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20. April 2026
Wolfgang Straub

Thomas Bernhard: „Ich sehn mich so nach Wien“

Thomas Bernhard hätte im Februar 2026 seinen 95.Geburtstag gefeiert. Sein Werk ist präsent wie eh und je auf Wiens Bühnen und in seinen Museen. Auch in der Wienbibliothek taucht er in mehreren Beständen auf. 

Thomas Bernhard Typoskript mit handschriftlichen Anmerkungen

Wollte man in der Nachkriegszeit in Wien als junge:r Schriftsteller:in publizieren, konnte man sich an die selbsternannten Förderer und Mentoren der „jungen Literatur“ wenden. Einer der Gatekeeper des damaligen Literaturbetriebs war der umtriebige Kritiker Hans Weigel. Aus den Briefen Thomas Bernhards im Nachlass Weigels an der Wienbibliothek im Rathaus wird ersichtlich, dass bereits der 20-Jährige 1951, gerade seiner lebensbedrohlichen Lungenkrankheit entkommen, Kontakt mit Weigel aufgenommen hat. Briefe des jungen Schriftstellers zeigen, wie er versucht, in Wien Fuß zu fassen und seinen Platz im Literaturbetrieb zu finden.

Wien, das Festland

Fürs Erste ergab sich daraus keine Publikation. Auch im darauffolgenden Jahr fand Bernhard mit seiner Lyrik keinen Anklang. Weigel, damals Herausgeber des Jahrbuchs „Stimmen der Gegenwart“, schrieb nach Salzburg, dass die Gedichte „nicht so recht für unsere Anthologie geeignet“ seien. [1] Bernhard hatte erst mit Prosa Erfolg: Der Text „Großer, unbegreiflicher Hunger“ wurde in den Jahrgang 1954 der „Stimmen der Gegenwart“ aufgenommen. Er entstamme, wie Bernhard an Weigel schreibt, einem 1951 entstandenen Romanfragment, zudem habe er ein Theaterstück („Macht am Roten Fluß“) und den Anfang einer Komödie vorliegen [2] – Texte, die verloren gegangen sind.

Weigel gab die „Stimmen der Gegenwart“ nicht allein heraus, die Schriftstellerin Jeannie Ebner war Teil des Redaktionsteams. Sie wurde für Bernhard zu einer wichtigen Ansprechperson in einer Zeit, in der der Salzburger Student mit seinem beruflichen und künstlerischen Fortkommen haderte. Die Briefe Bernhards im Ebner-Nachlass aus seinen beiden letzten Salzburger Jahren (1955/56) zeigen einen zwischen Weltekel und Sarkasmus Changierenden, der sich für sein Schaffen Mut zuspricht: „Was uns jetzt bleibt, ist die eigene Wildheit! Ich werde sie mir erhalten! Denn, Wildheit ist das Schönste im Menschen! Sie macht die Kinder so frisch und erträglich.“ Zugleich stilisiert er seine Armut: „Ich besitze gerade nicht mehr als die Briefmarke für diese Zeilen, aber das scheint mir schon zum Leben zu reichen“. Vor allem aber sehnt er sich nach Wien: „ich frage, was Wien macht, das Festland, denn Salzburg ist im Herbst eine immer mehr zusammenschrumpfende Insel“. [3]

 

Bernhard und Ebner in Salzburg

Thomas Bernhard und Jeannie Ebner in Salzburg, um 1955 Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 1302, 3.19.3.28

