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28. November 2025
Judith Belfkih

Wissen für alle – als Schub für die Demokratie

Zugang zu Bildung ist ein zentraler Pfeiler einer stabilen Demokratie. Wissen für alle zugänglich machen – unter diesem Leitgedanken entwickelten Otto Neurath und sein Team vor gut 100 Jahren die Wiener Methode der Bildstatistik. Politikwissenschafter und Historiker Günther Sandner mit einer Wiener Vorlesung über ISOTYPE und die Pioniere der Piktogramme.

Günther Sandner

Einführung

Nur wer die Zusammenhänge der Welt versteht, kann sie auch verändern und gestalten wollen – für die Gesellschaft und für sich selbst. Um möglichst vielen Menschen den Zugang zu diesem Wissen zugänglich zu machen, entwickelten der 1882 in Wien geborene Ökonom Otto Neurath und sein Team vor gut 100 Jahren eine Bildsprache, die es auch bildungsfernen Schichten möglich machen sollte, komplexe gesellschaftliche Strukturen zu erfassen – eine Arbeit auf die der Politikwissenschaftler Günther Sandner bereits während seines Studiums gestoßen ist. Schon in seiner Dissertation hat er sich mit den Kulturbestrebungen in der Arbeiterbewegung beschäftigt, es folgten eine Neurath-Biografie und die Auseinandersetzung mit ISOTYPE. Auch das intellektuelle und persönliche Umfeld hat Sandner erforscht. Zusammengeführt hat er seine langjährigen Forschungen in einer Ausstellung im Wien Museum – und in seiner Wiener Vorlesung.

Judith Belfkih im Gespräch mit Günther Sander

Was fasziniert Sie an der Arbeit von Otto Neurath?
Diese unglaubliche Vielseitigkeit! Da gibt es bei Neurath so viele Anknüpfungspunkte: Ökonomie, Soziologie, Bildstatistik, Philosophie. Er war auch so eine Art öffentlicher, ein sehr politischer Intellektueller. Es ist ein beinahe unerschöpfliches Feld, das sich da auftut. Und dann gibt es sicher auch so etwas wie persönliche Sympathie.

Er soll ein humorvoller Mensch gewesen sein …
Ja, er hat unter Briefe statt einer Unterschrift Elefanten gezeichnet. Sie sollten ihn in unterschiedlichen Lebenslagen repräsentieren. Dieses zeichnerische Motiv hat ihn wahnsinnig fasziniert! Es gibt sicher tausende solcher Elefanten. Mein liebster ist von einer Verabredung zu einem chinesischen Essen mit Karl Mannheim. Darunter zeichnet er zwei Elefanten, die Stäbchen in den Rüsseln haben und vor kleinen Töpfchen sitzen.

Was genau ist ISOTYPE und wie funktioniert diese Methode?
Es ist eine Bildsprache, erfunden Mitte der 1920er Jahre als Wiener Methode der Bildstatistik. Da ging es darum, soziale und ökonomische Zusammenhänge darzustellen – und zwar für Menschen, die nicht unbedingt ein sogenanntes Buchwissen hatten. Hintergrund dieser Idee ist das Roten Wien der 20er Jahre. In erster Linie war also die Arbeiterschaft angesprochen. Aber die Methode wurde auch an Schulen verwendet, war also immer auch als pädagogische Methode gedacht.

ISOTYPE entstand erst im niederländischen Exil, nach der Vertreibung der Protagonisten durch den Austrofaschismus 1934?
Ja, zentral in Neuraths Team war neben der Grafikerin Marie Reidemeister ja auch der Künstler Gerd Arntz. Im Exil und ohne Wien-Bezug brauchten sie einen neuen, internationalen Namen. Da ist dieses Akronym ISOTYPE erfunden worden. Es steht einerseits für International System of Typographic Picture Education. Man kann es aber auch aus dem Griechischen herleiten – aus Iso und Type, immer das gleiche Zeichen zu verwenden. Darin beruht auch diese Methode in der Darstellung immer gleiche Zeichen zu verwenden, um Proportionen sichtbar zu machen.

Die Schautafeln, die Neurath für das von ihm gegründete Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien entwickelte, beschäftigen sich mit Säuglingssterblichkeiten nach Wohnort, der Bevölkerungsdichte in Städten oder dem globalen Ausbau des Bahnnetzes. Warum war es Neurath so wichtig, diese Inhalte anschaulich zu machen?
Er war der Ansicht, dass Wissen und Wissensaneignung nichts Elitäres sein sollte; dass es für die Demokratie wichtig ist, dass möglichst viele Menschen ein grundlegendes Verständnis der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Kultur haben. Und angesichts eines nicht unbedingt auf Gleichheit abzielenden Bildungssystems war eine visuelle Erziehungsmethode für ihn eine Möglichkeit, möglichst viele Menschen zu erreichen. Wissen für alle – das sah er als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Wer war im Team rund um Otto Neurath?
ISOTYPE war nie das Werk eines einzelnen Mannes, es war immer Teamarbeit. Es haben gab Experten, Expertinnen aus unterschiedlichen Bereichen. Ganz entscheidend ist die Rolle von Marie Reidemeister, Neuraths spätere Ehefrau. Sie hat das gemacht, was man damals als Transformation bezeichnet hat, also die Umsetzung von Daten in Bildentwürfe. Das war immer die Aufgabe von Marie Neurath, die dann auch noch fast drei Jahrzehnte nach Otto Neuraths Tod in England weitergearbeitet hat.

Was macht diese Idee der Demokratisierung von Wissen heute aktuell?
Es gibt auch heute noch im Bildungssystem große Unterschiede. Die soziale, aber auch die regionale Herkunft sind immer noch entscheidend dafür, welchen Bildungsweg jemand einschlägt. Das weiß man aus zahllosen Statistiken. Dieses Wissen für alle, das gibt es heute immer noch nicht.

Welchen Gedanken würden Sie Menschen aus Ihrer Wiener Vorlesung gerne mitgeben?
Dass Wissen ein ganz zentrales Element der demokratischen Auseinandersetzung ist. Und dass man sich in der Demokratie auch immer als jemand begreifen kann, der mitwirken und etwas verändern kann – nicht immer nur als Konsument oder Konsumentin.

Sind die modernen Infografiken eine Weiterentwicklung von ISOTYPE?
Es gibt schon welche, die versuchen sehr bewusst, an Neurath anzuschließen. Also über Visualisierungen Wissen zu vermitteln, mit wenig Text. An sich gibt es keine unmittelbare Kontinuität dieser Idee mehr. Das Projekt endete mit der Schließung des ISOTYPE-Instituts in London 1971.

Wir leben in einer Welt voller Zeichen, kommunizieren auch über sie. Gibt es einen Bezug von Emojis und ISOTYPE?
Das sind tatsächlich ganz andere Schubladen. Auf den ersten Blick ist eine Analogie verlockend. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied. ISOTYPE-Piktogramme funktionieren nicht über Emotionen. Im Gegenteil: in der Mimik dieser Gesichter finden sich überhaupt keine Emotionen. Es geht also nicht um Gefühle, sondern um Fakten.

Weitere Hinweise

Informationen zur Veranstaltung
Wiener Vorlesung, 6.11.2025

Foto: © Jakob Fielhauer