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Objekt des Monats März 2019: Frauen im Parlament: Anna Boschek

Anna Boschek beim Fahrrad fahren, WBR, Tagblattarchiv / Fotosammlung TF-001019.

Seit genau 100 Jahren sind Frauen im österreichischen Parlament vertreten. Der im Februar 1919 gewählten Konstituierenden Nationalversammlung gehörten erstmals acht weibliche Mandatare an, die bei der Eröffnungssitzung am 4. März 1919 in das Parlament einzogen: Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch als Vertreterinnen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Hildegard Burjan als Abgeordnete für die Christlichsoziale Partei. Mit Ausnahme der Kärntnerin Maria Tusch und Therese Schlesinger gehörten alle diese Frauen bereits seit 1918 dem provisorischen Wiener Gemeinderat an. Im Verlauf der Sitzungsperiode sollten noch drei weitere Frauen nachrücken: Die Sozialdemokratinnen Julie Rauscha und Irene Sponner waren ab dem 5. Juni 1919 im Parlament vertreten. Wenngleich nur kurz, ab dem 27. August 1920, war auch Lotte Furreg für die Großdeutsche Volkspartei Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung.

Von der Heimarbeiterin zur Nationalrätin

Unser "Objekt des Monats" zeigt Anna Boschek, die für eine sozialdemokratische Abgeordnete eine geradezu beispielhafte Karriere machte. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, musste sie schon als Kind zum Familieneinkommen beitragen. Die tristen Lebensbedingungen von Arbeiterkindern, wie sie wohl auch Anna Boschek erfahren hat, schilderte ihre (Partei-)Freundin Adelheid Popp eindrucksvoll in ihren 1909 erschienenen Erinnerungen "Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin von ihr selbst gezählt".

Schon als junges Mädchen engagierte sich Anna Boschek in der Gewerkschaftsbewegung. Ihr Redetalent und ihr unbedingter Wille, die Arbeitsbedingungen – besonders für weibliche Beschäftigte – zu verbessern, prädestinierten sie für eine Anstellung bei der Gewerkschaft, die ihr ihr politischer Mentor, der Gewerkschaftsfunktionär Anton Hueber, ermöglichte. Auf ausgedehnten "Agitationstouren" durch die deutschsprachigen Gebiete der Monarchie versuchte sie, Gleichgesinnte im Kampf um das Frauenwahlrecht und für die Interessen der arbeitenden Frauen zu gewinnen. Sie gründete den "Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" und setzte sich besonders für die Bildung von Arbeiterinnen ein. Neben Adelheid Popp war sie eine der ersten Berufspolitikerinnen der Sozialdemokratie.

Schwerpunkte der parlamentarischen Arbeit

Im Nationalrat standen vor allem soziale Angelegenheiten und "Frauenthemen" auf der Agenda der sozialdemokratischen Politikerinnen. So arbeitete Anna Boschek am Reformwerk von Sozialminister Ferdinand Hanusch mit. Unter anderem wurde ein Mindestlohn festgelegt, Kinderarbeit verboten und der Achtstundentag (an sechs Tagen der Woche) eingeführt. Außerdem war sie an der Schaffung der Arbeiterkammern beteiligt. 1920 konnte mit einem "Hausgehilfen- und Hausangestelltengesetz", das gemeinsam mit der Christlichsozialen Hildegard Burjan auf den Weg gebracht wurde, Rechtssicherheit für eine besonders unterprivilegierte Gruppe von Arbeiterinnen und Arbeitern hergestellt werden. Andere Themen, die den Sozialdemokratinnen ebenso wichtig waren – beispielsweise die Reform des Eherechts und die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs – scheiterten am Widerstand der Christlichsozialen und wurden erst in der Zweiten Republik umgesetzt.

In Zusammenhang mit den Februarkämpfen 1934 wurde Anna Boschek verhaftet und sieben Wochen im Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade festgehalten. Nach ihrer Entlassung stand sie unter Polizeiaufsicht. Trotzdem gelang es ihr, während der Zeit des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes mit jener Gruppe von SozialdemokratInnen, die sich bei Amalie Seidel traf, Kontakt zu halten. 1945 trat Anna Boschek aus gesundheitlichen Gründen von ihren politischen Funktionen zurück, blieb jedoch in der Sektion der SPÖ des 15. Bezirkes aktiv und nahm an allen Frauen- und Gewerkschaftstagungen teil. Noch als 80-Jährige referierte sie bei politischen Schulungskursen, im Sommer 1957 hatte sie bei der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Wien ihren letzten großen Auftritt.

Radfahren als Statement

Dass Anna Boschek hier auf dem Fahrrad fotografiert ist, kann durchaus als Ausdruck ihrer Emanzipation gelten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten Rad fahrende Frauen mit Vorurteilen zu kämpfen. Der Sport wurde vielfach als "unschicklich" für Frauen angesehen. Radfahrerinnen mussten aus praktischen Gründen von der hergebrachten Kleidung mit Mieder und schweren Röcken auf Bequemeres und Leichteres wechseln und last but not least erwies sich das Fahrrad nicht nur als Sportartikel, sondern ermöglichte den Fahrerinnen vor allem ihre Alltagsmobilität völlig unabhängig entscheidend zu erweitern.

Die Wienbibliothek im Rathaus besitzt einen Teilnachlass von Anna Boschek. Das "Objekt des Monats" stammt hingegen aus der Fotosammlung des so genannten "Tagblattarchivs", das die Arbeiterkammer 2002 an die Wienbibliothek übergeben hat.

Weiterführendes

Wien Geschichte Wiki: Politikerinnen in der Ersten Republik

Archiv der Objekte des Monats 2019:

Fotografie von Anna Boschek, WBR, Tablattarchiv / Fotosammlung TF-001027.
Mitgliedschaftsnachweis, Teilnachlass Anna Boschek, WBR, HS, ZPH-1241.
Kirchenaustritt, Teilnachlass Anna Boschek, WBR, HS, ZPH-1241.
Grabrede, Teilnachlass Anna Boschek, WBR, HS, ZPH-1241.