Post von Salzburg nach Wien

Diese Sehnsucht dürfte auch mit der Person Jeannie Ebner zusammenhängen: Zwischen den seltenen Treffen in Wien und Salzburg schwärmt der Student die um zwölf Jahre Ältere brieflich an (so könne er die Gefühle „für das alles, was Dich und Deine Welt umgibt, gar nicht schildern“) und lässt dabei Ebners Partner artig grüßen. [4] Bernhards Schwärmerei erwidert Ebner nicht, sie antwortet mitunter fast geschäftsmäßig: „Entschuldige, daß ich so stumm bin, ich habe so wenig Zeit, komme seit Wochen zu keiner eigenen Arbeit“ [5]. – Bekanntlich hat sich Bernhard im Roman „Holzfällen“ (1984) mit seinem Entree in Wien auseinandergesetzt und dabei Ebner als „Jeannie Billroth“ in den Text eingebaut. Billroth sei die Erste gewesen, so der Ich-Erzähler im Roman, „der ich in Wien meine Gedichte vorgelesen habe und die diese Gedichte nicht gleich […] abgelehnt hat, die mir also […] als erste literarischen Mut gemacht“ habe; nun hasse er sie, die er an anderer Stelle als „Möchtegern-Virginia-Woolf von Wien“ verspottet, „schon länger als zwanzig Jahre“. [6]

Fotopostkarte Bernhard

„Liebe Jeannie! So blicke ich hinaus ins Leben!“ Bildseite der Fotopostkarte von Thomas Bernhard an Jeannie Ebner aus Salzburg vom 22.06.1956. Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 708, Archivbox 2, 2.2.1.72

Eine weitere zentrale Figur in Bernhards ersten Wiener Jahren war der Schriftsteller Gerhard Fritsch, dessen Nachlass sich ebenfalls in der Wienbibliothek im Rathaus befindet. Die 2013 publizierte Korrespondenz zeigt mitunter einen positiven und lockeren Bernhard: Salzburg ist kein Ort mehr, aus dem er flüchten will, vielmehr eine „urkomische, schöne Kleinstadt, die ja doch fest verankert ist in mir“ (1956). [7] Selbstzweifel und Fragen künstlerischer Selbstfindung treiben Bernhard auch in den Briefen an Fritsch um. Aber Bernhard hatte sich entschieden, als freier Schriftsteller zu leben. Es ging also darum, auf dem Literaturmarkt zu bestehen. Und so fragt Bernhard bei Fritsch, der ein wichtiger Knotenpunkt in literarischen Netzwerken der 1950er- und 1960er-Jahre war, immer wieder an, ob er ihm zu Aufträgen oder Veröffentlichungen verhelfen könne. 1957 kokettierte der spätere Erfolgsautor Fritsch gegenüber noch mit seiner Rolle als Schriftsteller: „Im Grunde bedeutet es gar nichts, Autor, oder so ein Mann zu sein, der seine Schreibereien auf den Markt trägt. Mir wäre es lieber, ich könnte mit Butterstriezeln auf den Markt fahren“. [8]

Weiterführende Literatur

Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch. Der Briefwechsel. Hg. von Raimund Fellinger und Martin Huber. Mattighofen: Korrektur Verlag 2013.

Weiterlesen im Wien Geschichte Wiki

Wien Geschichte Wiki: Thomas Bernhard
Wien Geschichte Wiki: Jeannie Ebner
Wien Geschichte Wiki: Gerhard Fritsch
Wien Geschichte Wiki: Hans Weigel

Anmerkungen und Quellen

[1] Brief von Hans Weigel an Thomas Bernhard vom 12.09.1952, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Hans Weigel, ZPH 847, Archivbox 41.
[2] Brief von Thomas Bernhard an Hans Weigel vom 01.03.1954, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Hans Weigel, ZPH 847, Archivbox 3.
[3] Brief von Thomas Bernhard an Jeannie Ebner vom 08.11.1955, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 708, Archivbox 2.
[4] Brief von Thomas Bernhard an Jeannie Ebner vom 03.03.1956, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 708, Archivbox 2.
[5] Brief von Jeannie Ebner an Thomas Bernard vom 05.10.1956, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 708, Archivbox 1.
[6] Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung (Werke, Band 7). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 36.
[7] Brief von Thomas Bernhard an Gerhard Fritsch vom 23.04.1956, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Gerhard Fritsch, ZPH 1303, Archivbox 27.
[8] Brief von Thomas Bernhard an Gerhard Fritsch vom 01.05.1957, Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Gerhard Fritsch, ZPH 1303, Archivbox 27.

Beitragsbild:
Brief von Thomas Bernhard an Jeannie Ebner vom 03.03.1956 (Ausschnitt)
Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Jeannie Ebner, ZPH 708, Archivbox 2, 2.2.1.72