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Objekt des Monats November 2021: Auf Stein gedruckt – "III leichte Sonaten fürs Clavier" von Franz Gleißner (1761-1818)

Der Musikdruck mit der Verlagsnummer 1 des Erfinders der Lithografie Alois Senefelder (1771-1834)

Franz Gleißner: III leichte Sonaten fürs Clavier mit willkührlicher Begleitung einer Violine [1803], Ausschnitt des Titelblattes, Mc-28073, Wienbibliothek im Rathaus

Die Entdeckung des Steindrucks

Es ranken sich verschiedene Legenden um die Entdeckung des Steindrucks durch Alois Senefelder, dessen Geburtstag sich am 6. November 2021 zum 250. Mal jährt. So soll er während eines Spaziergangs an einem Regentag beobachtet haben, wie sich ein Blatt eines Baumes auf einem Kalkstein abgebildet hatte. Das biografische Lexikon von Constantin von Wurzbach wiederum berichtet, dass beim Versuch Senefelders, ein nasses Blatt Papier zu trocknen, sich ein Stempel durch einen feuchten Schleifstein, den er zum Beschweren benutzt hatte, auf das Papier abgedruckt hatte. Dieser Schleifstein war zuvor in Kontakt mit dem mit Tinte angefeuchteten Stempel gekommen und so ergab sich ungewollt ein Abdruck vom Stempel über den Stein auf das Papier.

Die neueste Forschung hält den sogenannten Wäschezettel-Bericht für die wahrscheinlichste Variante: Der in München lebende Theaterschriftsteller, Musiker und Komponist Senefelder war schon länger auf der Suche nach einer kostengünstigeren Drucktechnik als dem Kupferstich, bei dem ein Text, ein Bild oder Musiknoten mit einem Grabstichel seitenverkehrt in eine Kupferplatte eingegraben werden mussten. So ritzte er in einem Versuch einen Text in eine auf einem Stein aufgebrachte Schutzgrundierung. Dieser Text konnte dann mit einer Säure tiefer geätzt werden und man erhielt eine tiefergelegte Druckform, wie beim Kupferstich. Als nun im Hause Senefelder gerade Waschtag war, sollte er eine Liste der Kleidungsstücke schreiben, die von der Wäscherin abgeholt werden sollten, und da gerade kein Papier zur Hand war, schrieb Senefelder den Wäschezettel mit einer Wachstinte auf eine seiner Steinplatten, auf der allerdings noch kein Ätzschutz aufgebracht war. Später kam er auf die Idee, diese Platte mit Scheidewasser (verdünnter Salpetersäure) zu ätzen, wodurch sich seine Wäscheliste leicht vom Stein abhob und er sie mit Druckfarbe einfärben und abdrucken konnte.

Die Steindruckerei von Alois Senefelder und Franz Gleißner

Die ersten gesicherten Versuche auf dem Feld der Lithografie machte Alois Senefelder im Jahr 1796, zusammen mit dem deutschen Komponisten und Hofmusiker am Münchner Hof Franz Gleißner, der ihn förderte und auch finanziell unterstützte. Das Prinzip ihrer neuen Drucktechnik beruht darauf, dass auf einer plan geschliffenen Steinplatte die zu druckenden Musiknoten seitenverkehrt mit einer fetthaltigen Tinte geschrieben werden. Danach wird diese Steinplatte mit Ätzflüssigkeit behandelt. An den Stellen, wo sich keine Noten befinden, dringt die Flüssigkeit in die Poren des Steins ein. Wird dieser feuchte Stein nun mit Druckerschwärze eingewalzt, bleibt die Farbe nur an den geschriebenen Noten haften. Der restliche, mit Ätzflüssigkeit behandelte Bereich stößt die Farbe ab, da sich Fett und Wasser bzw. Ätzflüssigkeit nicht verbinden. Wird der Stein nun mit einem speziell beschichteten Papier bedeckt, werden die Noten durch den hohen Druck einer Steindruckpresse vom Stein auf das Papier übertragen. Damit gehört die Technik der Lithografie zu den Flachdruckverfahren, die im Vergleich zum bis dahin üblichen Tiefdruckverfahren des Kupferstichs nur ein Fünftel kostete und sich dementsprechend rasch im 19. Jahrhundert verbreitete.

Bereits 1799 erlangten Alois Senefelder und Franz Gleißner vom bayerischen Kurfürsten Maximilian IV. Joseph für ihre Druckerei ein „Privilegium exclusivum“ auf die Dauer von 15 Jahren. Ihre Steindruckerei firmierte jetzt unter dem Namen „Königliche alleinprivilegirte Steindruckerey von Aloys Senefelder, Franz Gleißner & Comp. in München“.

Das erste Verlagsverzeichnis

Aber auch in Frankreich, England, Preußen und Österreich wurden Patente erworben. Und so finden wir in der Wiener Zeitung Nr. 60 vom 27. Juli des Jahres 1803 das letztgenannte Privileg angezeigt:

„Nachricht von der mit einem allerhöchsten k. k. Privilegio exclusivo errichteten chemischen Druckerey in Wien. […] Ich habe schon mehrere Arbeiten von dieser meiner Erfindung geliefert, und war so glücklich, den einstimmigen Beyfall aller Kenner damit zu erhalten […] Die in dem Anhange verzeichneten Musicalien sind in meiner Druckerey schon vollendet, und werden entweder in der Druckerey selbst in der Josephstadt in der Kaisergasse Nr. 5, oder aber in der Stadt in der Buchhandlung des Hrn. Peter Rehm’s seel. Wittwe am Kohlmarkt käuflich hindangegebenl […] Wien den 20. Juli 1803. Alois Senefelder.“

Im obengenannten Anhang, dem ersten Verlagsverzeichnis mit den Inkunabeln der Lithografie aus dem Jahr 1803, finden wir 21 Musikdrucke: Sechs Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, vier von Luigi Cherubini, zwei von Joseph Haydn, ein Werk von Theodor Grünberger und nicht weniger als acht Werke von Franz Gleißner – darunter auch die III leichten Sonaten fürs Clavier mit willkührlicher Begleitung einer Violine mit der prestigeträchtigen Verlagsnummer 1.

Zweifelsohne verdankt der heute nahezu unbekannte Franz Gleißner diese prominente Stellung im ersten Verlagsverzeichnis, neben Musikergrößen wie Mozart und Haydn, seiner Freundschaft zu Alois Senefelder, der hier für seinen Unterstützer und Mitkämpfer ein „steinernes“ Musikdenkmal mit der Nr. 1 geschaffen hat.

Literatur und Quellen

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Archiv der Objekte des Monats 2021

Franz Gleißner: III leichte Sonaten fürs Clavier mit willkührlicher Begleitung einer Violine [1803], 1. Seite der Klavierstimme, Mc-28073, Wienbibliothek im Rathaus
Alois Senefelder im Porträt, TF-009628, Wienbibliothek im Rathaus
 

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