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Forschung & Partizipation

Linda Bandára und die Erkundung musikalischer Zwischenräume

Auf der Suche nach archivalischen Spuren von Komponist:innen, Interpretinnen und Musikpädagoginnen entdeckte das Forschungsteam in der Großherzoglichen Bibliothek eine handschriftliche Partitur der heute kaum noch bekannten Musikerin Linda Bandára. Ihre Spuren führten das Team von Luxemburg nach Wien.

F&P Forschungsprojekte Bandara

Projektinfos

Projekttitel: Musik und Gender in Luxemburg

Dauer: September 2024 bis Juni 2025

Projektleitung: Sonja Kmec und Danielle Roster, Universität Luxemburg

Fördergeber*innen (Notizen): Ministerium für Gleichstellung und Diversität Luxemburg, Stadt Luxemburg, Fondation Loutsch-Weydert, Fondation Sommer, Privatspenden

Kooperationspartner*innen: Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw), Centre National de l’Audiovisuel Luxemburg, Centre National de Littérature Luxemburg

Projektbeschreibung

Im Rahmen des Projektes Musik und Gender in Luxemburg suchen wir u.a. nach archivalischen Spuren von Komponistinnen, Interpretinnen und Musikpädagoginnen. So entdeckten wir im Sommer 2025 in der Großherzoglichen Bibliothek eine ca. 80-seitige handschriftliche Partitur: Opus 20 „Willenskraft“ Quartett für Violine, Cello, Kontrabass und Klavier von Linda Bandára. Wer war Linda Bandára? Die Spur führt nach Wien.

Ein rezenter Beitrag auf Wien Geschichte Wiki verweist auf Eva Marx’ grundlegende Forschung zu Bandára, mit bürgerlichem Namen Siegelinde Leber, verh. Hofland (Kendal, Java 1881- Wien 1960) – nachzulesen in dem beeindruckenden, gemeinsam mit Gerlinde Haas herausgegebenen, Lexikon 210 Österreichische Komponistinnen von 2001. Der Wiki Beitrag zeigte zudem auf, dass einige ihrer Partituren sich in der Wienbibliothek im Rathaus befinden. Es handelt sich zum einen um drei gedruckte Werke (für Gesang und Klavier), die 1928 im Wiener Verlagshaus Carl Haslinger erschienen sind. Bandára vertonte hier u.a. Texte von R. Dehmel und O.J. Bierbaum. Auch Alma Mahler hatte diese beiden Autoren vertont, so Astrid Seele in ihrer Biographie (2023). Ob eine Bekanntschaft zwischen beiden Frauen bestand, ist eine spannende Frage. Der Musikdatenbank von mica – music austria zufolge hätte Bandára nämlich Klavierunterricht bei Gustav Mahler genommen, was aber noch zu überprüfen gilt. 

Neben diesen veröffentlichten Noten bewahrt die Wienbibliothek sechs Musikhandschriften von Bandára auf. Davon stammen fünf (MHc-13464 bis MHc-13468) aus einer Spende der Mozartgemeinde Wien aus dem Jahr 1970 und eine Handschrift (MH-13772) stammt aus einer Spende von Prof. K. F. Müller aus Wien aus dem Jahr 1973. Bandáras Verbindung zu der Mozartgemeinde Wien und Prof. K. F. Müller sind noch unklar, genauso wie ihre Motivation das Stück „Willenskraft“ der Großherzogin von Luxemburg zu widmen. Vielleicht hatte sie sich eine ähnliche Förderung durch das Fürstenhaus erhofft, wie der Sultan von Djocja ihr zugutekommen ließ. Die Musikinstrumente, die der Sultan ihr schenkte, vermachte sie dem Weltmuseum Wien, mica zufolge auch der Wiener Staatsoper. Bandára entwickelte eine Notenschrift für javanische Musikinstrumente und wandte diese z.B. in dem Werk „Frühlingslied“ an, das Motive des europäisch-mittelalterlichen Minnesangs mit javanischen Tönen verbindet. Das Orchester umfasst hier nebst Blasinstrumenten (Flöte, Oboe, Klarinette in B, Fagott, Horn in F und Trompete in B), Streichinstrumenten (zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass) und Harfe auch Gěndh’er, Saron und Gong! Bandára war zu Lebzeiten wohl bekannt und wurde auch aufgeführt. Sie veröffentlichte musikethnologische Studien. Die Frage stellt sich, warum sie nach ihrem Tod 40 Jahre lang so wenig rezipiert wurde.  Laut Marx (2001) war Bandára Mitglied der AKM; ihre Mitgliedschaft ist jedoch nicht (mehr) aktenkundig. In den 2000er Jahren wurde sie u.a. von Henk Mak Van Dijk wiederentdeckt, der ihren Archivbestand im Nederlands Musiek Instituut (NMI) in Den Haag erforscht hat und einige ihrer Stück für Klavier auch aufgenommen hat. 2013 wurde Bandára von der Weltmuseum Kuratorin Jani Kuhnt-Saptodewo auch in die Ausstellung Getanzte Schöpfung. Asien zwischen den Welten aufgenommen.

Bandára Handlungsspielraum als Frau in einer von Männern dominierten Musikszene und -ethnologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihr Selbstverständnis als musikalische Brückenbauerin zwischen den Kulturen und „Kind Javas“ (so der Titel ihrer unveröffentlichten Memoiren) in Zeiten des Kolonialismus gilt es weiterhin zu beleuchten.

Das Foto zeigt Linda Bandara um 1930, Quelle: „Linda Bandara. Composer in Java, the Netherlands and Austria“ von Henk Mak van Dijk und Klaus Kuiper (Limasan Musik, 5) Yogyakarta 2020, S. 16.

Kontakt

Université du Luxembourg
Maison Sciences Humaines
Assoc. Prof. Sonja Kmec
sonja.kmec@uni.lu