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"Komteß Mizzi" - 12 Momente in 12 Snapshots

Wienbibliothek ON AIR

Die Wienbibliothek präsentiert die Geschichte der Marie Veith (14.8.1889–28.4.1908) auf Basis des im Wallstein Verlag erschienenen Buchs von Walter Schübler: "Komteß Mizzi". Eine Chronik aus dem Wien um 1900. Es handelt sich um ein "Sittenbild" aus dem Wien des Fin de Siècle. Schübler rekonstruiert den beklemmenden Fall der jungen Frau anhand einer Fülle von Zeitungsartikeln und des tausendseitigen Gerichtsakts mit dutzenden Zeugenaussagen von Fiakerkutschern, Hausmeistern, Nachtportieren, Kellnern, Dienst-, Stuben- und Blumenmädchen, Bordellwirtinnen und Prostituierten. Im April, jeweils Mittwoch, Samstag und Sonntag, zoomen wir hier und auf Facebook hinein in die materialreiche Fallgeschichte und halten zwölf Momente in zwölf Snapshots fest.

Ausstrahlungstermine (jeweils 10 Uhr Vormittags):

Samstag, 4. April; Sonntag, 5. April
Mittwoch, 8. April; Samstag, 11. April; Sonntag, 12. April
Mittwoch, 15. April; Samstag, 18. April; Sonntag, 19. April
Mittwoch, 22. April; Samstag, 25. April; Sonntag, 26. April
Mittwoch, 29. April; Samstag, 2. Mai

Walter Schübler: "Komteß Mizzi"
Wallstein Verlag
€ 25,70
236 Seiten
ISBN: 978-3-8353-3624-7

12. SNAPSHOT (Samstag, 2. Mai)
Marcell Veith veröffentlicht die Kundenliste seiner Tochter

Chris Pichler, Robert Reinagl und Walter Schübler lesen:

31.12.1909: Marcell Veith veröffentlicht die Kundenliste seiner Tochter
Kurz nach Verbüßung seiner einjährigen Kerkerstrafe, am 31.12.1909, veröffentlicht Marcell Veith im "Blitz", einem Wiener Krawallblatt, die Kundenliste seiner Tochter. Drei Stunden nach Auslieferung ist in keiner Trafik mehr ein Exemplar zu kriegen. Der "Blitz" bringt die Liste sogar ein zweites Mal zum Abdruck – so groß ist das G’riss. 205 "Cavaliere", allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen: Graf Czaky, Andor Graf Festetics, Paul Graf Festetics, Joži Graf Radetzky, Prinz Alfred Liechtenstein, Max Graf Thun, Edi Sacher, Leopold Graf Kolowrat, Graf Waldstein, Leo Baron Chlumetzky, Alexander Graf Hadik, Graf Alois Schaafgotsche, Hans Ritter von Mautner, Karl Fürst Trautmannsdorf, Camillo von Türk, Robert Ritter von Schenk, Graf Attems, Graf Friedrich Schönborn, Andor von Pechy, Erich von Czernin, Baron A. Rothschild junior, Graf Hans Wilczek junior, Graf R. Kinsky, Graf Trautmannsdorf, Baron Falkenberg, Baron Spiegelfeld, Baron Alexander Waldberg, Graf Batthyany usw., usf. – allesamt mit den exakten Terminen und den Geldbeträgen, die ihnen die jeweilige Dienstleitung wert war: 5, 10, 15, 25, 50, 100, 150 Gulden. (1 Gulden hatte im Jahr 1908 in etwa die heutige Kaufkraft von 12 Euro.) Alle diese Herren hatte Veith bei seinem Prozess wiederholt als Entlastungszeugen beantragt, was das Gericht aber jedes Mal abgelehnt hatte. Sie sollten zum einen bezeugen, dass er diese Kontakte nicht vermittelt hatte; zum andern, dass seine Tochter nicht "für Leistung eines normalen oder perversen geschlechtlichen Verkehrs" bezahlt worden sei, sondern einzig und allein dafür, dass sie den Herren Gesellschaft geleistet hatte. Auch jetzt führt er als Grund für die Veröffentlichung der Namen wieder an, diese 205 Herren mit bestem Leumund könnten seine und seiner Tochter Unschuld bezeugen. Tatsächlich hatte Veith versucht, den einen oder anderen der honorigen Herren mit der Drohung zu erpressen, er werde demnächst als Freier seiner Tochter an den Pranger gestellt. Offenbar erfolglos. Das Motiv für die Veröffentlichung war also einfach: Rache. Jenny Borys, Büffetmädchen im Ronacher, war als Zeugin im Prozess Veith vom vorsitzenden Richter gefragt worden, ob es üblich sei, dass die Herren den Mädchen, die ihnen nur Gesellschaft leisten, Geldgeschenke machen? – Borys darauf: Gewiß. – Wie hoch denn diese Beträge seien? – Borys: Na, 5 oder 10 Gulden. – Der Richter: Und diese Beträge werden nur für die Gesellschaftsleistung bezahlt? – Borys: Ja, diese Beträge schon. Wenn die Herren nichts anderes verlangen. – Der Richter: Wie kommt es denn zu größeren Geschenken? – Die Antwort von Jenny Borys ist ein verlegenes Lachen. Selbst als sie der Richter ermutigt: Sie brauche sich nicht zu genieren, sie seien hier ja in geheimer Verhandlung, die Öffentlichkeit sei ja ausgeschlossen, erhält er keine Antwort. – Damit ist auch die Frage beantwortet, wofür die sogenannten "Cavaliere" 50 oder 100 oder gar 150 Gulden bezahlten.

11. SNAPSHOT (Mittwoch, 29. April)
Das Protokoll der Einvernahme Mizzi Veiths vom 28.4.1908

Chris Pichler liest:

15.10.1908: Das Protokoll der Einvernahme Mizzi Veiths vom 28.4.1908
Bei der zweiten Hauptverhandlung vom 15. und 16.10.1908 wird Mizzi Veiths Aussage vom 28.4.1908 verlesen: Die Ursache meiner Verfehlungen war die Bekanntschaft mit einer gewissen Leopoldine Jellinek. Ich war 15 Jahre alt, als ich Jellinek das erstemal in Venedig in Wien traf. Ich lernte sie kennen, als ich mit meinem Vater bei Ronacher war. Jellinek kam zu mir bzw. setzte sich zu uns. Sie gebrauchte den Vorwand, daß sie eine Schneiderin für mich wisse. Ich wußte damals nicht, daß Jellinek eine bedenkliche Person war. Sie erzählte dann meinem Vater, daß ich mir einen reichen Freund finden werde, wenn er nur mitgeht. Sie werde seine Stelle vertreten u. er könne mich beruhigt ihr überlassen. Ich blieb dann tatsächlich in ihrer Gesellschaft, verkehrte mit ihr im Etablissement Ronacher, Café Europe, Café Ritz u. in Venedig in Wien. Sie gab mir die Anleitung, wie ich Herrenbekanntschaften machen könne, u. lernte ich auch unter ihrer Aufsicht einige Herren kennen. Mit den Herren gingen wir stets gemeinsam in verschiedene Hotels – zumeist Hotel Modern, Hotel London, Hotel Derby. Ich erhielt von den Herren selten weniger als 100 Kronen. Sie bekam manchmal dasselbe, manchmal auch weniger. Ich war damals noch Jungfrau u. befriedigte die Herren, ihre Lüste in der Art, daß sie an meinem Geschlechtsteil mit der Zunge leckten. In dieser Form verkehrte ich durch ca. 1 Jahr mit den Herren. Später ließ ich mich dann normalmäßig geschlechtlich gebrauchen. Die Herren lernte ich zumeist im Etablissement Ronacher u. Café Europe kennen. Als dann meine Freundin Jellinek vor 1½ Jahren von mir verabschiedet wurde, machte ich allein die Herrenbekanntschaften. Es fiel mir das anfänglich sehr schwer, weil ich sehr schüchtern war. Ich kann ruhig sagen, daß mich nur die Not zu diesem Lebenswandel gezwungen hat. Ich ging mit den Herren zum Zwecke des geschlechtlichen Verkehrs nur ins Hotel. In der Wohnung habe ich zwar mit Herren auch zusammen Küsse gehabt, aber ließ mich dort nicht geschlechtlich gebrauchen. Die Herren kamen aber zum Thee. […] Mein Geld, welches ich verdiente, habe ich für Fiaker verwendet u. beim Rennen angebracht. Vorletzten Monat habe ich durch meinen Lebenswandel ca. 900 Gulden verdient. […] Abends gegen 10 Uhr verließ ich stets mit meinem Vater die Wohnung u. gieng ins Café Zentral u. dann ins Café Gartenbau. Ich trennte mich beim Etablissement Ronacher von meinem Vater. Gegen 3 – 4 Uhr früh gieng ich dann endlich zu meinem Vater, der mich dann nach Haus begleitete, oder er holte mich vom Ronacher ab. Ich erzählte meinen Eltern, daß mir Herren das Geld geschenkt haben. Meine Eltern fragten mich nie um eine genaue Provenienz des Geldes, sondern nahmen an, daß mir die Herren das Geld für Nichts geschenkt haben. Ich zahlte den Eltern nur soviel, als ich für mein Leben brauchte. Ich zahlte ihnen 90 [Gulden] pro Monat. Dafür bekam ich das Mittag- und Nachtmahl. Mein Vater hat seit ca. 8 Jahren keine bestimmte Beschäftigung, er wurde zumeist von Verwandten unterstützt u. machte auch hie und da Geschäfte bei einer Versicherungsgesellschaft. Die letzten 3 – 4 Monate oder sogar länger hatte er gar keine Beschäftigung, nicht einmal durch Versicherung. Meinen Eltern geht es nach meiner Erinnerung seit ca. 12 Jahren schlecht. Meine Mutter verrichtet die häusliche Arbeit. Mein Vater wußte, daß ich Bekanntschaften bei Ronacher mache, weil ich ihm das erzählt habe; er nahm aber an, daß ich lediglich mit Herren mich unterhalte, hiefür zum Souper eingeladen u. mit Geld beschenkt würde. Daß ich mich auch geschlechtlich gebrauchen ließ, das war ihm nicht bekannt. Mein Vater wollte, daß ich mir einen reichen Freund suche, damit die Not der Familie ein Ende habe. Diese Idee gieng von meinem Vater aus u. war der Anlaß, daß ich das Etablissement Ronacher besuchte. Ich war damals 15 Jahre alt.

10. SNAPSHOT (Sonntag, 26. April)
"Sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung" gehen ein

Walter Schübler liest:

29.07. bis 09.09.1908 "Sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung" gehen ein
Die breite Berichterstattung über den "Scandalproceß" zeitigt eine Reihe mehr oder weniger "sachdienlicher Hinweise aus der Bevölkerung", unter anderem eine an den vorsitzenden Richter adressierte Karte. Sie zeigt auf der Schauseite ein gedrucktes Sujet: Eine leicht bekleidete, auf einem Polsterpodest stehende Kokotte lässt zwei vor ihr kniende, Anzug tragende "Cavaliere", die sie wie Marionetten an Fäden führt, mit prall gefüllten Geldbeuteln um sich bieten. Sie ist handschriftlich als "Mizzi Veitt" bezeichnet, der eine Mann als "Dr. Baumgartner", der andre als "Kais[erlicher] Rat Stuckart". Summarischer Vermerk: "›Spricht Bände‹". Regierungsrat Moriz Stukart, Chef des Sicherheits-Bureaus, war vom Anwalt Marcell Veiths als Kunde Mizzis benannt worden, weil ein "Polizeirath Stuckart" – allerdings mit "ck" – im März 1908 viermal in den Kassabüchern aufscheint. Außerdem seien an Mizzi Veith gerichtete Briefe von Stukart in deren Schreibtisch verwahrt gewesen. Polizeibeamte hätten diese Briefe im Zuge der Hausdurchsuchung verschwinden lassen.  Polizei-Oberkommissär Baumgarten, Vorstand des Bureaus für sittenpolizeiliche Agenden, sei nur deshalb gegen Veith vorgegangen, weil Mizzi dessen Annäherungsversuche zurückgewiesen habe, so Marcell Veith, der in der Hauptverhandlung erklärt, seine Tochter habe ihm mehrfach geschildert, dass Baumgarten gedroht habe, das würden sie und ihr Vater noch bitter bereuen. Mit Herren in seiner Position stelle man sich besser auf guten Fuß. Beide hohen Polizeifunktionäre klagen auf Ehrenbeleidigung. Stukart, so die Klagsschrift, sei es "[s]einem Amte, aber auch der gesamten Öffentlichkeit, deren Vertrauen in die Behörde nicht erschüttert werden darf, schuldig, [s]einen Verleumdern in öffentlicher Gerichtsverhandlung entgegenzutreten und vor aller Welt zu zeigen, daß der Leiter eines so wichtigen Ressorts, wie es das Sicherheits-Bureau der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ist, in vollkommen grundloser Weise in seiner Amtsehre und in seiner Person verunglimpft worden ist". Stukarts "Amtsehre" wird denn auch am 19.10.1908 gerichtlich wiederherstellt. Es stellt sich heraus, dass er wegen einer Namensgleichheit in die Sache hineingezogen worden war. Dem Vorstand des Sittenamts, Oberkommissär Baumgarten, wird am 20.10.1908 gerichtlich bestätigt, dass er ein "Beamter von makelloser Ehre" ist. Das Bezirksgericht Josefstadt spricht im Beweisverfahren dem Angeklagten Marcell Veith die bona fides, den guten Glauben, ab und verurteilt ihn wegen Ehrenbeleidigung zu sechs Wochen Arrest. Die Beschuldigungen gegen die Behörden habe er einzig und allein vorgebracht, um aus der Skandalisierung Kapital zu schlagen.

9. SNAPSHOT (Samstag, 25. April)
Die Hauptverhandlung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt

Robert Reinagl liest:

30. u. 31.07.1908: Die Hauptverhandlung "wider Marcell Veith u. Anna Veith" findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt
Die auf zwei Tage anberaumte Hauptverhandlung "wider Marcell Veith […] u. Anna Veith […] wegen Verbrechens gemäß § 132 IV. St.G. vor dem k. k. Landes-Gerichte Wien" findet am Donnerstag, 30.7.1908, und Freitag, 31.7.1908, statt, und das "aus Gründen der öffentlichen Sittlichkeit" unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Zeugin ist unter anderem Jeanette Weiß geladen, Kassierin im Café Ronacher. Marcell Veith hat im Dezember 1904 eine Ehrenbeleidigungsklage gegen sie angestrengt. Die Vorgeschichte: Mizzi Veith hatte eines Abends bei Jeanette Weiß nachgefragt, ob Briefe für sie hinterlegt worden seien, Briefe von einem ihrer "Cavaliere". Die hatte erwidert, sie sei nicht dazu da, einer Hure Briefe aufzuheben. Daraufhin hatte Marcell Veith die Kassierin zur Rede gestellt. Und die hatte ihn dann als Strizzi und Kuppler seiner Tochter beschimpft, der vom Geld seines Kindes lebt. Für den Ausdruck "Kuppler" hatte ihr Anwalt vor dem Bezirksgericht Josefstadt den Wahrheitsbeweis mit 23 Zeugen angeboten. Obwohl Veith ein gynäkologisches Attest vorwies, das bestätigte, daß seine Tochter "unversehrt" war, wäre der Wahrheitsbeweis gelungen, davon war der Anwalt von Weiß überzeugt. Der Direktor des Ronacher legt ihm jedoch nahe, von einem Wahrheitsbeweis abzusehen, weil dieser dem Ruf des Etablissement Ronacher schaden könne. Dafür verpflichtete er sich, alle Kosten zu tragen. Die Kassierin musste damals Abbitte leisten und eine Ehrenerklärung für Veith und seine Tochter abgeben. Bei der Hauptverhandlung gegen Marcell Veith rekapituliert der vorsitzende Richter die Sache. An Jeanette Weiß gewandt: Richter: Sie haben ihm eine Ehrenerklärung abgegeben! – Weiß: Da ich fürchtete, dass der Graf wie in anderen Cafés, wo er überall bekannt war, Schwierigkeiten bereiten würde, gab ich in ironischem Ton die Erklärung ab, dass er ein höchst anständiger Mensch sei. – Richter: "In ironischem Ton"? – Weiß: Ich habe geglaubt, dass er als Aristokrat bei Gericht mehr Recht findet wie ich als arme Person. Dann habe ich auch befürchtet, dass ich meinen Posten verliere. Der Graf hat meine Entlassung verlangt, weil ich ihm als Grafen so etwas getan habe. Er hat behauptet, er führt seine Tochter nur ins Ronacher, damit sie eine gute Partie macht. Dabei hat er es geduldet, dass das Mädel in Séparées geht. Dort habe ich immer Zigaretten hingebracht. – Richter: Haben Sie jemals gehört, dass man im Séparée beim Ronacher einen Bräutigam findet? – Weiß (laut lachend): Nein!

8. SNAPSHOT (Mittwoch, 22. April)
Die Anklage lautet auf "Kuppelei nach § 132 IV St.G."

Walter Schübler liest:

13.07.1908: Die Anklage lautet auf "Kuppelei nach § 132 IV St.G."
Mit 13.7.1908 ist die Anklageschrift ausgefertigt. Die k. k. Staatsanwaltschaft Wien erhebt gegen:
1. Marcell Veith, am 2.1.1862 in Liboch, Bezirk Douba in Böhmen geboren, katholisch, verheiratet, Privatier, derzeit in Haft, vorbestraft; [und]
2. Anna Veith, am 28.4.1861 in Peuerbach, Bezirk Schärding, Oberösterreich geboren, katholisch, verheiratet, Private, unbescholten, die

Anklage:
Marcell Veith und Anna Veith haben sich in der Zeit vom März 1904 bis zum April 1908 in Wien, und zwar ersterer als Vormund und Stiefvater, letztere als Mutter der Kuppelei gegen ihr Stiefkind und Mündel beziehungsweise Kind Marie Veith schuldig gemacht und zwar: Marcell Veith und Anna Veith vom März 1904 bis zum April 1908 dadurch, daß sie aus der gewerbsmäßigen Unzucht der Marie Veith ihren Unterhalt suchten, und weiters vom Dezember 1907 bis zum April 1908 auch dadurch, daß sie der Marie Veith zur Betreibung ihres unerlaubten Gewerbes als Schanddirne Unterschleif gaben; Marcell Veith allein, vom März 1904 bis Mitte 1906 überdies dadurch, daß er sich als Unterhändler in unerlaubten Verhältnissen dieser Art in Bezug auf Marie Veith gebrauchen ließ. Hiedurch haben Marcell Veith und Anna Veith das Verbrechen der Kuppelei nach § 132 IV St.G., strafbar nach § 133 St.G., begangen. […]

Gründe:
[…] Zu welchem Zeitpunkte Marcell Veith seine Stieftochter in die Lebewelt einführte, ist nicht ganz klar gestellt. Manche Angaben sprechen dafür, daß er sie schon mit 12 oder 13 Jahren in herausfordernden Toiletten nach "Venedig in Wien" führte und dort mit Herren Séparées aufsuchen ließ. Mit Sicherheit läßt sich aber feststellen, daß sie am 27. März 1904 so zu "verdienen" begann, wie sie es seither tat, oder richtiger gesagt, tun mußte. Damals war sie ein Kind von 14½ Jahren. Dieses Datum läßt sich dadurch feststellen, daß mit jenem Tage die Buchführung des Marcell Veith über die Einnahmen seiner "Tochter" und die hieraus bestrittenen Ausgaben beginnt, die er bis zu seiner Anhaltung fortgesetzt hat. […] Von da an bis zu ihrem Tode betrieb Marie Veith das Gewerbe einer geheimen Prostituierten, und zwar bis Mitte 1906 in ausschließlich perverser Betätigung, von da ab jedoch auch auf normalem Wege. Daß dies der Fall war, ist durch eine Reihe von Zeugenaussagen sichergestellt. Marcell Veith stellte dies zuerst überhaupt in Abrede, modifizirte aber schließlich seine Angaben dahin, daß dies ohne sein Wissen und gegen seinen Willen geschehen sei. Die unten folgenden Erörterungen führen jedoch zur Widerlegung dieser Verantwortung. […] Aus den Rechenbüchern läßt sich vielmehr der Beweis erbringen, daß die Familie von diesem Zeitpunkte an ausschließlich vom Schandlohne der Tochter lebte, der in dieser Zeit in Summe mindestens 44.000 K[ronen] betrug und zur Gänze aufgebraucht wurde. Nicht nur Zins und Dienstlöhne; Haushalt und Möbelankäufe wurden daraus bestritten, sondern auch die Kleidung für die Eltern; selbst seinen täglichen Cigarrenbedarf und den Raseur bestritt Marcell Veith aus diesem Einkommen. Das Tagebuch zeigt, wie hart Marie Veith unter dem Zwange litt, die Lasten des ganzen Hauses zu tragen.

7. SNAPSHOT (Sonntag, 19. April)
Der Beschuldigte, Marcell Veith, wird verhört

Robert Reinagl liest:

01.05. bis 06.07.1908: Der Beschuldigte, Marcell Veith, wird verhört
Aus dem Protokoll des "Beschuldigtenverhörs", zu dem der 46-jährige Marcell Veith erstmals am 1.5.1908 aus Zelle 60 des Landes-Gerichts-Gefangenenhauses vorgeführt wird – fortgesetzt am 5.5., 6.5., 27.5., 28.5., 1.6., 2.6., 3.6., 26.6. und 6.7.
"Ich bekenne mich nicht schuldig. Ich gebe zu, dass ich meine Tochter mit 14½ Jahren in die reiche Lebewelt einführte, damit sie einen reichen Freund finde, der sie im Theaterfache ausbilden lasse. Ich gebe zu, dass meine Tochter seit vier Jahren verschiedene Vergnügungslokale besuchte, in welchen Damen der Halbwelt verkehren – aber nur, damit ich sie mit einem reichen Manne zusammenführte, der sie aushalten wollte. Ich gebe zu, dass meine Tochter mit meinem Wissen in unserer Wohnung Herrenbesuche empfing. Dies alles ließ ich nur deshalb geschehen, damit meine Tochter eine glänzende Partie mache. Meine Tochter verdiente jährlich 3 ½ bis 4000 Gulden, das letzte Jahr 6000 Gulden. Dieser Verdienst wurde teilweise zur Bestreitung des Haushaltes verwendet.
Sie gab mir den ganzen Verdienst in die Hand, und ich verrechnete ihr jeden Tag das Geld. Das verdiente Geld habe ich mit Einverständnis meiner Tochter an mich genommen, damit sie es nicht verliert.
Ich stelle jedoch entschieden in Abrede, dass ich von einem geschlechtlichen Verkehre meiner Tochter für Geld gewusst habe.
Ich habe meine Tochter im Anfang so streng überwacht, dass es den Cavalieren lästig wurde. Ich habe auch der Versicherung meiner Tochter, dass sie unschuldig sei und bleiben werde, Glauben geschenkt.
Meine Frau wusste nicht mehr als ich und hatte keine Ahnung, dass unsere Tochter geschlechtlich verkehrte. Ich selbst erfuhr hiervon erst jetzt auf der Polizei. Ich dachte immer, dass das Geld, welches meine Tochter mir brachte, ehrlich und anständig verdient sei und dass sie es nur dafür bekommen habe, dass sie irgendeinem reichen Herrn Gesellschaft leistete, ohne mit ihm geschlechtlich zu verkehren. Sie hat mir nicht erzählt, dass die Herren von ihr in den Séparées Unsittlichkeiten verlangten. Nie hat sie mir erzählt, dass sie mit den Herren pervers verkehrte. Ich hätte das niemals geduldet. Es ist absolut unwahr, dass meine Tochter gesagt haben kann, die Herren sollen sich wegen ihrer Jungfernschaft an mich wenden. Ich habe meiner Tochter nur solche Herren gestattet, von welchen ich nach Name und Stellung schließen konnte, dass sie mit ihr nicht geschlechtlich verkehren würden. Mit der Jellinek hatte ich immer Krawall, weil sie meine Tochter mit unbekannten Herren gehen ließ. Ich sagte zu ihr: ›Poldi, wenn Sie die Mizzi verleiten, mit Herren zu gehen, die sie nicht kennt, so müssen Sie von den Herren das Geld im Vorhinein verlangen, damit sie nicht umsonst die Nacht verdraht.‹"

