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29. Mai 2026
Judith Belfkih

Die Vermessung des Lichts

Florian Stuker erforscht das Licht – oder genauer gesagt die Dunkelheit. In seiner Wiener Vorlesung erklärt der Schweizer Forscher, wie Lichtverschmutzung und Biodiversität zusammenhängen, was das mit der Nahrungskette zu tun hat und wofür es eine Lichtlandkarte braucht. 

Portrait Florian Stuker Credit Florian Stuker

Einführung

Florian Stuker erforscht das Licht – oder genauer gesagt die Dunkelheit. Der Physiker beschäftigt sich damit, wie viel und welches Licht der Mensch braucht, um sich nachts sicher zu fühlen, und wie dieses Sicherheitsbedürfnis mit den fragilen Zyklen der Natur zusammenpasst. In seiner Wiener Vorlesung erklärt der Schweizer Forscher, wie Lichtverschmutzung und Biodiversität zusammenhängen, was das mit der Nahrungskette zu tun hat und wofür es eine Lichtlandkarte braucht.

Judith Belfkih im Gespräch mit Florian Stuker

Wiener Vorlesungen: 
Wann war es Ihnen zum ersten Mal zu hell?  

Florian Stuker:
Es ist vor allem zu hell, wenn man in den Bergen unterwegs ist, in der Nacht. Das ist typischerweise im Winter der Fall, wenn es auch Nebel hat. Es gibt da bei uns in der Nähe einen Dark Sky Park in den Bergen. Wenn man da Richtung Stadt hinunterschaut, dann sieht man bei klarer Nacht, aber auch bei Nebel diesen Dom aus Licht. Dort wird einem bewusst, wie stark eine solche Stadt auch in die Atmosphäre abstrahlt.

Was war für Sie der Grund, sich mit diesem Thema wissenschaftlich zu beschäftigen? 

Wir wissen, dass die Biodiversität zurückgeht; das Insektensterben nimmt zu. Ein wesentlicher Beitrag, den wir leisten können, ist, dass wir Licht am richtigen Ort in einer adäquaten Menge installieren. Damit können wir dazu beitragen, dass, salopp gesagt, die Welt nicht zugrunde geht und wir weiterhin ein gutes Leben haben auf diesem Planeten.

Ab wann spricht man von Lichtverschmutzung?

Das ist im Moment Gegenstand der Forschung. Es gibt verschiedene Richtlinien, die eine gute Beleuchtung vorschreiben. Es ist die Menge des Lichts. Es ist die Art des Lichts. Und es ist die Richtung des Lichts. Aber da sind wir noch lange nicht am Ende. Wir versuchen am METAS, am Eidgenössischen Institut für Metrologie der Schweiz, in Zusammenarbeit mit Biolog:innen genau das herauszufinden: was gute Beleuchtung ist. Das weiß man noch zu wenig, daher forschen wir hier. Man weiß schon einiges über die Lichtfarbe, aber wenig über die Stärke – auch weil wir Insekten zu wenig verstehen. Was wir wissen: Zu viel Licht bedeutet weniger Insekten, wenig Licht viele Insekten. Aber wir wissen noch nicht, was eine gute Menge ist.

Für die Insekten oder die Menschen?

Genau das ist die Frage. Es leben ja natürlich nicht nur die Insekten auf der Erde, wir Menschen sind auch hier. Und wir haben auch ein gewisses Bedürfnis nach Beleuchtung in der Nacht und das dürfen wir auch nicht unterschätzen. Wir können nicht einfach jetzt um 22 Uhr alle Städte ausschalten.

Die meisten Menschen empfinden Licht in der Nacht als eine Form von Sicherheit. Das steht in den Lösungen wahrscheinlich an erster Stelle? 

Ja genau, es gibt natürlich verschiedene Studien dazu. Aber das kennt jeder Mensch selbst: Wenn Sie in der Nacht durch eine dunkle Gasse gehen oder auch im Wald, ist das ein bedrückendes Gefühl. Dieses Gefühl will man in einem urbanen Umfeld nicht.

Bleiben wir noch beim Menschen. Was macht es mit uns, wenn es nie ganz dunkel wird, wie etwa in Städten? 

Dazu weiß man vieles. Zum Beispiel, dass LED-Beleuchtung mit viel Blau-Anteil unser Schlafhormon unterdrückt. Daher schalten auch viele Handys abends in einen Nacht-Modus, der mehr orange-gelb ist. Aber immerhin kann man so diesen Rhythmus noch aufrechterhalten, auch in unserer modernen Gesellschaft. Denn wir wissen, dass sonst die innere Uhr gestört wird.

