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Objekt des Monats März 2017: Zum Gedenken an die Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter

Einladung des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ zur Gedenkfeier für Käthe Leichter am 9. Februar 1962

Vor 75 Jahren wurde Dr. Käthe Leichter im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms in einer psychiatrischen Anstalt ermordet. Die Wienbibliothek im Rathaus möchte daher den internationalen Frauentag am 8. März 2017 zum Anlass nehmen, an sie als eine der bedeutendsten Wegbereiterinnen der modernen Frauenbewegung in Österreich zu erinnern.

Geboren als Marianne Katharina Pick im Jahr 1895, war sie die zweitälteste Tochter des Rechtsanwaltes Josef Pick und seiner Ehefrau Charlotte, geborene Rubinstein. Sie wuchs in den gutbürgerlichen Verhältnissen einer Wiener jüdisch-assimilierten Familie auf und besuchte als Kind das so genannte "Beamtentöchter-Lyzeum", eine der renommiertesten zeitgenössischen Schulen für "höhere Töchter". Das Interesse für Politik und soziale Gerechtigkeit entwickelte sich wohl durch den Einfluss zweier Freunde der Familie, den Juristen und Reichsratsabgeordneten Julius Ofner sowie den Sozialreformer Josef Popper-Lynkeus. Ihre Interessen im Rahmen eines Studiums zu professionalisieren war für Frauen dieser Tage keinesfalls selbstverständlich und Käthe Leichter musste sich ihre Zulassung zum Studium der Staatswissenschaften an der Universität Wien gerichtlich erkämpfen. Ein akademischer Abschluss für weibliche Studierende war in Wien trotz des hier absolvierten Studiums jedoch nicht vorgesehen und sie musste ihre Promotion an der Universität Heidelberg anstreben. Dort verkehrte sie in einem Kreis von aktiven KriegsgegnerInnen und wurde in der Folge wegen ihres politischen Engagements und ihrer pazifistischen Einstellung 1917 "für die Dauer des Krieges" in Deutschland mit einem Einreiseverbot belegt. Wahrscheinlich aufgrund einer Intervention ihres Doktorvaters Max Weber – "zwecks Ablegung der nationalökonomischen Doktorprüfung" –  konnte sie dieses aber durchbrechen. Am  24. Juli 1918 promovierte Käthe Pick mit Auszeichnung zum Thema "Die handelspolitischen Beziehungen Österreich-Ungarns zu Italien". Man nimmt an, dass Käthe Leichter die erste Österreicherin war, die den Doktortitel in Staatswissenschaft erworben hat.

Nach Wien zurückgekehrt war sie zunächst in einer Gruppe linker Studierender aktiv, wo sie auch ihren späteren Mann, den Publizisten Otto Leichter, traf.

Der sozialdemokratische Vordenker und Politiker Otto Bauer stellte sie 1919 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Staatskommission für Sozialisierung ein. