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Objekt des Monats Mai 2022: Die Wiener Moderne als Montage von gelben Post-its

Wie ein britischer Germanist die Innovationen des Wien um 1900 visualisierte und wie Wiener Kreise bis heute weiterwirken.

Eine der ersten Skizzen zu den Wiener Kreisen von Edward Timms, ZPH 1805, Wienbibliothek im Rathaus

Anfang der 1960er Jahre entschied sich ein junger britischer Germanist namens Edward Timms, der sich schon länger für Satire im deutschsprachigen Raum interessierte, doch nicht zu Kurt Tucholsky sondern zu Karl Kraus zu dissertieren. Er kam nach Wien und begann sein „fieldwork“ in der Wienbibliothek im Rathaus, wo das aus dem Exil zurückgekehrte Ehepaar Paul und Sophie Schick das Karl-Kraus-Archiv ordnete und hütete. Die beiden führten den jungen Timms nicht nur in die „Mysterien der Handschriftensammlung“ ein, sondern auch in die Welt von Karl Kraus, die auf ihn ebenso faszinierend wie überwältigend wirkte. Kraus war ein ungeheuer produktiver Protagonist der Wiener Moderne gewesen, der in seinem monumentalen Werk intensiv, kritisch und persönlich mit seinen Zeitgenoss*innen interagiert hatte. Er sollte Edward Timms als Forschungsgegenstand lebenslang begleiten. Doch zunächst musste Timms Wien um 1900 in seiner Vielfalt und Innovation begreifen und einen Zugriff auf diese spezielle Welt erhalten

Die Struktur der Wiener Avantgarde

Timms begann also in kleinen Heften, auf Zeichenblättern und vor allem in ausufernden Montagen von gelben Post-its und Zettelchen die „Welt von Gestern“ zu mappen. Es bedurfte wohl der Außenperspektive eines britischen Germanisten, um solch eine groß angelegte Erfassung der Wiener Avantgarde zu versuchen. Timms selbst wusste bereits: „Der bunt schillernden Palette der Wiener Moderne wird man mit Schwarzweißmalerei nicht gerecht."1 In seiner skizzenhaften Erfassung konnte sich die von ihm selbst diagnostizierte „Dynamik der Kreise“ – ihre Veränderlichkeit, ihre schöpferischen Interaktionen und Wechselwirkungen wie auch die zentrale Spannung zwischen Innovation und Tradition – nicht entfalten. Dennoch regt die Darstellung dieses Gefüges von Kreisen um Schlüsselfiguren nicht nur die Moderne- und die Kraus-Forschung bis heute an – eine digitale Transformation von Timms „verdichtetem elektromagnetischen Netzwerk“ bietet sich an und wurde etwa im Wien Geschichte Wiki am Kreis von Adolf Loos schon erprobt. Doch das ist erst ein Beginn…

Der Wiener Kreis als Kreis unter Kreisen

Spricht man von den „Wiener Kreisen“, wie Timms selbst das Milieu (nicht nur) progressiver Wiener Intellektueller um Salons und Kaffeehäuser bezeichnete, dann korrigieren Wissende oft den Plural und fragen nach, ob man denn nicht den berühmten Wiener Kreis (im Singular!) meine? Selbstverständlich ist diese Gruppe von Philosoph*innen um Moritz Schlick – Ausgangspunkt und Zentrum des Logischen Empirismus – ein wichtiger Kreis, doch nach Timms eben einer unter vielen, an die er grenzt und mit denen er sich überschneidet – etwa den Kreisen um Karl Kraus, um den Architekten Adolf Loos oder um den Rechtswissenschaftlers Hans Kelsen. Über weitere Personen und Interaktionen standen diese Kreise auch in Verbindung mit den Netzwerken der Feministin Rosa Mayreder, der Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald, den Sozialist*innen um Victor Adler oder den Psychoanalytiker*innen um Sigmund Freud. Vielfach sind solche Zirkel schwer zu fassen, da ihre Zusammenkünfte oft undokumentiert blieben und es selten offizielle Mitgliedschaften oder Protokolle gab. Und obwohl sie also so ephemer sind, gibt es keinen Zweifel an der Existenz und Bedeutung dieser Kreise, deren Protagonist*innen und Ideen oft über Wien in die Welt hinauswirkten und legendär wurden.

Digitaler Humanismus und New Enlightenment

Hundert Jahre später, in Zeiten der digitalen Transformation, liegt eine Rückbesinnung auf diese Kreise nahe, um gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen mit Vernunft, Ideen und Menschlichkeit zu begegnen. So stellt sich das Wiener Manifest für digitalen Humanismus explizit in die „Tradition des renommierten Wiener Kreises und anderer Denkströmungen der Moderne“, wenn es darum geht, die Zukunft durch „kritisches rationales Denken und interdisziplinäre Zusammenarbeit“2 mit Verantwortung und dem Menschen im Zentrum zu gestalten. Exaktes Denken und Kooperation sind in „demented times“ (Karl Sigmund) „wichtiger denn je“.  In Zeiten, in denen Fakten, Wissen und Wahrheit systematischen Attacken ausgesetzt sind, gilt es neue aufklärerische Netzwerke des Wissens zu schaffen, um das emanzipatorische Potenzial digitaler Technologien demokratisch zu nutzen und damit unsere Gesellschaft inklusiver zu gestalten. Womöglich wird die Kreise, die sich jetzt formen, eine junge Wissenschaftlerin im Jahr 2122 digital mappen.

1 Edward Timms, Dynamik der Kreise, Resonanz der Räume. Die schöpferischen Impulse der Wiener Moderne, Weitra: Verlag der Provinz 2013, 13.
Wiener Manifest für digitalen Humanismus

Quellen

Links in das Wien Geschichte Wiki

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