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Am 25. April sowie am 8., 15. und 16. Mai 2018 schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats Juni 2009: Kalender aus dem frühneuzeitlichen Wien

Titelseite des "Almanachs" von Bartholomäus Reisacher

Für die Druckschriftensammlung der Wienbibliothek konnten im Herbst vergangenen Jahres zwei besondere Kostbarkeiten erworben werden. Es handelt sich dabei um Fragmente zweier Kalender auf das Jahr 1563, die im Jahr 1562 in der Werkstatt des Wiener Buchdruckers Michael Zimmermann gedruckt wurden. Von den überaus seltenen Kalendern sind nur jeweils ein (ebenfalls fragmentarisches) Exemplar in der Bibliothek der Matica Slovenská in Martin (Slowakei) nachgewiesen (vgl. Seethaler, Das Wiener Kalenderwesen, Band I, S. 121; Band II, Nr. 103 und 104).

Die ursprünglich wohl vollständigen Kalender waren nach ihrem Gebrauch zerlegt worden, die einzelnen Blätter wurden darauf als Makulaturmaterial zur Verstärkung eines jüngeren Einbandes verwendet. Aus dieser Jahrhunderte langen Zweckentfremdung erklärt sich auch der schlechte Erhaltungszustand; nur einzelne Doppelseiten sind noch vorhanden (vier bzw. fünf doppelseitig bedruckte Bogen), diese sind teils stark gewellt, verfärbt und wurmstichig. Die Blätter konnten erst kürzlich bei Restaurierungsarbeiten in den Niederlanden wiederentdeckt werden.

Vom Druckbild her sind sich der deutschsprachige "Almanach" von Bartholomäus Reisacher und das lateinische "Diarium" des Melchior Klayber sehr ähnlich. Auf der Titelseite prangen der Reichsadler und die Wappen von Österreich und Wien in Holzschnitt und - in der Holzschnittumrahmung - die Stadtansichten von Pressburg, Ödenburg und Wien sowie 15 weiterer österreichischer Städte. Einige dieser Holzschnitte – namentlich diejenigen von Bruck an der Leitha, Bruck an der Mur, Eisenstadt, Hainburg, Judenburg, Ödenburg, Tulln, Wels oder Wiener Neustadt - stellen dabei die ältesten Ansichten dieser Städte überhaupt dar.

Über die Urheberschaft der Abbildungen gibt es nur Vermutungen, von Georg Wacha wurden etwa Hanns Lautensack, von dem eine stilistisch verwandte Ansicht Steyrs überliefert ist, oder Augustin Hirschvogel ins Spiel gebracht. Jedenfalls wurden die Miniaturveduten bis ins 17. Jahrhundert immer wieder für eine ganze Reihe von Kalendern verwendet (vgl. Georg Wacha, Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1967, S. 10, und Gertrude Höss, ebenda, S. 66-67).

Aderlassmann

Auf der Titelrückseite des "Almanachs" von Bartholomäus Reisacher ist außerdem ein so genannter Aderlassmann abgebildet, der – umgeben von Tierkreiszeichen – Einblick in die medizinischen Vorstellungen um die Mitte des 16. Jahrhunderts gewährt. Eines der ältesten Beispiele für einen solchen Aderlass-Kalender ist die berühmte "Tabula minutionum super meridiano Budensi", die 1495 bei Johannes Winterburger in Wien gedruckt wurde, von der in Österreich allerdings nur ein Exemplar erhalten ist (Stiftsbibliothek Klosterneuburg).

Die beiden Autoren der Kalender waren als Professoren für Mathematik an der Universität Wien tätig. Melchior Klayber stammte aus Weißenhorn bei Ulm, Bartholomäus Reisacher, der 1570 auch Rektor der Universität Wien war und 1574 starb, kam hingegen aus Waltenstein in Kärnten. Neben mathematischen und astronomischen Schriften verfasste letzterer dichterische Werke und widmete sich namentlich auch der Medizin und Arzneikunde, woraus sich die Darstellung des Aderlassmannes erklärt. Gedruckt wurden die beiden Kalender in der Offizin des Michael Zimmermann. Der vermutlich aus Augsburg stammende Drucker war in der Werkstatt des Egydius Adler (Aquila) in Wien beschäftigt gewesen, bevor er nach dessen Tod im Jahr 1552 dessen Witwe heiratete und die Druckerei im St. Annenhof in der Wiener Johannesgasse selbst weiterführte. Unter anderem ist Zimmermann auch dafür berühmt, dass er als erster im deutschen Sprachraum Bücher in syrischer und arabischer Schrift druckte (Mayer, Wiens Buchdrucker-Geschichte I, S. 71).

Die beiden Wiener Kalender für das Jahr 1563 reihen sich als besondere Zimelien in die überaus reiche Kalender-Sammlung der Wienbibliothek ein, die vom Jahr 1495 bis in die Gegenwart reicht. Im Jahr 1976 wurde dieser interessante Bestand der Wienbibliothek bereits einmal in einer Wechselausstellung gewürdigt. In der Systematikgruppe 95.5 (Kalender, Almanache) des Druckschriftenkatalogs sind derzeit knapp Tausend Kalendertitel in mehreren Tausend Bänden erfasst und online recherchierbar.

Literaturangaben

Reisacher, Bartholomaeus:
Almanach || durch Barptolomeum || Reysacher, der Ertzney Doctor || auch einer Ersamen Landschafft inn || Cärntn bestelten Physicum, auf die || Stat Wienn gemacht, dits || M.D.LXIII || Jar. - Wienn in Osterreich: durch Michaelen Zim[m]erman in S. Aaneri hof, [1562]. - [4] Doppelbl. : Ill. (Holzschn.) ; 4° (ca. 21,5 x 31,5 cm)
4 Doppelblatt aus Bogen A und B: Titel/Juli, Jänner/Juni, Februar/Mai, August/Juli. - Rot-schwarz gedruckter Titel mit Holzschnittumrahmung mit Ansichten von Wien, 15 österreichischen Städten, Pressburg und Ödenburg.
Bibliogr. Nachweis: Seethaler, 2, Bibliogr. der Wiener Kalenderdrucke, S. 545, Nr. 104.
WBR, DS, Sign.: C 301927

Klayber, Melchior:
Diarivm || Cvm Ivdicio A- || strologico. || Per Magistrum Klayberum à || Weyssenhorn, in Archigymnasio Viennensi || professorem Mathematum ordinari- || um Ad Annum Christi Salva- || toris nostri. || M.D.LXIII.. - Viennae Austriae: Excudebat Michael Zimmerman, [1562]. - [5] Bl. : Ill. (Holzschn.) ; 4° (ca. 21 x 31,5 cm). 5 Doppelblatt: Titel/März, Jänner/Februar, April/Juli, Mai/Juni, September/Dezember. - Rot-schwarz gedruckter Titel mit Holzschnittumrahmung (Ansichten von Wien, von 15 österreichischen Städten und von Pressburg und Ödenburg)
Bibliogr. Nachweis: Seethaler, Bibliographie der Wiener Kalenderdrucke, 2, S. 545, Nr. 103.
Sign.: C 301928

Archiv der Objekte des Monats 2009

Titelrückseite des "Almanachs" von Bartholomäus Reisacher