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Neuerwerbung: Sammlung Josef Schmidt (ZPH 1850)

Subskriptionsschein für die "Wiener Allgemeine Theaterzeitung", ausgefüllt und mit eh. Unterschrift von Adolf Bäuerle, [1]828, ZPH 1850, Wienbibliothek im Rathaus

„PalmSonntag den 4ten April [1]830. Ich saß des Morgens noch ganz in Negligée als Freund Raimund zu mir kam, und mich zu einer Spazierfahrt nach Grätz einlud welches sogleich ohne Bedenken von mir angenohmen wurde in 3 Minuten war ich reisefertig“. Derjenige, der sich Hals über Kopf in seine Kleider warf, um mit Ferdinand Raimund einen Ausflug mit der Kutsche zu unternehmen, ist der Hofschauspieler Josef Schmidt (1797–1866). Das Zitat stammt aus einem Tagebuch Schmidts mit dem Berichtszeitraum 1829/30 (H.I.N.-157192), das als Teil der Sammlung des Theaterwissenschaftlers Fritz Brukner (1881–1944) 1955 in den Besitz der damaligen Wiener Stadtbibliothek gelangte.

Im November 2020 konnte die Handschriftensammlung ein ansehnliches Konvolut von Josef Schmidt im Autographenhandel erwerben. Die „Sammlung Josef Schmidt“ (ZPH 1850) enthält u.a. Briefe von Kasimir von Blumenthal, Karl August Gruber, Adalbert von Heidewaldt, Joseph Huber, Eduard Neufeld, Joseph Neumann und Franz Wallishauser. Ein Brief des Schauspielers und Sängers Eduard Weiß (1780–1869) belegt, dass man vor bald 200 Jahren in Bühnenkreisen zwar auch auf seinen Körper als Kapital schauen musste – freilich war dieser Blick ein gänzlich anderer als heute. So erkundigt sich der offenbar klapperdürre Kollege bei Schmidt am 25. September 182[6?], „wo sie Ihre Drico watiren lassen, denn ich muß jetzt eines haben, weil ich beynahe nur Haut und Beiner an mir habe, ich hoffe Sie werden meinen Bitten gewähren“.

Zum Bestand gehören darüber hinaus zwei Subskriptionsscheine für die „Wiener Allgemeine Theaterzeitung“, einer davon ausgefüllt und mit eh. Unterschrift von Adolf Bäuerle (1786–1859), Begründer und langjähriger Herausgeber des Periodikums. Auch einige Dokumente von Schmidts Vaters Carl, eines 1803 in Wien verstorbenen Maurerpoliers aus dem sächsischen Merseburg, und weitere Familiendokumente zählen zu den Papieren, die ergänzt werden durch die Theatermanuskripte „Madelon Friquet. Lustspiel in 2 Acten nach dem französischen der de Rougemont und Dupeuty“ sowie „Die schrecklichen Folgen einer Untreue oder Jutta von Rottenstein. Ein Gemälde der Barbarin des dreizehnten Jahrhunderts; mit Gesang in vier Aufzügen“. Die Frage nach deren Urhebern muss allerdings vorerst unbeantwortet bleiben.

Der 1797 geborene Schmidt hatte seine Schauspielerkarriere in den 1820er Jahren am Theater an der Wien und im Theater in der Josefstadt begonnen. Seit 1828 gehörte er dem Ensemble des Burgtheaters an, bis zu seinem Tod am 7. Juli 1866 in Baden. Laut „Morgenpost“, in der am 10. Juli 1866 ein Nachruf erschien, war Schmidt „wohlbekannt als drastischer und überdrastischer Episodist“. Bestattet wurde er am St. Marxer Friedhof, wo kurze Zeit vor ihm auch seine Frau Wilhelmine (geb. Leidl) zu Grabe getragen worden war. Laut Partezettel hinterließen beide eine Tochter namens Emilie (verheiratete Bischof, 1844–1920).

Schmidt galt als erste Besetzung für Nebenrollen. Eine Charge, die er verkörperte, war der Hans in Raimunds „Moisasurs Zauberfluch“. Für die keineswegs gespielte Rolle als treuer Freund des Starautors Ferdinand Raimund ist Schmidt in Fachkreisen allerdings bis heute bekannt. Seine Diarien, die wegen ihres Detailreichtums wichtige biographische Quellen darstellen, gingen in verschiedene private Sammlungen ein, wie etwa jene von Josef Lewinsky und Hans Thimig. Schmidts in schöner Regelmäßigkeit entstandene Notizen legen nahe, dass er auch mit Franz Grillparzer bestens bekannt gewesen sein muss. 1826 hatte Schmidt im Theater in der Josefstadt den Phaon in dessen „Sappho“ gegeben. Auch weilten beide regelmäßig zur Kur in Baden. Dort spendierte Grillparzer am 18. August 1858 folgende Stammbuchverse für Josef Schmidt: „Wie fromm in Baden unsre Lebensweise / Merkt wer verfolgt dort unsers Wandels Spur: / Sankt Anna gab uns unsres Leibes-Speise, / Den Geistestrank die heilige Natur. / Doch hat der Himmel uns zu fühlbar fast gesegnet, / Da es in unsre Wallfarth [!] meist geregnet“. Und für dessen Tochter Emilie fügte der Meister hinzu: „Wenn Manche Zweifel quälen mancher Art, / Man oft nicht weiß wornach, worauf zu achten, / Ist dir die Wahl von vornherein erspart, / Du darfst nur deiner Eltern Weg betrachten.“ [Sämtliche Werke, Abteilung I, Bd. 12/1, S. 293]

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