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Objekt des Monats November 2016: Ein Grunzer aus dem Graberl. Zum 70. Geburtstag von Stefan Weber

Stefan Weber: "Ein Grunzer aus dem Graberl". Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, ZPH 1208

von Walter Gröbchen

Wenn Populärkultur des 20. Jahrhunderts Einzug hält in das Pantheon der Hochkultur und seine Archivkammern, wird es schnell laut, schrill, farbenprächtig, bisweilen sogar obszön. Als die noch junge Wiener Pop-Szene in der ersten Hochblüte ihrer Aufbruchsstimmung stand – in den siebziger Jahren, vor einem halben Jahrhundert also –, waren es neben den bekannten, stilbildenden Austropop-Protagonisten Ambros, Danzer, Cornelius, Heller, Hirsch & Co. vor allem Gruppen wie die Hallucination Company oder die frühe Erste Allgemeine Verunsicherung, die das Theatralische, Aktionistische, Spektakuläre mit den Klängen des Undergrounds vermählten. Allen voran tönte aber: Drahdiwaberl.

Diese Truppe – die Bezeichnung "Band" ist eindeutig zu kurz gegriffen – wurde 1969 von Stefan Weber gegründet. "Der Name leitet sich von einer Wienerischen Bezeichnung für einen Kreisel ab", weiß Wikipedia, verschweigt aber, dass damit nicht nur ein Spielzeug, sondern weit zutreffender ein berauschter Zustand und wild-anarchistischer Zugang zum Weltgeschehen gemeint sein könnte. Weber, seines Zeichens Mittelschulprofessor für bildnerische Erziehung am BRG Wien IV Waltergasse (wo auch Kollegen wie Friedrich Polakovics oder Ernst Jandl für ein liberales Bildungsklima standen), war als ehemaliger Student der Bildenden Künste und deklarierter Kommunist daran interessiert, gesellschaftspolitische Botschaften mit den Mitteln der Protest- und Popkultur zu vermählen. Ihren ersten offiziellen Auftritt hatten Drahdiwaberl 1972 im Audimax der Universität Wien. Zunächst eher an internationalen Vorbildern wie den Rolling Stones, den Fugs, Franz Zappa, The Tubes oder Alberto Y Lost Trios Paranoias orientiert, entwickelte der Musiker-Kern der chaotisch-aktionistischen Gruppe ab Mitte der siebziger Jahre ein eigenes Repertoire. Mit der Compilation "Wiener Blutrausch", 1979 im Eigenverlag veröffentlicht, hatten Stefan Weber und Drahdiwaberl maßgeblichen Anteil an der – im internationalen Kontext verspäteten – Initialzündung von Punk und New Wave in Österreich.

Querverbindungen zu Falco & Co.

Hans Hölzel, später: Falco, trat der Formation rund um die Bandleader Peter Vieweger und Thomas Rabitsch 1978 als Bassist bei. Sein Song "Ganz Wien" wurde rasch einer der musikalischen Höhepunkte der berüchtigten Drahdiwaberl-Shows, die keine Form von Provokation und Exzess scheuten und als obligaten Höhe- und Schlußpunkt einen "Mulatschag" (ungarisch: Mulatság; Belustigung, Vergnügen) darboten, bei dem es auf der Bühne zu regelrechten Sexorgien kam. Der legendäre Ruf der Band drang bis zum jungen Produzenten Markus Spiegel (Gig Records) durch, der sowohl Drahdiwaberl wie auch Falco als Einzelkünstler unter Vertrag nahm. Letzterer steuerte mit Hits wie "Der Kommissar", "Junge Römer" und "Amadeus" zielstrebig eine Weltkarriere an, der Ursprungszelle um Stefan Weber gelang immerhin trotz anfänglichen Rundfunkboykotts überregionaler Erfolg mit ihren Shows, Alben ("Psychoterror", "McRonalds Massaker", "Werwolfromantik" u.a.) und ironisch intendierten Hit-Singles (z.B. "Lonely" mit Lukas Resetarits oder "Greif hier nicht her" mit dem ehemaligen Jagger- und Bowie-Groupie Dana Gillespie). Als Karrierehöhepunkt – zugleich ein Tiefpunkt des Publikum-Unverständnisses – werden intern USA-Auftritte beim New Music Seminar 1991 und im "Palladium" in New York gewertet, die auch  internationale Schlagzeilen abwarfen.

Letzte und allerletzte Konzerte

Seit 1975 spielte man mit dem Gedanken, seit 1990 spielt Drahdiwaberl dezidiert "letzte" Konzerte. Tatsächlich löste sich die lose Formation im Lauf der Jahrzehnte mehrmals auf, die wechselnden, bis dato aus über vierzig Musikern und noch weit mehr Bühnenaktionisten – darunter etwa Lotte Pawek, Franz Bilik, Heli Deinboek und Jazz-Gitti – bestehende Inkarnationen hatten jedoch immer die Texte und Inszenierungs-Vorgaben des Sängers und Kopfs von Drahdiwaberl, Stefan Weber, als jede Veränderung überdauernden Kern. Ab Mitte der neunziger Jahre wurde es ruhiger um Drahdiwaberl, trotz einiger Veröffentlichungen, Dokumentationen, Filme ("Weltrevolution") und gelegentlicher Auftritte. Offiziell aufgelöst ist die Band bis heute nicht, der letzte Auftritt – mit einem durch seine Parkinson-Erkrankung deutlich geschwächten zentralen Protagonisten – erfolgte am 11. Mai 2013 am Karlsplatz in Wien (im Rahmen einer Stefan Weber-Personale des Wien Museums).

Etwa zeitgleich vermachte Stefan Weber seinen Vorlass – bestehend aus Notizbüchern, Text- und Notenblättern, Fotos, Plakaten und Zeitdokumenten – der Wienbibliothek; darunter auch unser Objekt des Monats (zeitgerecht zum 70. Geburtstag von Stefan Weber).

Das Objekt

"Ein Grunzer aus dem Graberl", Print/Einzelstück, ev. Plakat- oder Coverentwurf, aus einem Fotoalbum, ca. 1975. Künstler: Stefan Weber. Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Sammlung Stefan Weber, ZPH 1208

Quellen

  • Günter Brödl (Hg.): Die guten Kräfte. Neue Rockmusik in Österreich. Wien: Hannibal Verlag 1982.
  • Walter Gröbchen (Hg.): Heimspiel. Eine Chronik des Austropop. Wien: Hannibal Verlag 1995.
  • Walter Gröbchen / Thomas Miessgang / Florian Obkircher / Gerhard Stöger: WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von 130 Protagonisten. Wien: Falter Verlag 2014.
  • Lisa Julia Schmid: Theater rockt die Wiener Szene. Die Performances der Wiener Rocktheatergruppen Drahdiwaberl und Hallucination Company. Diplomarbeit in Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Wien 2010
  • Georg Demcisin: Drahdiwaberl. In: Österreichisches Musiklexikon. Band 1. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2002.
  • Wikipedia: Drahdiwaberl
  • Online-Ausstellung "Drahdiwaberl: Anarchie & Alltag 1969 - 1981" der Wienbibliothek
  • DrahdiWeber verabschiedete sich. In: The Gap, 16.05.2013

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