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Objekt des Monats September 2022: Ganz und gar „nicht wie der Bibliothekar Schippel“

Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag an Walter Obermaier

Johann Nestroy: Mein Freund. I. Akt, Szene 1 (Ausschnitt), Reinschrift mit eigenhändigen Korrekturen, H.I.N. 100601, Wienbibliothek im Rathaus

„In der That bewähren sich im bibliothekarischen Kreise recht eigentlich die Worte: Suchet, so werdet ihr finden. Darum aber sey auch der Bibliothekar ein hundertäugiger Argus, spähe bald mit bald ohne Absicht (denn auch das absichtslose Suchen lehrt Treffliches finden) alle Theile seiner Bibliothek durch, und zeichne sich fleißig auf, was er von diesen Wanderungen mit zurück bringt. Ohne Ertrag wird er nie zurückkommen, die Bibliothek sey so klein, als sie wolle.“ (Friedrich Adolf Ebert: Die Bildung des Bibliothekars. Leipzig: Steinacker und Wagner 1820, S. 50f.)

Ein in diesem Sinne großer Wanderer ist das Geburtstagskind Walter Obermaier, der im September seinen 80. Geburtstag feiert und über 35 Jahre an der heutigen Wienbibliothek im Rathaus gewirkt hat.

Walter Obermaier und Johann Nestroy

Frisch promoviert mit der Dissertation „Die Wiener Hofburg im Spätmittelalter“ kam Walter Obermaier 1967 als Fachreferent an die Handschriftensammlung der damaligen Wiener Stadtbibliothek, wurde 1975 Leiter der Sammlung und stand dem Haus von 1999 bis zu seiner Pensionierung Ende 2003 als Direktor vor. Sein Renommee erwarb er sich insbesondere als Experte für die Altwiener Volkskomödie, ein Genre, das die Handschriftensammlung mit wichtigen Beständen etwa zu Johann Nestroy, dessen Todestag sich im Mai 2022 das 160. Mal jährte, oder Ferdinand Raimund zu einer wichtigen Adresse für die Erforschung der österreichischen Literatur und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts machte.

Als einer der Hauptherausgeber der von 1977 bis 2012 in insgesamt 58 Bänden (inkl. Ergänzungsbände) erschienenen Historisch-kritischen Nestroy-Ausgabe hat sich Walter Obermaier ebenso ausgewiesen wie in der Verantwortung der Einzelbände der Stücke „Der holländische Bauer oder ‚Sie sollen ihn nicht haben!‘“ (1997), „Karrikaturen-Charivari mit Heurathszweck“ (1998) und „Alles will den Prophet’n seh’n und Verwickelte Geschichte!“ (1999) sowie der Briefe (1977/2005) und Dokumente (2009, mit Hermann Böhm).

Der Germanistik-Grande Wendelin Schmidt-Dengler, Nestroy-Kenner und -Liebhaber, der im Mai dieses Jahres ebenfalls seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, hielt in seiner Laudatio anlässlich der Fertigstellung der Nestroy-Ausgabe fest: „Walter Obermaier [ist] der Bibliothekar, der Archivar, der seine Schätze nicht wie der Bibliothekar Schippel fafnerartig behütet, sondern einen liebevoll leidenschaftlichen Umgang mit den Objekten seiner Sammlung pflegt und publikumsfreundlich die Pforten dem Interessierten öffnet, wohl wissend, daß dies die Aufgabe der Bibliotheken und Archive ist“ (Wendelin Schmidt-Dengler: Laudatio für die Herausgeber der Nestroy-Ausgabe, Bundeskanzleramt 7.12.2001. In: Nestroyana 22 (2002), H. 1/2, S. 91–94, hier S. 93). Der Fáfnir in der isländischen „Völsunga saga“ ist der starke Verteidiger und Hüter des Hauses des Vaters, der in Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ zum Fafner wird. Was Schmidt-Dengler in seiner kenntnisreichen und mit Wortspiel garnierten Laudatio für die vier Hauptherausgeber der Historisch-kritischen Nestroy-Ausgabe (neben Obermaier Jürgen Hein, Johann Hüttner und W. Edgar Yates) bei der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse zu unserem Jubilar resümierte, ist das Gegenteil von Schippl, dem Ladendiener der Leihbibliothek des Herrn Hummer in Johann Nestroys Posse „Mein Freund“.

