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beschriebenes Notizblatt von Gustav Klimt
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Im Lesesaal mit:
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Im Lesesaal mit Julia Köstenberger

Grenzerfahrungen, Widerstand, Exil

Julia Köstenberger im Lesesaal der Wienbibliothek

ein Portrait von Tanja Paar

"Ich bin eine Fitzlerin", sagt Julia Köstenberger über sich. Als Historikerin kommt ihr diese Eigenschaft seit vielen Jahren zu Gute, zuletzt bei ihren Recherchen zur Ausstellung "15. Juli 27. Ursache – Ereignis – Folgen anlässlich 90 Jahre Justizpalastbrand", die bis 7. Jänner 2018 im Justizministerium zu sehen war. "Für mich ist Justizpalastbrand eigentlich ein Begriff, der erst in den 1980er Jahren aufkommt", erklärt sie, "deswegen haben wir uns bewusst für den 15. Juli als Titel entschieden. Damals gab es 89 Tote und über Hunderte Verletzte, da wollten wir den Fokus nicht aufs Gebäude legen."

Geforscht hat sie für die Ausstellung u.a. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek: "Im Tagblattarchiv kann ich thematisch oder nach Personen suchen", erzählt sie. Es ist ein historisches Schnittarchiv aus Zeitungen wie Arbeiter-Zeitung, Reichspost oder Neue Freie Presse.  "Das ist natürlich keine repräsentative Auswahl", betont sie, "aber es ist ein guter Einstieg. Die Mappen sind meist chronologisch geordnet und reichen oft von der Zwischenkriegszeit bis ans Ende der 1990er-Jahre." In ihrer Studienzeit, 1996, habe sie selbst einmal hier bei einem Praktikum gearbeitet und die "Zirkulare" geordnet, das sind Rundschreiben und Infoblätter aus dem 19. Jahrhundert. Also kennt Köstenberger die Wienbibliothek seit mehr als 20 Jahren in- und auswendig.

Recherchen an der Grenze

Seit 2012 recherchiert sie an der österreichischen Grenze, im nächsten Jahr soll ihr Buch dazu erscheinen: "Begonnen hat es damit, dass ich mit dem Fahrrad rund um Österreich fahren wollte, natürlich in Etappen. Begonnen habe ich mit dem Abschnitt Retz-Znaim-Laa. Im Zuge dessen habe ich bemerkt, wie sehr man die Distanz zwischen den Ländern immer noch spürt. Auch an der March bei Schloss Hof ist ja zum Beispiel erst im Herbst 2012 wieder eine Brücke hinüber in die Slowakei errichtet worden und auch das erst nach Widerständen der Bevölkerung. Das ist heute nur eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, obwohl hier ursprünglich eine sehr wichtige Verkehrsverbindung war. Für Prinz Eugen, der das Schloss hat erbauen lassen, war das ja mitten auf der Strecke nach Pressburg (Bratislava). Also auch 23 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war dieser 2012 immer noch präsent."

Köstenbergers Recherchen zum österreichischen Grenzland haben sich diesen Sommer z.B. in einer Veranstaltung in Raabs niedergeschlagen, "Geschichte(n) von der österreichisch-tschechischen Grenze" hieß ihr Vortrag bei der Kinderuni, an der österreichische und tschechische Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren teilnahmen. "Dass auch Österreicher nach Tschechien geflüchtet sind, ist ja weniger bekannt, z.B. 1934", sagt sie. "Für die Kinder war es sehr fordernd, aber auch sehr spannend."

"Es wurde gedolmetscht", erzählt sie, "die Kinder sind eher nicht zweisprachig – wenn, behelfen sie sich mit Englisch. Mein Tschechisch ist auch nicht perfekt, ich habe zwar Russisch studiert, aber das hat weniger miteinander zu tun, als man glaubt." Teil des Workshops war es, mit den Kindern mit dem Rad über die Grenze nach Tschechien zu fahren, wo es in dem Ort Hluboka (Tiefenbach) jetzt ein kleines Museum zum "Leben am Eisernen Vorhang" gibt.

Wissensvermittlung

Auch zu diesem Buchprojekt mit dem Arbeitstitel "Grenzerfahrungen" hat sie in der Wienbibliothek geforscht, zum Beispiel mit historischen und aktuellen Reiseführern zu den Regionen. "In meiner Arbeit geht es eigentlich immer um Wissensvermittlung", erklärt die freie Historikerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Österreichs und der Sowjetunion 1918-55, Widerstand, Exil, Stalinismus, Erinnerungskultur und in diesem Zusammenhang auch Film. Zu ihrem Russischstudium habe sie damals ein Gymnasiallehrer gebracht, "ich habe keine kommunistische Vergangenheit", sagt sie lachend  und ergänzt: "Auch keine Exilerfahrung."

Moskau

Ihre Dissertation schrieb sie über "Die Geschichte der Internationalen Leninschule 1926 – 1938. Unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und österreichischen Sektors", die Arbeit wurde 2011 mit dem Herbert Steiner Preis ausgezeichnet und erschien im Vorjahr auch als Buch unter dem Titel: "Kaderschmiede des Sozialismus". 2007 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Koordinationsbüros zur Organisation der Ausstellung im Parlament anlässlich "90 Jahre Republik", für mehrere wissenschaftliche Projekte recherchierte sie in Moskauer Archiven und Bibliotheken wie z.B. zu den "Österreichischen Spanienkämpferinnen".

Was die Arbeit in Moskauer Bibliotheken von jener in der Wienbibliothek unterscheide? "Hier darf man fotografieren und einscannen. Das war bis vor kurzem in Moskau undenkbar. Dass man jetzt auch an der Staatsbibliothek in Moskau die Dokumente fotografieren darf, ist echt eine Sensation! Früher durfte man nicht einmal selbst kopieren gehen. Im Amtsarchiv des dortigen Außenministeriums  habe ich handschriftlich exzerpiert, weil da Laptops nicht erlaubt waren, da lernt man wieder, mit der Hand zu schreiben."

Bei ihren Recherchen zu den österreichisch-sowjetischen Beziehungen in der Besatzungszeit habe sie auch in der Druckschriftenabteilung der Wienbibliothek hilfreiche Dokumente gefunden, z.B. Flugblätter und Veranstaltungsankündigungen. Auch "Die Brücke", Zeitung der österreichisch-sowjetischen Gesellschaft und deren Mittteilungsblätter, habe sie in der Wienbibliothek ausheben lassen können.

Mikrofilm und Original

"Es ist sehr angenehm, dass man hier alles so schnell bekommt", sagt sie. "Ich arbeite meist am Vormittag zu Hause. Wenn ich in der Früh etwas bestelle und um 14 Uhr hierherkomme, liegt es schon bereit." Mit den historischen Zeitschriften und Zeitungen arbeitet sie am liebsten im kleinen Lesesaal. "Es ist angenehm, dass es Zeitungen nicht nur auf Mikrofilm gibt, sondern viele auch im Original." Immer wieder sei sie auch auf seltene Exemplare gestoßen, wie zum Beispiel auf die "Deutschösterreichische Tageszeitung", einem antisemitischen Blatt der Nazis. "Auch die Plakatsammlung war immer wieder ertragreich für meine Forschung, zum Beispiel auch für die Republikausstellung", erzählt sie.

Köstenberger hat keinen Stammplatz in der Bibliothek: "Dafür bin ich zu unkompliziert."

Info: www.ikju.at

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