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Am 25. April sowie am 8., 15. und 16. Mai 2018 schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats Mai 2010: Hofrichter unterschreibt nach seinem Geständnis das Protokoll

Hofrichter unterschreibt das Protokoll. Retuschiertes Foto einer Zeichnung. Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Fotosammlung, TF-005811

Nicht jeder große Kriminalfall der Geschichte weist die gesellschaftliche Sprengkraft der Dreyfus-Affäre auf und spaltet eine ganze Nation bis hin zu bitterster Gegnerschaft. Doch in der österreichischen Kriminalgeschichte, nimmt der "Fall Adolf Hofrichter" unstrittig einen singulären Platz ein, wie die Sammlung an Presseartikel des Tagblattarchivs der Wienbibliothek eindrucksvoll beweist. Der Prozess Adolf Hofrichter, der sich vor genau 100 Jahre zutrug und die k u. k. Monarchie, allen voran ihre Armeeführung erschütterte, war einer der spektakulärsten seiner Zeit. Er nährte Verschwörungstheorien aller Art und befeuerte die Phantasien der Menschen. Der Fall Hofrichter bot den heimischen Gazetten Stoff bis in die Gegenwart und war Thema zweier Verfilmungen.

Aber kommen wir zum Fall Hofrichter und somit zu unserem Objekt des Monats. Am 17. November 1909 wird der Hauptmann im Generalstab Richard Mader tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der mutmaßliche Täter wird schnell ausgemacht: Von 23. bis 25. Mai 1910 steht der Oberleutnant des k.u.k Infanterieregiments Nr. 14, Adolf Hofrichter, vor einem Militärgericht in Wien, wo ihm der Mord an Mader zur Last gelegt wird. Mader, so die Nachforschungen der Polizei, war an einer Dosis Zyankali zu Tode gekommen. In seiner Wohnung finden die Ermittler eine Briefsendung eines gewissen Charles Francis, der sich als Pharmazeut ausweist. Inhalt lt. Begleitschreiben: ein Potenzmittel, tatsächlich handelt es sich um Zyankali. Aber damit nicht genug: Wie die Fahnder herausfinden, wurden die Giftbriefe neben Mader an 11 weitere Offiziere des Generalstabes verschickt – dank Warnung überleben sie das "Attentat". Und: Einen Charles Francis gibt es nicht. Mit einem Wort: Ein perfekt durchdachtes Verbrechen und die Gerüchteküche brodelt. Ist der Giftanschlag auf die Offiziere des Generalstabes das Werk einer fremden Macht, von Anarchisten geplant oder gar die Tat eines Irrsinnigen, wie die Gazetten mutmaßen? Nein, sagt der Leiter der Wiener Kriminalpolizei, Regierungsrat Stukart, der den Täter im Kreis des Ausmusterungsjahrgangs 1905 vermutet, die nicht in den Generalstab berufen worden sind. Darunter auch Oberleutnant Adolf Hofrichter. Er hat ein Motiv, das er allerdings mit seinen Kameraden teilt. Zum Tatverdächtigen machen ihn aber vor allem eine Reihe von Indizien, die auch die Grundlage der Prozessführung bilden und immer wieder Zweifel an seiner Schuld aufkommen lassen. Max Winter, Journalist und späterer Vizebürgermeister von Wien, zeigt eine ganze Reihe von Widersprüchen der Ermittler auf, die das Gebäude an Indizien ins Wanken bringen. Für Verwirrung sorgt aber vor allem Hofrichter selbst: Zuerst unterschreibt er sein Geständnis, widerruft es aber bald darauf und entgeht damit der Verurteilung zum Tod. Das Urteil: 20 Jahre Kerker. Hofrichter sitzt bis zum Ende der Donaumonarchie in der Militärstrafanstalt Möllersdorf ein. Unter seinem neuen Namen Adolf Richter führen ihn seine Wege nach Paris und Prag. 1928 lässt er sich in Wien nieder, wo er 1945 stirbt.

Wer also ist der Mörder des Hauptmann Richard Mader? Wir wissen es bis heute nicht! Auch wenn viel für die Schuld von Hofrichter spricht, so bleiben doch Zweifel bestehen. Und diese Zweifel sind es, die den Fall Adolf Hofrichter zu einem der rätselhaftesten in der österreichischen Kriminalgeschichte machen.

Archiv der Objekte des Monats 2010