6. SNAPSHOT (Samstag, 18. April)
Die Mentorin Marie Veiths wird vernommen

Chris Pichler liest:

12. und 20.05.1908: Die Mentorin Marie Veiths wird vernommen
Die unter dem Spitznamen "Ronacher-Poldi" bekannte Prostituierte Leopoldine Jellinek ist wegen ihrer detaillierten "Wahrnehmungen" aus nächster Nähe die Hauptbelastungszeugin gegen Marcell Veith. Dreißigjährig und beruflich schon auf dem absteigenden Ast, lernt sie Mizzi Veith im Winter 1904 kennen und begleitet sie ab da anstelle des Vaters in die diversen Vergnügungsetablissements. Sie ist es nun, die die sogenannten "Herrenbekanntschaften" vermittelt – und erhält dafür von Mizzi großzügige Zuwendungen. In Jellineks Wohnungen – im Polizeijargon als "Absteigquartiere" bezeichnet – empfangen die beiden auch "Herrenbesuche". Dem Untersuchungsrichter erzählt Jellinek am 20.5.1908: "Die Mizzi ist eine auffallende Erscheinung gewesen, hat ausgesehen wie eine Puppe, schön und zart, hat ausgeschnittene Kleider und immer extravagante Hüte getragen, die sie älter gemacht haben, als sie war. Das Mädel ist nur mit Cavalieren ersten Ranges gegangen. Die Einladungen der Herren, mit ihnen ins Hotel zu gehen, haben wir während der Vorstellungen im Etablissement Ronacher empfangen oder in den Cafés Ronacher, Europe und Ritz. Die Mizzi hat sich nie gesträubt, solche Einladungen anzunehmen. Sie hat, ganz im Gegenteil, immer dazu geschaut, riesig zu verdienen. Sie hat gewöhnlich 100 Kronen bekommen. Ich bin meistens dabei gewesen, wenn sich die Mizzi von Herren gebrauchen ließ. Entweder hat sie den Herren Minette gemacht, oder sie hat sich Minette machen oder sich zwischen die Brüste oder die Schenkel gebrauchen lassen. Fast alle Herren haben von ihr in meiner Gegenwart verlangt, sie soll sich auf natürliche Weise gebrauchen lassen. Sie hat das aber am Anfang jedes Mal verweigert: Der Papa erlaube es nicht. Wenn sie ihre Jungfernschaft haben wollten, müssten sie sich an den Papa wenden, hat sie immer gesagt. Der wird bestimmen, was das kostet. Der Graf ist drei-, viermal in der Nacht in die Cafés gekommen, um nachzusehen, bei wem seine Tochter sitzt. Im Café de l’Europe hat er sie dann in der Früh abgeholt. Da ist sie im weißen Flitterkleid gesessen, immer höchst auffallend gekleidet, dekolletiert, meistens betrunken. Im Café Heinrichshof hat die Mizzi einmal sehr viel Geld bekommen von einem Herrn, der sich im Billardzimmer von ihr Minette hat machen lassen. Die Mizzi ist sehr lebenslustig gewesen, und ich glaube nicht, dass sie sich aus Kränkung über die Verhaftung ihres Vaters das Leben genommen hat. Ich glaube eher, dass der Vater ihr gedroht hat: Wenn sie ihn verrät, wird sie von ihm auch verraten werden – dann wird sie auch bestraft. Sie dürfte also aus Furcht vor Bestrafung ins Wasser gegangen sein."

5. SNAPSHOT (Mittwoch, 15. April)
Die Causa gerät zum "Großstadtscandal"

Walter Schübler liest:

05.05.1908: Die Causa gerät zum "Großstadtscandal"
Die Zeitungen bekommen Wind von der Sache. Sie zeigen sich bestens informiert über den Stand der Ermittlungen. Groß aufgemacht und reißerisch servieren Blätter wie die "Illustrierte Kronen-Zeitung" oder das "Illustrirte Wiener Extrablatt" ihren Lesern den "Großstadtscandal", indem sie den Polizeibericht über drei Ausgaben auswalzen. Sie machen die Causa zu einem Gegenstand "öffentlicher Erregung", zeichnen das klischeehafte Bild eines ruchlosen Rabenvaters, der mit einer Rohheit und Gefühllosigkeit sondergleichen seine Tochter auf den Strich geschickt hat, in der Sprache von 1908: "der sein armes Kind der Schande zugeführt" hat. Der "pflichtvergessene Vater", der seine "kaum den Kinderschuhen entwachsene Tochter, sein einziges Kind, als Kapital" betrachtet habe, werde von einem "Cassabuch" und "einem von der Comtesse geführten Tagebuch" schwer belastet. Das Kassabuch weise allein für das Jahr 1907 12.370 Kronen aus, welche die "Comtesse" von ihren zahlreichen "Cavalieren" erhalten habe. Und im Tagebuch, in dem sich detaillierte "Aufzeichnungen über die wilden Orgien einzelner Lebemänner, über Halbweltdamen und Séparéegeheimnisse" fänden, kämen die "verschwiegenen Leiden der von dem Vater der Schande Preisgegebenen zum Ausdruck". Aus zahlreichen Stellen sei ersichtlich, welcher "Lebensekel das Mädchen erfaßt hatte, das Einladungen der Cavaliere annahm", indes der Vater ihr den "Schandlohn" abgenommen habe. Sie schildere dort "ihre seelischen Kämpfe, ihre moralischen Leiden, als sie, die kaum Vierzehnjährige, die Bahn des Lasters betreten" habe. Lebensmüde, habe die Unglückliche durch Selbstmord "ihrem durch das Laster früh verdorbenen Leben ein freiwilliges Ende bereitet". Sie habe den Tod "einem Leben der Schande" vorgezogen. Eine "furchtbare Anklage gegen den gewissenlosen Vater und gegen alle jene" seien diese Aufzeichnungen, die "den moralischen Ruin und schließlich auch den Tod des Mädchens verursacht haben". Gegen jene "Kreise, in denen man sich nicht langweilen will", gegen den "sauberen Herrn Papa", der seiner Tochter vor allen Leuten die heftigsten Vorwürfe gemacht habe, wenn sie ihm zu wenig Geld brachte. Hatte denn keiner der "noblen Cavaliere von Wien" gewusst, geahnt, "mit welchem Widerwillen sich die Verlorene den Wünschen ihres Vaters fügte"? – Die "noblen Herrchen" hätten sich einen Dreck drum geschert, "welche seelischen Qualen die Unglückliche ausstand. Sie wollten sich amüsieren". Nun, nach der Verhaftung des päpstlichen Grafen Marcell Veith und dem "tragischen Geschick seiner von ihm der Schande zugeführten Tochter", herrsche "in den Kreisen der Lebewelt große Bestürzung, da eine ganze Reihe von Personen über die im Tagebuch der Komtesse Mizzi geschilderten Vorgänge gerichtlich einvernommen werden müssen".

4. SNAPSHOT (Sonntag, 12. April)
Marie Veith schreibt einen Abschiedsbrief an ihren Vater

Chris Pichler liest:

28.04.1908: Marie Veith schreibt einen Abschiedsbrief an ihren Vater
Marie Veith wird nach ihrer Vernehmung auf dem Kommissariat Schottenring wieder auf freien Fuß gesetzt. Bevor sie am Abend des 28.4.1908 das Haus in der Schönburgstraße 19 verlässt, um sich in die Donau zu stürzen, schreibt sie ihrem im Arrest sitzenden Vater einen Brief:

Lieber guter Papi!
Verzeihe mir, dass ich Dich durch meine Schlechtigkeit in eine solche schreckliche Lage gebracht habe. Glaube mir, Paperl, ich bin ganz verzweifelt. Was soll ich nur machen, um Dir zu helfen. Papa, ich weiss, Du wirst mich jetzt vielleicht hinaus jagen. Da hast Du ganz recht. Papi, mein armer Papa, warum musst gerade Du so leiden. Am liebsten ging ich jetzt ins Wasser, wenn es Dir etwas helfen würde. Papi, vielleicht kann ich Dir etwas helfen. Schreibe mir, was Du brauchst, Wäsche oder Bücher. Ich habe auch von Mutterl Geld bekommen, Du wirst doch gewiss was brauchen. Die Marie ist so ein gutes Mädchen; sie hat so geweint, wie ich gesagt habe, dass Du dort bleibst. Papi, schreib mir nur ein paar Zeilen. Wenn Du willst, verfluche mich, aber lass was von Dir hören, wenn es auch nur eine Zeile ist. Ich kann heute nicht schlafen Papa, überhaupt nicht, bis Du nicht da bist, Papa. Ich kann Dir nicht helfen, als für Dich beten. Ich habe es schon lange nicht getan, aber heute werde ich es wieder tun. Papi, was wirst Du tun, wie werden sie Dich behandeln. Mich haben sie freigelassen und Dich sperren sie ein, wo doch nur ich […] Schuld bin. Mein guter, armer Papa, schreib mir und sag mir, ob ich gehen soll, ob Du mich nicht mehr sehen willst oder ob ich bleiben soll. Mein armes Vaterl, ich habe dem K. geschrieben, vielleicht borgt er mir etwas Geld, dass ich Dir Deine entsetzliche Lage, in die Du durch meine Schuld gekommen ist, etwas erleichtern kann. Papa, ich sehe Dein Bild am Schreibtisch, dein gutes, liebes Gesichterl. Papi, ich war schlecht, aber ich habe Dich immer gerne gehabt, das weisst Du doch. Bitte, sage mir, ob Du Wäsche oder was brauchst.
Es küsst Dich Deine unglückliche Mizzi.

3. SNAPSHOT (Samstag, 11. April)
Beweismittel werden gesichert, Zeugen werden vernommen

Walter Schübler liest:

28.04.1908 bis 04.07.1908: Beweismittel werden gesichert, Zeugen werden vernommen
Noch am Tag der Festnahme beginnt das Büro für sittenpolizeiliche Agenden mit der Sicherung von Beweismitteln und der Einvernahme von Zeugen. Bei einer mittags vorgenommenen Wohnungsdurchsuchung stellen die k. k. Polizeibeamten Alois Niederhuemer und Anton Powolny ein "Paket mit Briefschaften [sicher], der Comtesse Veith gehörig", weiters ein "Paket mit obscönen Bildern" sowie Eintrittskarten diverser Vergnügungsetablissements. Aus dutzenden Zeugenaussagen von Fiakerkutschern, Hausmeistern, Nachtportieren, Kellnern, Dienst-, Stuben- und Blumenmädchen, Bordellwirtinnen und Prostituierten ergibt sich für das Sittenamt "schwer belastendes Tatsachenmaterial", wie es in der neunseitigen maschinschriftlichen Zusammenfassung der Vorerhebungen heißt, die am 30.4.1908 der k. k. Staatsanwaltschaft Wien übermittelt wird. Marie Veith, die anfänglich versucht habe, sämtliche Zeugenaussagen als bösartige Verleumdungen darzustellen, habe schließlich gestanden, "dass sie schon mit 15 Jahren mit den Männern geschlechtlich, jedoch pervers verkehrte und sich in weiterer Folge von den Herren, die sie im Café Ronacher, Café Europe, Café Ritz und in ›Venedig in Wien‹ kennenlernte, im Hotel Modern, Hotel London, Hotel Derby und Hotel römischer Kaiser gegen hohes Entgelt, zumeist 100 Kronen, normalmäßig geschlechtlich gebrauchen ließ". Aus ihrem bei der Wohnungsdurchsuchung sichergestellten Tagebuch gehe hervor, "dass Marie Veith schwere seelische Kämpfe mitmachte, bis sie sich dem liederlichen Lebenswandel vollständig ergeben" habe. Es könne "keinem Zweifel unterliegen, dass sie diesbezüglich unter einem äußeren Zwange gestanden habe". Sie habe aber versucht, ihren Vater "durch die Angabe zu entlasten, dass ihm von ihrem liederlichen Lebenswandel nichts bekannt" gewesen sei. Sie habe "geleugnet, auch in ihrer Wohnung mit den Herren geschlechtlich verkehrt zu haben", habe versucht, glauben zu machen, "dass die Herren nur zum Thee gekommen" seien. In einer offenen Lade sei im Zimmer von Marie Veith "eine ganze Reihe obscöner, die gröbsten sexuellen Verirrungen darstellenden Fotografien vorgefunden" worden, die ihr vorgeblich von einem Herrn, der sie besuchte, geschenkt worden seien. "Diese Tatsache allein dürfte die in der Wohnung abgehaltenen Theenachmittage genügend charakterisieren."

2. SNAPSHOT (Mittwoch, 8. April)
Gegen Marcell Veith wird anonym Anzeige erstattet

Robert Reinagl liest:

11.11.1907: Gegen Marcell Veith wird anonym Anzeige erstattet
Am 11.11.1907 ergeht eine anonyme Anzeige an die "Löbliche Polizei Direktion", die das Sicherheits-Bureau an das Kommissariat Margareten "zur Erhebung, eventuell Amtshandlung" weiterleitet. Darin wird "der sehr geschätzten Wiener Polizei pflichtgemäß u. vielleicht notwendig im Interesse der Öffentlichkeit bekannt gegeben", dass im Haus Kriehubergasse Nr. 13, 1. Stock, Tür 14, ein "Mann mit angeblicher Frau u. Tochter" wohne, die "sich jedem Menschen als Grafenfamilie vorstellig machen, in Wirklichkeit jedoch ›Veit‹ heißen sollen". Der Mann sowie die Frau haben keinen Beruf noch Einkommen u. leben von ihrer minderjährigen Tochter welche immer u. zwar täglich nachtsüber außer Hause u. zumeist mit hilfe ihres Papas in Gesellschaft zahlungsfähiger Herrn geführt wird. Tagsüber Schlaf u. Müßiggang, nachtsüber u. wenn das Mädel noch so auffallend matt und schlaff ist, heißt es dringend in die Stadt mit der Komtesse, welche auch unter diesem Titel Briefe erhält. Hiebei dürfte es sich jedenfalls um eine professionsmässige Ausbeutung junger den besseren Gesellschaftskreisen angehöriger Männer handeln. Es wäre interessant dem Spiele hinter den Coulissen nachzusehen, welches meinem Verdachte nach "Hochstapplerei" sein muß. Obendrein ist jedoch dieser Herr Graf mit Sicherheitswachmännern des Rayons Kriehubergasse auch befreundet. Bei der Behörde mögen ja diese Leute richtig gemeldet sein, jedoch muß es doch im Interesse der Betroffenen strafbar sein wenn unter schlauer (äusserst schlauer) Findigkeit junge Männer ausgenutzt werden u. hiebei der Herr Papa den Leiter dieses Geschäftes bildet.

Der k. k. Polizeibeamte Carl Cohlmann hält in seinem mit "Margareten, am 24.11.07" datierten Bericht fest: Die im beiliegenden Anonymus genannten Personen sind identisch mit Marcell Veith (laut Meldezettel Marcell röm. Graf Veith), 47 Jahre, mit Gattin Anna geb. Wimmer, 45 Jahre, und Tochter Marie Comtesse Veith, Schauspiel-Elevin, 18 Jahre. Die Familie bewohnt seit 13.8.1905 im Hause Kriehubergasse 13 2 Zimmer, Vorzimmer u. Küche gegen 60 Kronen Monatszins […]. Wie vertraulich erhoben wurde, verläßt Vater und Tochter täglich um 9h längstens ½10h abends das Haus und kommen gegen 5h früh gemeinsam nachhause. […]

1. SNAPSHOT (Sonntag, 5. April)
Marie Veith wird tot aus dem Donaukanal geborgen

Robert Reinagl liest:

16.05.1908: Marie Veith wird tot aus dem Donaukanal geborgen
Gegen 10 Uhr vormittags zieht der Schiffer Jakob Fröbrich am Samstag, dem 16.5.1908, knapp oberhalb der Stephanie-Brücke die schlammbedeckte Leiche einer jungen Frau aus dem Donaukanal: mittelgroß, kräftig gebaut, dichtes langes Haar; das Weiß der bis zu den Ellbogen reichenden Glacéhandschuhe ebenso wenig vom grauen Schlamm versehrt wie das Schwarz der Lackhalbschuhe. Die Mutmaßungen, es handle sich um ebenjene ungefähr zwanzigjährige "Frauensperson", die, wie Passanten beobachteten, einen Panamahut mit rotem Band tragend, sich am 28.4. um halb 10 Uhr abends vom Treppelweg an der Elisabeth-Promenade auf Höhe der Georg-Sigl-Gasse in den Donaukanal gestürzt hatte, verdichten sich zur Gewissheit. In der Beisetzkammer des zweiten Wiener Gemeindebezirks, Am Tabor, wird die Leiche am späten Nachmittag des 16.5. vom Chauffeur Victor Widakowich identifiziert: anhand der inzwischen grob gereinigten Kleidung ­– besonders des graufarbenen Taillengürtels, dessen breite, mittig geteilte und vergoldete Schnalle auf jeder Platte ein modelliertes Brustbild trägt, einen Männerkopf mit Automobilmütze die eine, einen Frauenkopf mit weißem Häubchen die andere –, anhand der feinen, dichten, bis in die Mitte des Rückens reichenden Haare, der zarten Oberarme und der breiten, langen Fingernägel, der schlanken Waden und der kleinen Füße, der stark ausgeprägten Ballen beider großer Zehen, der sehr kleinen, gestochenen Ohren, der ziemlich weit auseinanderstehenden oberen Schneidezähne und eines dunkelbraunen erbsengroßen Muttermals in der Mitte der Brust. Das gibt auch die kurz nach Widakowich erschienene Anna Veith als besonderes Merkmal ihrer seit drei Wochen abgängigen Tochter an, die sie schon an der Kleidung wiedererkennt: dunkelgrünes, breit blau und grün gestreiftes Cheviot-Kostüm, weiße Spitzenbluse, schwarzer Seidenunterrock, weiße, mit breitem Zwirnspitzenbesatz versehene Batist-Unterwäsche, schwarze Seidenstrümpfe. Am 17.5. beantragt die k. k. Staatsanwaltschaft die Obduktion der Leiche, "insbesonders in Bezug auf die geschlechtliche Integrität".

INTRO (Samstag, 4. April)

Walter Schübler liest:

Am 28. April 1908 werden Marcell "Graf" Veith und seine 18-jährige Tochter Marie festgenommen. Er wird der Kuppelei, sie der Geheimprostitution beschuldigt. Sie ertränkt sich noch am selben Tag in der Donau, er wird vor Gericht gestellt. Der "Skandal-Prozess" erregt weit über Wien hinaus Aufsehen. Umso mehr, als hohe Polizeibeamte, die Chefs des Sittenamts und des Sicherheitsbüros, im Tagebuch und in den Kassabüchern Maries als Kunden genannt werden. Kurz nach Verbüßung seiner Haftstrafe veröffentlicht Veith in einem Krawallblatt die Kundenliste: 205 sogenannte "Cavaliere", allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen. Aus einer Unmenge zeitgenössischer Quellen und Dokumente rekonstruiere ich im soeben erschienenen Buch "Komteß Mizzi" (Wallstein Verlag) den beklemmenden Fall der Marie Veith. "Komteß Mizzi" ist eine lakonische Dokumentation, die hauptsächlich mit den Materialien des tausendseitigen Gerichtsakts (der im Wiener Stadt- und Landesarchiv aufbewahrt wird) arbeitet und sehr viel O-Ton bietet. Der Fall wird chronikal erzählt, das heißt, das Material wird so weit wie irgend möglich ohne expliziten erzählerischen Kommentar, jedenfalls ohne didaktische Vorkehrungen präsentiert. Ich schleife also die Leserinnen und Leser nicht am Gängelband durch den Text, ich zwinge ihnen keine Perspektive auf, ich bevormunde sie nicht. Ich mache mir da eine Maxime von Alexander Kluge und Oskar Negt zu Eigen: "Mehr als die Chance, sich selbstständig zu verhalten, gibt kein Buch." Das ist als Einladung zu verstehen! Das Ganze wird gleichsam in Schwarzweiß präsentiert. Weil wir in allen Medien inzwischen Farbe gewohnt sind, hat Schwarzweiß etwas Abstrahierendes und stellt Distanz her. Andererseits lässt diese karge Schreibe viel Raum. Sie fordert die Leserinnen und Leser geradezu heraus, etwas hinzuzutun, etwas zu ergänzen, gleichsam – um die Analogie fortzuspinnen – das Schwarzweiß zu kolorieren. Das macht den Reiz dieser Sprödigkeit aus. Im April, jeweils mittwochs, samstags und sonntags, zoomen wir auf der Website bzw. dem Facebook-Kanal der Wienbibliothek hinein in die materialreiche Fallgeschichte und halten zwölf Momente in zwölf Snapshots fest.

Drehbuch: Walter Schübler
Regie: Suzie Wong
Lesung: Chris Pichler, Robert Reinagl, Walter Schübler
Kommentare: Walter Schübler
Technische Assistenz: Katrin Kühnert, Michael Burger
Mit freundlicher Unterstützung des Wiener Stadt- und Landesarchivs (MA 8)

Chris Pichler
Robert Reinagl