„Mein Freund“ und der Bibliothekar Schippl

Schippl hat so gar keine der eingangs zitierten bibliothekarischen Ideale: Er will nicht arbeiten, ist daher auch nicht an Kundschaft interessiert und stolz darauf, die potenzielle Leserschaft über die Jahre in die Flucht geschlagen zu haben. Nach dem Vorspiel, das die sechs Jahre zurückliegende Ursprungsgeschichte zum Inhalt hat, gehört dem Arbeitsverweigerer und Opportunisten mit der Mutter der neu engagierten Bibliotheksangestellten Marie der erste Auftritt:

„SCHIPPL. Unser Leihbibliothek war so still, so ordentlich, – ich hab’s den Leuten austrieb’n das ewige Bücherumtauschen, Comisseckier’n – ang’schnurrt hab ich s’, daß sich fast Niemand mehr hereintraut hat um ein Buch; – kurzum, ich hab’ mir das G’schäft so eing’richt’t, daß es a Gusto war für ein’n alten Diener.
THERES. Ihrem Herrn kann das aber unmöglich ang’nehm g’wesen seyn.
SCHIPPL. Ja der, der nimmt ka Rücksicht auf ein’n alten Diener. A schön’s G’sichtel hat müssen in ’s G’wölb. Seinen Zweck hat er erreicht, der Egoisterer! Ihre Marie, mit ihrer dalketen Neigung für ’s Publikum kennt sich nicht aus vor Freundlichkeit und Diensteifer, das ziegelt Abbonnenten; Kundschaften, wo ich g’laubt hab’, ich hab s’ vertrieben auf ewige Zeiten tauchen wieder auf, mit ein’n Wort, das is jetzt a G’stanz im G’wölb von Fruh bis spät Abend’s.“ (I. Akt, 1. Szene)

Nicht genug, dass eine junge Frau durch ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft Schippl Konkurrenz macht, wird auch noch Schlicht, der Protagonist des Stücks und entfernter Vetter von Maries Mutter, als Geschäftsführer eingestellt. Dem Besitzer der Leihbibliothek kontert Schippl in typisch dialektischer Witzmanier auf die Frage, wodurch er sein Gehalt eigentlich verdiene:

„Was ich thu’? ah das is starck! thu’n soll ich auch noch was! Ich bin ein alter Diener, in der Fruh schau’ ich auf Alles, unter Tag’s heißt’s wieder auf Alles schau’n, und auf d’ Nacht leg’ ich mich nicht nieder, bis ich nicht auf Alles g’schaut hab’; is das nicht genug?“ (I.8)

Während die Leihbibliothek, Leseverhalten, Lektürehinweise oder Druckerwesen, besonders im Vorspiel und im ersten Akt eine Rolle spielen, bleibt Schippl, bei der Uraufführung 1851 von Nestroys langjährigem Bühnenpartner Wenzel Scholz verkörpert, in allen drei Akten als intrigante und opportunistische Figur erhalten. Das ‚Kriminalstück‘, das letztlich auf die Lösung eines Brillantendiebstahls durch Schlichts früheren Freund Julius Fint (selbst geadelt zu Hohenfint) hinausläuft, ist an der Wienbibliothek im Rathaus in verschiedenen Ausbaustufen anschaulich überliefert. Über 30 Signaturen beinhalten Notizen zur Personen- und Textgestaltung, Entwürfe einzelner Szenen und Szenenfolgen und Manuskriptteile, die wie so oft bei Nestroy in den Entwurfsfassungen schwer zu entziffern sind und auch den Editoren der Werkausgabe über Jahrzehnte zu schaffen machten.

Quelle

  • Johann Nestroy: Mein Freund. In: Ders.: Stücke 30. Hg. von Hugo Aust (= Johann Nestroy. Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe). Wien: Deuticke 2001, S. 5–112.

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Johann Nestroy: Mein Freund. I. Akt, Szene 1 (Ausschnitt), Reinschrift mit eigenhändigen Korrekturen, H.I.N. 100601, Wienbibliothek im Rathaus
Johann Nestroy: Mein Freund. I. Akt, Szene 1 (Ausschnitt), Rohfassung, H.I.N. 94300, Wienbibliothek im Rathaus
 

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