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18. März 2026
Judith Belfkih und Gregor Neuböck

Die digitale Geburt einer Sammlung

Das Archiv als Ort, an dem handschriftliche Briefe und getippte Manuskripte säuberlich sortiert in Mappen ruhen – diese Idee ist zwar nicht verschwunden, beschreibt jedoch nur noch einen Teil der Wirklichkeit. Der andere Teil liegt auf Festplatten, in Clouds, in Social-Media-Accounts. Die Wienbibliothek hat Strategien entwickelt, um alle Medien in einem digitalen Archiv zu sichern und zugänglich zu machen.

Symbolbild Digital Born

Die Zeiten, in denen literarische Nachlässe aus mit Papier befüllten Kisten bestanden, neigen sich dem Ende zu. Denn Gegenwartsliteratur entsteht längst hybrid. Viele Autorinnen und Autoren schreiben digital, überarbeiten digital, veröffentlichen digital. Das Analoge wird nicht verschwinden, aber sein Anteil schrumpft – und mit ihm die Gewissheit, dass ein Werk sich einfach in Kartons verstauen lässt.

Für Bibliotheken bedeutet das eine Verschiebung der Perspektive. Der literarische Nachlass ist nicht nur das Werk, sondern auch das, was rundherum entsteht: Blogeinträge, Chatverläufe, Instagram-Posts, digitale Textversionen, die täglich überschrieben werden. Manche Autorinnen dokumentieren ihren Schreibprozess akribisch, andere verlieren Dateien, weil ein Dienst eingestellt wird oder ein Gerät den Geist aufgibt.

Was früher selbstverständlich war – dass ein Nachlass das Leben und Arbeiten einer Person vollständig abbildet –, wird im Digitalen zu einer Frage der technischen Machbarkeit. Und genau diese Machbarkeit ist mitunter komplex. Die Wienbibliothek im Rathaus hat für all diese Fragen 2023 die Stabsstelle Digitales Sammlungsmanagement geschaffen. Hier werden Strategien zur Digitalisierung und zum Sammeln digitaler Bestände erarbeitet.

Schnittstelle von Literatur und Forensik

Eine große Herausforderung liegt in den digitalen Nachlässen. Wer sie sichert, arbeitet an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und IT-Forensik. Alte Betriebssysteme müssen wiederbelebt, Programme geschickt überlistet, Kabel aus vergangenen Jahrzehnten hervorgeholt werden. In der Wienbibliothek etwa stammt die älteste erfolgreich gesicherte Datei aus den 1980er-Jahren; sie konnte nur lesbar gemacht werden, weil eine komplette Hardware-Umgebung rekonstruiert wurde. Auch so manche Festplatte offenbarte erst nach forensischer Sicherung Texte aus den frühen 1990ern.

Solche Fälle zeigen, wie sehr sich das Sammeln verändert hat. Es geht nicht mehr nur um das Bewahren von Materialien, sondern auch darum, diese überhaupt erst lesbar zu machen. Und es geht darum, sie in Systeme zu überführen, die analoge und digitale Bestände gemeinsam erfassen können. Das Ziel dabei: Eine gemeinsame Suchoberfläche, die Briefe, Mails, Notizen und Social-Media-Beiträge auf einer Ebene zusammenführt – und im nächsten Schritt mit all den anderen, teils retrodigitalisierten Beständen der Wienbibliothek vernetzt.

Vorlass statt Nachlass

Parallel dazu entstehen neue Konzepte des Sammelns wie der digitale Vorlass. Autorinnen und Autoren können damit ihre Daten schon zu Lebzeiten in sichere Obhut geben, bevor Plattformen verschwinden oder Formate unlesbar werden. Einige Autorinnen und Autoren haben sich hier bereits ein eigenes Twitter-Archiv angelegt. Andere wünschen sich Speicherorte, die nicht von kommerziellen Diensten abhängig sind. Bibliotheken reagieren darauf mit Strategien der Verteilung: Daten werden mehrfach gesichert, lokal und extern, um technische Obsoleszenz abzufedern.

Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wachsende Rolle. Sie hilft beim Durchforsten von Festplatten, beim Erkennen von Orten und Personen in Texten, beim Schreiben von Skripten, die automatisiert retten, was sonst verloren ginge. Doch auch hier zeigt sich ein altbekanntes strukturelles Problem: Es fehlt an europäischer Technologie, an gemeinsamen Standards und an langfristigen Lösungen.

Flüchtige digitale Spuren sichern

Vielleicht ist das Sammeln digitaler Nachlässe deshalb weniger ein technisches Projekt als ein kulturelles. Es zwingt Bibliotheken dazu, neu zu definieren, was alles zu einem literarischen Werk gehört, wie es entsteht und wie es bewahrt werden kann. Es fordert ein anderes Verständnis von Materialität – eines, das die Flüchtigkeit digitaler Spuren ernst nimmt, ohne sie zu dramatisieren.

Was wir hier in Zukunft an Einblicken in die Entstehung von Literatur verlieren, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Während sich Forschende ehrfürchtig vor jeder Postkarte eines Karl Kraus verneigen, verschwinden täglich unzählige E-Mails, Social-Media-Posts oder Dateien heute lebender Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Am Ende geht es um etwas sehr Einfaches: darum, dass die Literatur der Zukunft nicht nur geschrieben, sondern auch auffindbar bleibt. Und dass Bibliotheken Orte sind, an denen diese Zukunft gesichert wird – egal, ob sie auf dem Papier steht oder auf einer Festplatte.

Beitragsbild: 
Gregor Neuböck