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Objekt des Monats Jänner 2021: Sänfte und Scheibtruhe - Ein Miniaturkalender von 1766

Humor- und kunstvoller Miniatur-Kalender mit Email-Einband, WBR, Signatur G-55244/1766

Ein reich illustrierter Miniaturkalender der Rokokozeit mit kunstvoll gearbeiteten Emaildeckeln: Mit dem Objekt des Monats Jänner 2021 möchten wir den Beweis antreten, dass das englische Sprichwort, wonach ein Buch nicht nach seinem Einband bewertet werden solle, nicht immer ganz wörtlich genommen werden darf!

Dabei ist der Miniaturkalender mit dem Titel „Neuer Crackauer mit allerhöchstem Kaiserlich-Königlichem Privilegio verfertigter Finger-Kalender auf das Jahr 1766“ an sich schon eine Rarität. Ungeachtet des Titels stammt er nicht aus Krakau, sondern aus der Wiener Druckerei des merkantilistischen Medienunternehmers Johann Thomas von Trattner (1719-1798) und ist der älteste bekannte Jahrgang dieses bis ins 19. Jahrhundert hinein erschienenen Kalenders. Im Format von nur 7 x 3 cm enthält das Büchlein zwölf ebenso kleine, in grüner Farbe gedruckte Kupferstiche, die ganz im Stil der Zeit mit galanten Lebensweisheiten aufwarten. Unter dem Vorderdeckel ist ein (heute gebrochener und teilweise erblindeter) Taschenspiegel montiert, ganz hinten wiederum befindet sich ein kleines Papieretui: Ob es schlicht zur Aufbewahrung von Nähzeug oder Ähnlichem diente, oder darin doch eher Haarlocken und Liebesbriefchen versteckt wurden, sei der Phantasie überlassen.

Höfische vs. bäuerliche Hündchen?

Zur kulturhistorischen Besonderheit – und auch zum Unikum innerhalb der reichen Kalendersammlung der Wienbibliothek – machen den „Finger-Kalender“ von 1766 aber seine aufwändig gestalteten, bemalten Emaildeckel.
Der Vorderdeckel zeigt eine Szene, die in den Umgebungen Wiens zu Zeiten Maria Theresias wohl nicht selten zu beobachten war: Eine vornehme Person wird von zwei kräftigen Trägern in einer Sänfte über grüne Wiesen getragen, angeführt von einem Livrierten, der mit einem langen Stock für freien Weg zu sorgen hat. Nur dass es sich hier bei den Dargestellten keineswegs um Lakaien und Adelspersonen handelt, sondern um kleine Hündchen mit kurzer schwarzer Schnauze – vielleicht sind es Möpse, Vertreter einer typischen Salonhunderasse der Rokokozeit, die vor 250 Jahren auch noch Nasen haben durften.
Die Szene der Sänfte-tragenden Schoßhündchen hat einen ironisch-humorvollen, ja liebenswürdigen Charakter. Vielleicht schwingt aber auch eine Portion Satire und Gesellschaftskritik mit: Betrachtet man nämlich den Rückendeckel, so findet man erneut drei auf Email gemalte Hunde vor. Die Szene ist ähnlich humorvoll, im Gegensatz zur Vorderseite scheint sie aber im ländlichen Milieu angesiedelt: In einer Scheibtruhe aus Holz sitzt ein Welpe, der von den beiden anderen, erwachsenen Bauershunden gefahren wird. Die Tiere sind augenscheinlich von kräftigerer Rasse als die Höflinge auf der Vorderseite, und der buckelige Vaterhund an der Spitze scheint sich mit dem Seil richtig abzurackern.

Eine fragile Kunstform

Emailkunstwerke dieser Art sind typisch für den Geschmack des Rokoko-Zeitalters in Europa. Von Frankreich und der französischen Schweiz ausgehend verbreitete sich die Emailmalerei über den ganzen Kontinent. Zumeist waren es Chinoiserien oder Schäferszenen, die mit sicherer Hand auf das rohe Email gemalt und dann bei 700 bis 1000 ° C gebrannt werden mussten, um schließlich zur Zierde von Dosen, Broschen, Tabattieren und Taschenuhrgehäusen verwendet werden zu können. Dass die Malerei auf Email aber nicht nur technisch schwierig, sondern ihr Ergebnis auch ziemlich fragil war, belegt auch unser „Finger-Kalender“: Beide Emaildeckel haben die Jahrhunderte nämlich nicht unbeschadet überstanden, sondern an den Kanten kleine Absplissungen des Emails erfahren.

Humor- und kunstvoller Miniatur-Kalender mit Email-Einband, WBR, Signatur G-55244/1766; (c) Maren Waffenschmid

 

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