Caroline Tritsch, geschiedene Friedmann, trat 1928 wieder in das Leben des Sohnes – nach fast 50-jähriger Abwesenheit. Sie hatte ihren Mann Moriz Friedmann und die drei kleinen Kinder 1879 verlassen. Da war Egon gerade einmal ein Jahr alt. Den Tod des Vaters einige Jahre später wertete der Sohn, der sich als Künstler den Nachnamen Friedell gab, als Folge des familiären Bruchs.
Aufgezogen wurde Friedell von der Haushälterin der Familie, Marie Gabriel, mit der er bis zu ihrem Tod in einer Mutter-Sohn-ähnlichen Wohngemeinschaft zusammenleben sollte. In das Exemplar der 1904 gedruckten Dissertation „Novalis als Philosoph“, das der frisch gebackene Doktor seiner Ersatzmutter überreichte, schrieb er einen bei Friedrich Nietzsche gefundenen Aphorismus: „Wenn man keine gute Mutter hat, so soll man sich eine anschaffen“. [1]
Kulturgeschichte der Neuzeit
1928 näherte sich Friedell dem Höhepunkt seines schriftstellerischen und finanziellen Erfolgs. Der im Jahr zuvor erschienene erste Band der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ hatte nicht nur die Kritik überzeugt, sondern verkaufte sich auch ungewöhnlich gut. Der zweite Band kam im September in die Buchhandlungen, wenige Monate nachdem seine leibliche Mutter wieder aufgetaucht war. Ein Detail darin erhält in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung. Friedell berichtet von der französischen Salonnière Madame de Tencin, sie habe einen ihrer Söhne, den späteren Mathematiker Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, nach der Geburt ausgesetzt. „[E]rst als er berühmt geworden war, suchte sie sich ihm wieder zu nähern, er wies sie aber mit Verachtung zurück und lebte weiter mit seiner Pflegemutter, einer einfachen Frau aus dem Volke, die seine Kindheit in rührender Weise betreut hatte.“ [2] – Gewissermaßen ein Selbstporträt, versteckt in einer historischen Nebensache.