Wollte man in der Nachkriegszeit in Wien als junge:r Schriftsteller:in publizieren, konnte man sich an die selbsternannten Förderer und Mentoren der „jungen Literatur“ wenden. Einer der Gatekeeper des damaligen Literaturbetriebs war der umtriebige Kritiker Hans Weigel. Aus den Briefen Thomas Bernhards im Nachlass Weigels an der Wienbibliothek im Rathaus wird ersichtlich, dass bereits der 20-Jährige 1951, gerade seiner lebensbedrohlichen Lungenkrankheit entkommen, Kontakt mit Weigel aufgenommen hat. Briefe des jungen Schriftstellers zeigen, wie er versucht, in Wien Fuß zu fassen und seinen Platz im Literaturbetrieb zu finden.
Wien, das Festland
Fürs Erste ergab sich daraus keine Publikation. Auch im darauffolgenden Jahr fand Bernhard mit seiner Lyrik keinen Anklang. Weigel, damals Herausgeber des Jahrbuchs „Stimmen der Gegenwart“, schrieb nach Salzburg, dass die Gedichte „nicht so recht für unsere Anthologie geeignet“ seien. [1] Bernhard hatte erst mit Prosa Erfolg: Der Text „Großer, unbegreiflicher Hunger“ wurde in den Jahrgang 1954 der „Stimmen der Gegenwart“ aufgenommen. Er entstamme, wie Bernhard an Weigel schreibt, einem 1951 entstandenen Romanfragment, zudem habe er ein Theaterstück („Macht am Roten Fluß“) und den Anfang einer Komödie vorliegen [2] – Texte, die verloren gegangen sind.
Weigel gab die „Stimmen der Gegenwart“ nicht allein heraus, die Schriftstellerin Jeannie Ebner war Teil des Redaktionsteams. Sie wurde für Bernhard zu einer wichtigen Ansprechperson in einer Zeit, in der der Salzburger Student mit seinem beruflichen und künstlerischen Fortkommen haderte. Die Briefe Bernhards im Ebner-Nachlass aus seinen beiden letzten Salzburger Jahren (1955/56) zeigen einen zwischen Weltekel und Sarkasmus Changierenden, der sich für sein Schaffen Mut zuspricht: „Was uns jetzt bleibt, ist die eigene Wildheit! Ich werde sie mir erhalten! Denn, Wildheit ist das Schönste im Menschen! Sie macht die Kinder so frisch und erträglich.“ Zugleich stilisiert er seine Armut: „Ich besitze gerade nicht mehr als die Briefmarke für diese Zeilen, aber das scheint mir schon zum Leben zu reichen“. Vor allem aber sehnt er sich nach Wien: „ich frage, was Wien macht, das Festland, denn Salzburg ist im Herbst eine immer mehr zusammenschrumpfende Insel“. [3]