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Am 23. September sowie am 10., 15. und 30. Oktober schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats August 2019: Sommer, Sonne, Strand und Wasser - Das Gänsehäufel

Gewista-Griessler, Gänsehäufel. Herrlicher Strand, Konzert, Gymnastik, billige Abonnements, [ca. 1935] 96 x 126 cm, WBR, PS, P-228586.

Urlaubsfeeling kommt auf, wenn man die am Plakat abgebildete Dame betrachtet, die sich mit großem Sonnenhut, in langen Hosen und hochhackigen Schuhen mit goldenen Armreifen und knallrotem Lippenstift präsentiert. Die Inszenierung mit Segelboot im Hintergrund lässt eher an Badeorte an der Adria oder den Glamour der Riviera als an das Gänsehäufel im 22. Wiener Gemeindebezirk denken. In seiner reduzierten Gestaltung vermittelt der Entwurf ein Gefühl von Eleganz und Gediegenheit, es werden ein "herrlicher Strand, Konzert, Gymnastik, billige Abonnements" angepriesen, mit Vorverkauf an eleganter Adresse, am Graben 28 bei der Konzertdirektion Oskar Gronner (1929-1938 an dieser Adresse).

Die Komposition des Plakats unterscheidet sich deutlich von den anderen Entwürfen, die für Bäder und auch fürs Gänsehäufel in jener Zeit warben. Sand, Strand, Sonnenkörbe und vor allem im Badeanzug Dargestellte sind auf diesen zu sehen. Vielleicht war das Bad an der Alten Donau um ein neues Image bemüht? Hatten die politischen Veränderungen bereits so schnell ihren Widerhall auf Werbeplakaten gefunden? Sollte ein Gegenbild zu den vom Roten Wien propagierten Errungenschaften geschaffen werden?

Das Gänsehäufel

Eine 1870 bis 1875 durchgeführte Donauregulierung brachte den als Alte Donau bezeichneten Seitenarm des Flusses mit den zwei "Kleiner Gänsehaufen" genannten Inseln inmitten des damaligen Hauptarmes hervor. Durch die Regulierung wurde dieses Strombett zu einem stehenden Gewässer. Die nördliche, größere der beiden Inseln wurde zum heutigen Gänsehäufel, die südlichere ist seither eine Halbinsel, die als Kleines Gänsehäufel bezeichnet wird.

Als "Entdecker" gilt der Naturheilkundler Florian Berndl, der bei seinen Wanderungen darauf aufmerksam wurde, im Jahr 1900 einen Teil der Insel pachtete und diesen mit primitiven Mitteln zu einem Sonnen- und Strombad gestaltete, das er dann gegen geringes Entgelt öffentlich zugänglich machte. Eine Besonderheit war von Anfang an, dass im Gegensatz zu den anderen Bädern hier beide Geschlechter gemeinsam baden durften. Nach Auslaufen von Berndls Pachtvertrag übernahm die Stadt Wien das Gebiet und eröffnete es am 5. August 1907 als großstädtisch angelegtes Strandbad der Commune Wien mit Gastwirtschaft, weitläufigen Baulichkeiten, elektrischem Licht und Hochquellenwasser. Die Stadt Wien versuchte nun aus "Berndls Sündenpfuhl" ein seriöses Bad mit strikter Geschlechtertrennung zu machen. Findige Gäste unterwanderten dies, indem Ehen vorgetäuscht und so der Eintritt ins Familienbad erschwindelt wurde.

Bei einer Erweiterung nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue Umkleidekabinen, der landschaftliche Charakter wurde durch gärtnerische Gestaltung verstärkt. Dies ist als Teil der Sozialreform des Roten Wien zu verstehen, die als Reaktion auf die katastrophalen Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter das Bild des "neuen Menschen" prägte und körperliche Hygiene, Gymnastik und gesunde Ernährung propagierte. Der Schwimmsportfunktionär Theo Bernatz hielt 1919 fest, "daß das moderne Badewesen, das den stundenlangen Aufenthalt des nackten Körpers in frischer Luft und Sonne mit Schwimmen und Baden verbindet, das beste und der Allgemeinheit am leichtesten zugänglich zu machende prophylaktische und heilbringende Mittel gegen die Proletarierkrankheit, die Tuberkulose" bietet. Das Gänsehäufel diente darüber hinaus als Ausflugsziel und Hotspot zum Flanieren und "Anbandeln". Heute steht der Name synonym für das größte Freibad der Stadt mit 28 Hektar Fläche und 1200 Metern Naturstrand, für Badefreuden und Abkühlung bei hohen Temperaturen.

Franz Griessler

Das hier gezeigte Plakat stammt aus dem Atelier Gewista-Griessler. Das 1921 als Magistratsabteilung begründete Werbeunternehmen Gewista betrieb ab Mitte der 1920er-Jahre gemeinsam mit dem Grafiker Franz (Anton) Griessler (2. Juni 1897–Jänner 1974) ein Atelier. Griessler hatte vermutlich einen Teil seiner Ausbildung an der Wiener Akademie der bildenden Künste erhalten, wenn auch nicht als regulärer Student. Er arbeitete zunächst als Maler, dann als Plakatgrafiker, war als solcher lange Jahre für das Rote Wien tätig und entschied sich nach der Machtübernahme des nationalsozialistischen Regimes Mitglied der NSDAP zu werden. Griessler bezeichnete sich selbst als "illegalen Nazi". Nach dem Sieg der Alliierten hatte er einen Volksgerichtsprozess zu befürchten, da ihm – als Unteroffizier der deutschen Wehrmacht – die Erschießung von russischen Kriegsgefangenen zur Last gelegt wurde. Er flüchtete ohne Angabe eines Zielorts aus Österreich. Seine Abreise ist mit 12.2.1947 dokumentiert, sein erstes Ziel dürfte in Südamerika gelegen sein. Wann er dort angekommen ist, ist unklar. Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er überwiegend auf Hawaii.

Davon zeugen neben den Angaben in der Autobiographie des hawaiischen Malers Fred E. Salomon jr., der ihn als Lehrer nennt, zahlreiche Erwähnungen in Presseartikeln des Honolulu Advertisers und des Honolulu Star-Bulletins. Der Honolulu Star-Bulletin vom 12. März 1961 führt Griessler als Mitglied jener Jury an, die die Beiträge der jährlichen Ausstellung der "Association of Honolulu Artists" auswählte, und bezeichnet ihn als "well-known independent painter". In der Ausgabe vom 16. Oktober 1962 findet die Auszeichnung mit dem "second most popular award" für "Hawaii Boy", eine Kohlezeichnung von Franz Griessler, Erwähnung. Unter dem Titel "An artist against the tide" ("Ein Künstler gegen den Strom") erschien am 22. Juni 1966 ein Artikel von Jean Charlot, den dieser einer Ausstellung von Werken Griesslers im Contemporary Arts Center im News Building widmete. Der Artikel gleicht einer Hymne auf Griesslers Kunst, in der er das Porträt "Juliette May Fraser" als das Meisterwerk bezeichnet. Am 10. Feber 1967 warb der Künstler selbst für "Portrait and Life Classes by Franz Griessler" im Honolulu Star-Bulletin.

Höchstwahrscheinlich wurde Griessler am 30. Juli 1962 US-Bürger, was nicht eindeutig belegbar ist, ebenso wenig wie der Zeitpunkt der Eheschließung mit Elfrieda Lange (1904-1958). Begraben ist das Ehepaar am O'ahu Cemetery in Honolulu auf Hawaii.

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