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Objekt des Monats September 2020: Theater-Kabarett Hölle

Marcel Vertès Hölle Theater-Kabarett. Wiedereröffnung 1. September 1920 Wien, J. Weiner, 1920 95 x 63 cm P-233294

In einer Loge sitzt ein großes, korpulentes, dunkelrotes Wesen – ein Mischwesen aus Mann und freundlichem Höllenbewohner – am nackten Oberkörper das Programmheft „eingesteckt“, nur bekleidet mit Zylinder und Monokel, die brennende Zigarette im Mundwinkel. Daneben eine weißhäutige, rothaarige Dame mit rotem Kussmund im schwarzen schulterfreien Kleid mit Ansteckrose. Ersterer hat den Arm um die Schultern von Zweiterer gelegt. Einen charmanten Kunstgriff wählt der Entwerfer, indem er anstelle des auf der Bühne Gezeigten ein Paar aus dem Publikum abbildet. Mit diesem Motiv  warb das Theaterkabarett Hölle 1920 für seine Wiedereröffnung.

Für die Gestaltung war Marcell Vértes (frz. Marcel Vertès) verpflichtet worden. Vértes, geboren 1895 in Budapest, ließ sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs für einige Zeit in Wien nieder, arbeitete hier u.a. mit Theo Matejko in einer Ateliergemeinschaft zusammen, bevor er weiterzog und Anfang der 1920er Jahre nach Paris ging. Die gegenständliche Darstellung auf unserem Objekt des Monats dürfte ihm mehr Freude denn Pflicht gewesen sein, wie ein Zitat von Fabienne Jamet (Paris) nahe legt: „Oft begleitete uns der Maler Vértes auf unseren nächtlichen Sauftouren. Er lag mir ständig in den Ohren und wollte unbedingt, daß ich ihm Modell saß, aber ich hatte einige Bilder seiner privaten pornografischen Sammlung bei ihm gesehen. In diesen Bildern stellte er stets herrlich gewachsene, reizvolle Frauen zusammen mit ekelhaft dickbäuchigen alten Lustmolchen dar, oder er zeichnete schöne zierliche Knaben, die es mit grässlichen alten Hexen trieben. Ich schlug ihm seine Bitte ab... und heute bedaure ich das sehr, denn inzwischen erzielen gerade diese Bilder von Vértes astronomische Summen auf den Pariser Kunstauktionen.“

Nur der obere Teil ist von Vertès gestaltet, den Textteil hat der Drucker Weiner im Bleilettersatz dazugesetzt. Es war gängige Praxis der Theater (und Kinos) diese Art der Gestaltung zu nutzen, um das Motiv für mehrere Ankündigungen verwenden zu können.

Das im Souterrain des Theaters an der Wien gelegene Lokal Die Hölle hat eine wechselvolle Geschichte durchlaufen.
So war es zuerst von Felix Salten (erfolglos) als Jung-Wiener Theater geleitet und später zur Bar umfunktioniert worden, um letztlich als Singspielhalle neuen Anlauf zu nehmen. In Singspielhallen waren nur Einakter erlaubt. So erklärt sich auch das Programm zur Wiedereröffnung 1920, die unter der Direktion von Rudolf Heller und der künstlerischen Leitung des Komponisten Robert Stolz erfolgte.

Als Eröffnungsstück wurde die Operette „Die fidele Pension“ von Otto Hein und E[rnst] Wengraf, Musik von Robert Stolz, unter der Regie von Heinz Schulbaur gezeigt. Der Großteil der mitwirkenden SchauspielerInnen hatte ein festes Engagement am darüber gelegenen Theater an der Wien, aber auch Fritz Imhoff vom Straußtheater, dessen Nachlass in der Wienbibliothek verwahrt wird, war mit dabei.

Der ebenfalls am Programm stehende Sketch „Beethoven-Sonate“ von Bruno Hardt-Warden, ebenfalls inszeniert von Schulbaur, würde im Beethoven-Jahr 2020 einen zweiten Blick verdienen. Jedoch sind Aufzeichnungen dazu nicht überliefert. Der Autor stand in jungen Jahren in jedem Fall als Beethoven Modell für Maler und Bildhauer.

Angekündigt sind weiters eine „Vor seinen Richtern“ betitelte Szene nach Gustav Schöpl in einer Bearbeitung  von Kurt Robitschek, gefolgt von den Soli des Heddyns-Duo (Mondäne Tänze), dem Stepptänzer J. Streeta, der Vortragskünstlerin Lea Gregor und dem Chansonier Otto Weiss.

Archiv der Objekte des Monats 2020: