ernst Moldens zu verdanken sein.

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