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Objekt des Monats Juli 2020: „Sara! nimb den Jäckl mit …“

Ein antijüdisches Spottgedicht anlässlich der Vertreibung der Juden aus Wien im Juli 1670

"Wehemütiges Klag-Lied : Von denen auff Ewig vertriebenen Juden zu Wien hinterlassen ..." (E-64606)

Die Gründung der Leopoldstadt, die sich heuer zum 350. Mal jährt, hat eine tragische und für Wien äußerst unrühmliche Vorgeschichte: die Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus der Stadt. Als Tag, an dem die Juden den Unteren Werd, wo sie seit 1625 per kaiserlichem Privileg ihre eigene „Judenstadt“ bewohnten, räumen mussten, war der 25. Juli 1670 festgesetzt worden. Wenig später waren die jüdischen Häuser leer, die Synagoge zur katholischen Leopoldskirche umgewidmet und das jüdische Viertel bekam den Namen „Leopoldstadt“, den der 2. Bezirk noch heute trägt.

Zu ihrem Schaden mussten die unglücklichen Exilanten auch noch den Spott der christlichen Bevölkerung ertragen. Der Jurist und Schriftsteller Matthias Abele (1616/18–1677) trug der boshaften Stimmung auf seine Weise bei, indem er unter dem Titel „Wehemütiges Klag-Lied, von denen auff ewig vertriebenen Juden“ (Sign. E-64606) ein Spottgedicht verfasste und drucken ließ, das die Opfer scheinbar selbst zu Wort kommen lässt. Das im Jahr 1671 anonym erschienene Flugblattgedicht – von Arno Traninger (1994) konnte es anhand Parallelen im Werk Abeles diesem eindeutig zugewiesen werden – umfasst insgesamt 35 Strophen und hat sich in nur einem einzigen Exemplar, unserem Objekt des Monats Juli 2020, erhalten.

Der überwiegende Teil des Gedichts aus der Perspektive der Vertriebenen verfasst, so als ob sie selbst über ihre Vergehen und das über sie hereingebrochene Unglück reflektieren würden: „Sara! Nimb den Jäckel mit, wir müssen nun von hinnen, der Rachel vergüß auch nit, am trauriges begünnen!“ Der schon allein am stereotypen Gebrauch der jüdischen Eigennamen dieser Passage erkennbare, parodistische Ton wird vom Autor durch Ausdrücke aus dem Hebräischen wie „Adonai“ oder „Schores“ (Zores) noch unterstrichen. Erst gegen Ende des Textes wechselt dann mit zunehmend schärfer werdender Polemik auch das Narrativ in die dritte Person und somit zurück in die christliche Perspektive: Denn einen Satz wie „Die Synagog, das Götzen-Haus ist nunmehr Gott geweyhet. Was Jüdisch war, ist schon hinaus, der Irrthumb gantz verbleichet.“ einem Juden in den Mund zu legen, hätte wohl auch schon im 17. Jahrhundert unfreiwillig komisch gewirkt.

Über die Ursachen für die Ausweisung der Juden herrscht bis heute keine einhellige Meinung; wahrscheinlich muss mit einem giftigen Cocktail an judenfeindlichen Argumenten und Begleitumständen gerechnet werden, für die sich auch in Abeles Spottgedicht einige Anspielungen finden. Neben den „üblichen“ Vorwürfen (Brunnenvergiftung, Hostienschändung etc.) kursierten Gerüchte über Finanzvergehen der jüdischen Gemeinde, Kollaboration mit den ungarischen Rebellen, aber auch zwei ungeklärte Morde und die Brandstiftung der Hofburg wurde den Juden angelastet. Vor allem aber gelten der streng katholische Kaiser Leopold I. und seine beinahe krankhaft antisemitische Gemahlin Margarita Teresa von Spanien als wichtige Triebfedern für die Vertreibung, daneben stellten sich aber auch die Stadt Wien und führende Staatsbeamte gegen den „Schmirali Safft“ der Juden, wie die angebotenen Schutzgelder in dem Text polemisch genannt werden. Auch der jüngere Bruder des Verfassers, Christoph Ignaz Abele, war als Bediensteter der Hofkammer maßgeblich an den Vorbereitungen der Ausweisung beteiligt.

Dass die Wiener Juden ausgerechnet nach Flandern ausgewandert wären, wie es in Abeles Pamphlet heißt, ist  hingegen einzig und allein dem Reimschema geschuldet: Zwar sind Auswanderungen bis in die entferntesten Teile Europas belegt, die meisten Wiener Juden gingen aber in benachbarten Regionen wie Südmähren, Pressburg oder das Burgenland, wo bereits größere jüdische Gemeinden bestanden. Jedenfalls war die Vertreibung der Wiener Juden im Jahr 1670 nicht die erste, aber auch nicht die letzte ihrer Art: Schon 1420/21 waren die Juden in der „Wiener Geserah“ teils getötet, teils vertrieben worden, ein Schicksal, dass sich unter der NS-Herrschaft in der Shoa noch einmal wiederholen sollte. Erstaunlich stark sind aber die Traditionen hinsichtlich der Niederlassung von Juden in Wien, denn auch heute ist die „Mazzesinsel“ Leopoldstadt wieder zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Wien geworden.

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