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farbige Illustration, die einen Fiaker vor einer Holzhütte, umgeben von Wild, im Wald zeigt
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Im Lesesaal mit:
Fotografie von Julia Köstenberger
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Objekt des Monats Oktober 2012: Tschiang Kai-schek

Widmungsfotografie Tschiang Kai-scheks für Otto Molden, 27. April 1970. Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Nachlass Otto Molden, ZPH 1532.

"Tschiang Kai-scheks Gesicht ließ keine näheren Schlüsse auf sein Alter zu. Ich hätte ihn für sechzig Jahre gehalten, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er einundachtzig ist. Seine glatte, straff gespannte Gesichtshaut zeigte lediglich um die Augen herum feine kleine Falten. Diese Augen waren sehr braun und sympathisch und hatten einen auffallend samtenen Schimmer." Als Otto Molden (1918–2002) die Physiognomie Tschiang Kai-scheks (1887–1975) für die Autobiographie "Odyssee meines Lebens“ (Wien, München 2001) beschrieb, hatte er wohl jene Fotografie vor Augen, die ihm der "Generalissismus“ – laut Transkription der linken Spalte chinesischer Schriftzeichen am 27. April 1970 – gewidmet und die beim Beschenkten – siehe die rechte Spalte, dort steht Otto Molden – viele Jahre lang einen Ehrenplatz in seinem Arbeitszimmer eingenommen hatte.

In seinen Memoiren verriet Molden auch, dass er Tschiang Kai-schek schon in der Schule als Reformator und Einiger Chinas verehrt hatte, ja dass dieser "harte Fels“ (was "Kai-schek“ im Deutschen heißt), gar der "Auslöser meiner Vision von einem geeinten Europa" gewesen sei.

Erstmals waren sich beide im Oktober 1967 begegnet, als Molden in seiner Eigenschaft als Präsident der "Europäischen Föderalistischen Partei Österreichs“ (EFP) vom Oberhaupt Nationalchinas empfangen wurde. Schon bei der Arbeit an seinem Buch "Zweikampf um das Gelbe Reich“ (München, Wien, Zürich 1968) war in Molden die Idee einer Organisation gereift, die den Austausch zwischen Nationalchina und dem alten Europa intensivieren sollte. Diesen Plan trug er anlässlich seines Besuches auf der Insel Taiwan vor, wohin sich Tschiang Kai-schek 1949 mit seiner Armee auf der Flucht vor Maos Truppen geflüchtet hatte. "Daraufhin fragte mich Tschiang Kai-schek", erinnert sich Molden, "der sichtlich von diesen Ausführungen beeindruckt war, ob ich bereit wäre, ihm für Mitteleuropa beratend im oben genannten Sinne zu helfen und die Durchführung einer solchen Kampagne zu übernehmen. Da ich diese Aufforderung als höchst ehrenvoll empfand, erklärte ich mich zu einer solchen Tätigkeit bereit." Das Resultat war das "Komitee für Chinesisch-Europäische Zusammenarbeit", dessen Rolle er Tschiang Kai-scheks Adoptivsohn Wego (1916–1997) in einem Brief vom 13. Juli 1972 so beschrieb: "Die Hauptaufgabe dieses Komitees, welches zum ersten Mal versucht Ihr Land und die Ideen Ihres Vaters und Ihrer Regierung im freien Europa objektiv darzustellen und bekanntzumachen, scheint mir darinzuliegen sozusagen eine Informationsoffensive auf längere Sicht im freien Europa über die Situation im Fernen Osten und insbesondere über die Republik China und die wahre Lage in Rotchina durchzuführen. Wobei ich betonen möchte, daß das Komitee keine Propaganda macht, sondern bestrebt ist objektive Information von hohem Niveau an die Führungskräfte des freien Europa zu übermitteln.“

Mit Generalleutnant Chiang Wei-kuo – auch Wego – pflegte Molden eine regelmäßige Korrespondenz, was auch daran lag, dass er sich mit seinem Briefpartner mühelos austauschen konnte: "Die Tatsache, dass Tschiang Wego von 1937 bis 1939 zuerst in einem deutschen Jägerregiment diente, dann eine Kriegsschule in München besuchte und schließlich einen Zug Tiroler Gebirgsjäger anführte, hatte uns die Verständigung wesentlich erleichtert, da dieser vielseitig interessierte General fließend Deutsch mit einem leichten österreichischen Akzent sprach.“ Ein Treppenwitz der Weltgeschichte hingegen ist, dass Wego als Panzerkommandant der Deutschen Wehrmacht den "Anschluss“ Österreichs mitgemacht haben soll, während Otto Molden am 13. März 1938 – es war sein 20. Geburtstag – verhaftet worden war. Ob man sich über die chinesisch-deutsche Kooperation während des Dritten Reichs auch freundschaftlich ausgetauscht hat? Dem "Komitee für Chinesisch-Europäische Zusammenarbeit“ jedenfalls war nur ein kurzes Leben beschieden, wie man Moldens Memoiren entnehmen kann: "Meine Beratertätigkeit endete mit dem Tod Tschiang Kai-scheks am 5. April 1975.“

Archiv der Objekte des Monats 2012