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Wien wird Bundesland

100 Jahre Wiener Stadtverfassung und die Trennung von Niederösterreich - Ausstellung und Sammelband

Zum Jubiläum des 100-jährigen Bestehens des Bundeslandes Wien und der Wiener Stadtverfassung zeigt die Wienbibliothek im Rathaus die Foyer-Ausstellung „Wien wird Bundesland“ (11. November 2020 bis 9. April 2021) und stellt die gleichnamige Publikation vor. Vermittelt werden Vorgeschichte, Hintergründe und Auswirkungen der Entwicklung Wiens zum eigenständigen Bundesland sowie Einblicke in den Trennungsprozess, der nicht nur einen politisch-rechtlichen, sondern auch einen kulturellen Einschnitt darstellte. Zahlreiche Beispiele spiegeln das gesellschaftliche Klima anschaulich wider und erläutern die weitreichenden Konsequenzen dieser Trennung – dessen Nachwirkungen bis in unsere jüngste Vergangenheit reichen.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der 1918 entstandenen Republik (Deutsch-)Österreich lebte in Niederösterreich, zu dem noch die Zwei-Millionen-Stadt Wien gehörte. Dieses Übergewicht, auch gegenüber den Interessen anderer Bundesländer, verliehen den Bestrebungen hin zur Trennung von Niederösterreich und Wien zusätzliche Dynamik. Für den Prozess maßgeblich war die politische Landschaft nach den erstmals nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für Männer und Frauen durchgeführten Wahlen zum Niederösterreichischen Landtag und Wiener Gemeinderat am 4. Mai 1919. Aus diesen gingen die Sozialdemokraten als klare Sieger hervor. Jakob Reumann als Wiener Bürgermeister und Albert Sever als Landeshauptmann von Niederösterreich beendeten in beiden Gremien eine langjährige christlichsoziale Vorherrschaft.

KULTURELLES UND GESELLSCHAFTLICHES KLIMA

Die Werbemittel aus der Druckschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus für diese Wahlen spiegeln das gesellschaftliche Klima anschaulich wider. Eine Station porträtiert die wichtigsten Akteure in diesem Prozess, allen voran Robert Danneberg, den führenden Verfassungsexperten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Große Unterschiede in Alltag und Lebenskultur beförderten das Misstrauen zwischen Stadt- und Landbevölkerung: Nicht nur wollte das nun mehrheitlich sozialdemokratische Wien nicht mehr vom konservativen Umland abhängig sein; vorangetrieben wurde die Trennung allen voran auch von christlichsozialen Stimmen, die weder länger für die Finanzierung des verarmten „Wasserkopfes“ Wien aufkommen wollten, noch sich von einem sozialdemokratischen Landeshauptmann in ihren Anliegen und ihrer Weltanschauung vertreten sahen.

„Zum großen Drama der Umbruchsjahre gehörten auch die zahlreichen Nebenbühnen, auf denen mit großer Rhetorik in mannigfacher Form um die gesellschaftliche Neuordnung, um die Parteienbindung, um die Gestaltung des Alltags, um die Identität, um das Geschichtsbild oder um die Symbole des Lebens gestritten wurde", so Alfred Pfoser im Begleitband zur Ausstellung.

Eine Rolle in diesem Kulturkampf spielte auch die Frage der Religion: Katholische Organisationen fürchteten weitreichende Veränderungen im Verhältnis von Kirche und Staat. Verstärkt wurde dies in den Gründungsjahren der Republik durch moralische Ressentiments gegenüber dem „Sündenpfuhl“ Großstadt, wofür als Beispiel die – auch juristisch umstrittenen – Sever-Ehen herangezogen wurden: Nachdem eine Scheidung oder gar Wiederverheiratung getrennter Katholiken nicht möglich war, ermöglichte Albert Sever, sozialdemokratischer Landeshauptmann des noch ungeteilten Niederösterreich, eine staatliche Anerkennung („Dispens“) sogenannter „wilder“ Ehen.

