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Ab 14. September 2020 ist der Lesesaal von 9:00 bis 12:00 Uhr und von 14:00 bis 17:00 Uhr für Forscherinnen und Forscher geöffnet.

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Karl-Kraus-Archiv

Liebe Forscherinnen und Forscher,
liebe Interessierte,

einer der großen Schätze der Wienbibliothek im Rathaus ist das Karl Kraus-Archiv, das tausende von Manuskripten, Fahnen, Briefen und Lebensdokumenten umfasst. Karl Kraus gehört zu den wichtigsten und interessantesten Exponenten einer kritischen Moderne. Sein Pazifismus und Humanismus, seine Medien- und Gesellschaftskritik, sein präzises Sprachdenken und sein aufklärerischer Witz beeinflussten kritische Traditionen weltweit: Ludwig Wittgenstein (Sprachphilosophie), Theodor Adorno (kritische Theorie), Arnold Schönberg (Harmonielehre) oder Gerda Lerner (Frauengeschichte) dachten und schrieben mit Bezug auf Kraus.

Kraus-Archiv

Die Aufbewahrung von Texten und ihren Grundlagen war für Karl Kraus aufgrund seiner dokumentarischen Arbeits- und Zitattechnik schon immer notwendig gewesen. Da die Materialberge aber wuchsen und Kraus kein Interesse an Selbstarchivierung hatte, begann er schon zu seinen Lebzeiten Druckfahnen und anderes Material seiner Vertrauten Helene Kann zu überlassen. Kraus selbst blieben Verfolgung und Exil durch seinen frühen Tod im Jahre 1936 erspart, doch ein Großteil seines literarischen und publizistischen Vermächtnisses ging ins Exil. Seine Freunde nahmen Teile des Nachlasses mit in die Schweiz, nach Schweden und in die USA. Alle erwähnten Bestandteile des Kraus-Archivs kamen nach 1945 im Abstand von über fünf Jahrzehnten wieder an die Wienbibliothek im Rathaus zurück, was naturgemäß eine uneinheitliche Aufarbeitung und Erschließung zur Folge hatte.

Fotografie von Karl Kraus in Kuchelna, 1920.
Wienbibliothek im Rathaus, Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, ZPH 985, H.I.N. 235431.

Fotografie von Karl Kraus und Helene Kann während eines Aufenthaltes in Böhmen, ca. 1930.
Wienbibliothek im Rathaus, Sammlung Karl Kraus / Anita Kössler, ZPH 985, H.I. N. 235425.

Neuorganisation und Digitalisierung des Kraus-Archivs

Das Kraus-Archiv zog immer schon eine lebendige Forschungscommunity an. Zudem wurden die Erschließungsarbeiten um den Kraus-Nachlass am Haus wurden vielfach mit Editions- und Forschungsprojekten verbunden. Der erste Kraus Archivar der Wienbibliothek, Paul Schick, prägte bereits durch seine rororo-Monographie „Karl Kraus in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“ die Forschung. Kraus Experte Hermann Böhm, langjähriger Leiter der Handschriftensammlung, brachte die Anwaltsakten von Karl Kraus und seinem Anwalt Oskar Samek in einer vierbändigen Edition heraus und machte damit der Forschung bedeutendes Material zugänglich. 2006 begann mit der Edition der AAC-Fackel die digitale Kraus-Forschung. Katharina Prager, zuständig für Kraus und Digital Humanities, unternahm – vorerst im Rahmen einer Kooperation mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biographie – eine Reorganisation und digitale Aufarbeitung einzelner Bestandsteile auf Karl Kraus Online, wo etwa die 700 Vorlesungen von Kraus zwischen 1910 und 1936 erforscht werden können. Daraus entstand ein Folgeprojekt um eine digitale Edition der Kraus’schen Rechtsakten, das am Ludwig Boltzmann Institute for Digital History angesiedelt ist und in Kooperation mit dem ACDH-CH umgesetzt wird.

Alle Kraus-Digitalisiate stehen auch in unserer Digitalen Bibliothek zur Verfügung und werden derzeit ständig erweitert. 684 Einträge umfassen allein die Kraus’schen Vorlesungsprogramme
Hier geht es zu unseren Karl Kraus Beständen in der Digitalen Bibliothek. >

 

Programmzettel der 700. Vorlesung von Karl Kraus am 2. April 1936. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 240473.

Memory of the World

2016 wurde das Kraus-Archiv der Wienbibliothek im Rathaus zum in das UNESCO National Memory of the World-Register aufgenommen und damit als wesentlicher österreichischer Wissens- und Erinnerungsraum, der internationale ForscherInnen aus verschiedensten Gebieten (Germanistik, Zeitgeschichte, Medientheorie, Austrian Studies etc.) anzieht, gewürdigt. Das Archiv  dokumentiere Kraus' Arbeit und seine Praktiken auf verschiedenste Weise: In den Manuskripten wird seine genaue Spracharbeit sichtbar, Fahnen zeigen seine Montage- und Zitattechniken, Briefe und Lebensdokumente bezeugen, wie sich seine Haltungen auch in persönlichen Interaktionen oder Handlungen manifestierten. Film- und Tondokumente halten Kraus als Vortragenden in ganz Mitteleuropa präsent. 8000 Blatt Rechtsakten belegen, dass er Medien- und Strafgesetz aktiv in seine Strategien miteinbezog.

Originalmappen der Kanzlei Oskar Samek. Wienbibliothek im Rathaus, Sammlung Prozessakten Oskar Samek / Karl Kraus, ZPH 1545.

Geist versus Zeitgeist - Eine Ausstellung

Im Oktober 2018 wurde unter dem Titel „Geist versus Zeitgeist“ eine Ausstellung zu Karl Kraus eröffnet, die die reichen Bestände des Kraus-Archivs erstmals in ihrer Fülle zeigte. Katharina Prager kuratierte sie auf Basis ihrer langjährigen Beschäftigung mit dem Kraus-Archiv und begleitete sie mit einem opulent bebilderten Katalog, der in 25 aktuellen Beiträgen das generationenübergreifende Wissen der Forschungscommunity versammelte. In seinen Privaträumen sowie auf den Bühnen und Gerichtssälen Europas wurde der ambivalente "Zeitkämpfer" Kraus in der politisch bewegten Periode zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung faschistischer Regime in Europa verortet, analysiert und neu bewertet.

Geist versus Zeitgeist - Die Publikation

Die dazugehörende Publikation heißt "Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik" und wurde von Katharina Prager herausgegeben. Auf  279 Seiten enthält sie auch zahlreiche Abbildungen.

  • Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik. Hrsg. Katharina Prager. Wien: Metroverlag 2018.
    279 Seiten, zahlreiche Abbildungen.
    978-3-99300-328-9 - EUR 27,80.

Kontakt

Wienbibliothek im Rathaus
Digital Humanities
Dr.in Katharina Prager
katharina.prager@wienbibliothek.at