Wenn es nie ganz dunkel wird, was fehlt uns da? Haben wir auch verlernt, Dunkelheit auszuhalten? 

Dass wir auch Licht im Dunkeln haben, daran hat sich der Mensch nach und nach gewöhnt. Wir haben den Umgang mit Dunkelheit also ein Stück weit verlernt. Es geht jetzt darum, das Bewusstsein zu schaffen, dass es noch Nacht gibt. Und was man in der Nacht eigentlich entdecken kann, beispielsweise den Sternenhimmel, die Milchstraße – das alles sieht man ja teilweise nicht mehr. In der Stadt hat man da praktisch keine Chance mehr. Wegen des fehlenden Blicks in die Nacht und auf die Sterne wird einem auch nicht mehr bewusst, wo wir eigentlich leben. Nämlich auf der Erde – wir sind nur ein kleines Ding in einem großen Kosmos.

Das Licht stört vor allem aber Tiere. Was sind da die markantesten Effekte von Lichtverschmutzung, die Sie beobachten? 

Man weiß, dass sich gewisse Insekten vor der Lampe quasi zu Tode drehen. Oder dass die Wanderungen von Tieren eingeschränkt sind. Das heißt eigentlich, dass die ganze Ökologie der Tiere und dann auch der Nahrungsketten gestört wird. Um unsere Nahrungskette weiterhin aufrechtzuerhalten, brauchen wir Insekten. Es ist wie bei den Bienen: Wenn sie aussterben und keine Bäume bestäuben, haben wir ein wesentliches Problem. Dann gibt es keinen Apfel mehr auf dem Markt.

Der Hochwasserschutz hat bisher gehalten. Hat sich die Insel hinsichtlich der sozialen Nutzung von den ursprünglichen Vorstellungen entfernt? 

Als das Projekt 1969 beschlossen wurde, hätte sich niemand diese heutige Nutzung vorstellen können. Selbst nicht, als die Donauinsel 1988 offiziell fertiggestellt wurde. Damals hatte Wien den niedrigsten Bevölkerungsstand im 20. Jahrhundert mit knapp unter 1,5 Millionen. Seitdem ist die Stadt um eine halbe Million Einwohner:innen gewachsen – vor allem die Stadtviertel, die an die Donauufer grenzen. Das hat den Nutzungsdruck massiv verstärkt.

Warum gibt es in der Gesellschaft so wenig Bewusstsein für dieses Problem? 

Uns fehlt die Lobby. Und uns fehlt das Geld. Es ist schwierig, hier ein Bewusstsein zu schaffen, weil man sich an das Licht gewöhnt hat – man braucht das Licht. Man drückt am Morgen auf den Schalter, wenn man aufsteht, und es ist einfach da. Aber was das für Auswirkungen auf andere Lebewesen hat, seien es Menschen oder Tiere, dessen ist man sich nicht mehr bewusst. In der Schweiz sieht man das sehr deutlich zur Weihnachtszeit, wo die Beleuchtung von Häusern drastisch zugenommen hat in den letzten Jahren, weil man diese Hirsche und Girlanden überall im Baumarkt kaufen kann. Licht ist billig geworden, es ist einfach vorhanden, hat keinen Wert mehr. Das ist ein Teil des Problems.

Wie sieht es mit der öffentlichen Beleuchtung aus? Gibt es da mehr Bewusstsein? 

Da gibt es mehr Bewusstsein. Da gibt es eigene Organisationen und Ämter, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, und Arbeitsgruppen, die Leitfäden erstellen. Da wird auch schon vieles umgesetzt. Auch in Wien passiert meines Wissens hier schon viel. Es geht jetzt eher darum, das Bewusstsein weiter zu schärfen, auch bei Privatpersonen.

Was kann man da als Einzelperson tun?  

Es geht um eine gewisse Selbstreflexion. Dass man sich einschränkt – zum Beispiel bei der Weihnachtsbeleuchtung. Es geht ja nicht nur um die Menge von Licht, sondern auch um die Richtung. Bei Light Pollution sprechen wir vor allem von Licht, das nicht auf den Boden gerichtet ist, sondern unkontrolliert in die Atmosphäre geht. Das kann man mit Gesetzen regeln oder mit Klassifizierungen. Wir träumen da bei öffentlichen Beleuchtungen von einem Gütesiegel, das man ausstellen könnte. Aber es gibt auch so ganz einfache Kriterien: das richtige Licht am richtigen Ort in die richtige Richtung in adäquater Menge. Wenn man das befolgt, hat man schon viel beigetragen.

Informationen zur Veranstaltung:
Wiener Vorlesung, 08.06.2026

Fotocredit:
Florian Stuker