DIE NEUE STADTVERFASSUNG

Die entscheidenden rechtlichen Grundlagen für die Stellung Wiens als eigenständiges, von Niederösterreich getrenntes Bundesland mit damit einhergehender politischer Selbstbestimmung wurden im Oktober 1920 durch die Bundesverfassung gelegt. Unklar war vorerst noch, wo die Grenzen zwischen den Bundesländern Wien und Niederösterreich verlaufen sollten. Manchen Überlegungen zufolge sollte das „Wienerland“ bis an die Staatsgrenze reichen, anderen nach bis tief in das niederösterreichische Industrieviertel. Letztlich blieb das neue Bundesland auf das damalige Stadtgebiet begrenzt.

Als die Bundesverfassung am 10. November in Kraft trat, konstituierte sich der Wiener Gemeinderat als Landtag und beschloss in seiner ersten Sitzung die Wiener Stadtverfassung, die bis heute die Funktionsweise der politischen Organe für Wien in seiner Eigenschaft sowohl als Gemeinde als auch als Bundesland regelt. Sie übernahm die Eckpunkte des erst im April 1920 reformierten Gemeindestatuts: War bis dahin der Bürgermeister übermächtig, so wurden die Demokratisierung der Verwaltung und höhere politische Effizienz vorangetrieben, allen voran in der Stärkung der Kollegialorgane durch ressortzuständige amtsführende Stadträte und Gemeinderatsausschüsse sowie das neu geschaffene Kontrollamt. Die Stadtverfassung wurde von Bürgermeister und Magistratsdirektor in der nunmehrigen Funktion als Landeshauptmann bzw. Landesamtsdirektor unterzeichnet, sie trat am 18. November 1920 in Kraft und ist in ihren wesentlichen Punkten bis heute gültig.

„Eine in Österreich einmalige Besonderheit ist die Funktion der sogenannten nicht amtsführenden Stadträte, die nach dem Proporzsystem vergeben werden. Je nach Stärke haben die Fraktionen einen Anspruch auf Vertretung im Stadtsenat bzw. der Landesregierung, nur jene der regierenden Partei(en) übernehmen aber als amtsführende Stadträte ein Ressort. Dass auch die anderen Fraktionen trotzdem in diesem Gremium vertreten sind, erleichtert ungemein die Kommunikation, weil so auch die Opposition immer über die wesentlichen Vorgänge informiert ist“, ergänzt Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus.

Durch die nun vorhandene finanz- und steuerpolitische Unabhängigkeit Wiens konnten ab 1920 die für die Stadt prägenden gesellschaftlichen, sozialen und infrastrukturellen Reformen des Roten Wiens umgesetzt werden.

DAS TRENNUNGSGESETZ UND DIE FOLGEN

Nach Klärung organisatorischer und vermögensrechtlicher Fragen wurde mit dem gleichlautend vom Wiener und vom Niederösterreichischen Landtag beschlossenen „Trennungsgesetz“ vom 29. Dezember 1921 die vollständige Trennung von Wien und Niederösterreich(-Land) vollzogen.

Die Mangelwirtschaft und die katastrophale Versorgungslage Wiens verstärkten auch nach der formalen Trennung die Konflikte: Während das Umland Wiens sich gegen staatliche Vorschreibungen und ungeliebte Zwangsablieferungen zu Fixpreisen wehrte, verwies man in der Stadt auf Kriegsgewinnler und Spekulanten, die nur große Gewinne einstreifen wollten, was zahlreiche Karikaturen aus der Zeit belegen. Im Foyer der Wienbibliothek im Rathaus werden diese mit exklusiv für die Ausstellung geschaffenen Zeichnungen von Wolfgang Ammer ergänzt, die die Stimmungslage in jener Zeit vermitteln.

Bis zur vollständigen Trennung ging es vor allem um die „Aufteilung des Familiensilbers“, so Christian Mertens, Kurator der Ausstellung und gemeinsam mit Bernhard Hachleitner Herausgeber der begleitenden Publikation: „Die Verhandlungen über die Aufteilung des bisher gemeinsamen Eigentums zogen sich über das gesamte Jahr 1921. An Wien fielen dabei unter anderem das Krankenhaus Am Steinhof, eine Pflegeanstalt in Ybbs und Immobilien im Wiener Stadtgebiet. Das niederösterreichische Landeselektrizitätswerk wurde in eine Aktiengesellschaft unter Beteiligung beider Länder umgewandelt, die niederösterreichische Landesversicherungsanstalt in die Aktiengesellschaft ‚Bundesländerversicherung‘ transferiert“, so Mertens. Betroffen waren aber auch Kunst- und Kulturschätze. So wurde Gustav Klimts Damenbildnis der Emilie Flöge im Zuge der Vermögensaufteilung aus den Beständen des Niederösterreichischen Landesmuseums vom Historischen Museum der Stadt Wien (heute: Wien Museum) übernommen.

Die Auswirkungen der Trennung reichten bis in die 1980er Jahre: Das niederösterreichische Landhaus in der Herrengasse verblieb nach 1921 zur Hälfte im Eigentum Wiens, wurde aber zur Gänze dem neuen Land Niederösterreich übertragen, so lange Landtag und Landesregierung dort amtieren. Erst als 1986 St. Pölten Hauptstadt wurde übertrug Wien Niederösterreich sein Hälfteeigentum und erhielt als Wertausgleich u. a. Grundeigentum im Bereich der nördlichen Donauinsel.

„Selbst in der Ersten Republik überbrückten die beiden Landesregierungen ihre ideologischen Differenzen, wenn eine Kooperation im Interesse beider Länder lag – wie etwa die gemeinsame Tourismuswerbung für den internationalen Markt. Problematisch wurde es, wenn Wien und Niederösterreich auf einem Gebiet Konkurrenten waren, wie etwa beim Wein“, ergänzt Bernhard Hachleitner. Dies betraf die Verhandlungen über den niederösterreichischen Landesmusterkeller, der als Zwischenhändler und als Vermarktungsagentur für den Niederösterreichischen Wein agierte. Gemeinsam wurde eine AG gegründet, um die jeweiligen Interessen zu wahren. Doch bald zeigten sich die Schwierigkeiten der paritätischen Führung, da Wien als Großstadt wichtigster Konsument des niederösterreichischen Weins war, gleichzeitig aber auch Produzent von eigenem Wein, der Mitte der 1920er Jahre mit massiven Absatzproblemen zu kämpfen hatte. Niederösterreich übernahm schließlich die Anteile Wiens an der Landesmusterkeller AG.

In der Ausstellung präsentiert werden Objekte aus der Zeit um 1920, darunter Kartenmaterial und Pläne sowie Dokumente zu den in den Trennungsverhandlungen umstrittenen Gebäuden und Organisationen.

AUSSTELLUNG: WIEN WIRD BUNDESLAND
100 Jahre Wiener Stadtverfassung und die Trennung von Niederösterreich
Eröffnungstermin steht aufgrund der aktuellen Covid-19-Situation nicht fest
Ausstellungsende: 9. April 2021

Wienbibliothek im Rathaus, Foyer
1., Rathaus, Eingang Felderstraße, Stiege 6, Glaslift, 1. Stock
Montag bis Freitag, 9:00 bis 17:00 Uhr – Geschlossen: SA, SO, Feiertage, 24. und 31.12.2020
Eintritt frei!

Kuratiert von: Christian Mertens, Wienbibliothek im Rathaus
Ausstellungsgrafik: Nadine Nuß, Gerhard Bauer (Perndl & Co)
Buchgrafik und Ausstellungssujet: Gruenberg4

Begleitband zur Ausstellung:
Bernhard Hachleitner/Christian Mertens (Hg.)
WIEN WIRD BUNDESLAND
Die Wiener Stadtverfassung 1920 und die Trennung von Niederösterreich
201 Seiten mit zahlr. Abb., 210 x 280 mm, Klappenbroschur
ISBN 9783701735273, € 25,-
Residenz Verlag

Links

Bildmaterial finden Sie hier.

Presseinformation zur Ausstellung "Wien wird Bundesland" (PDF)

 

Pressekontakt und Bildmaterial-Anfragen:

vielseitig ||| Mag.a Valerie Besl
t: +43 1 522 4459 10, m: +43 664 8339266, valerie.besl@vielseitig.co.at

 

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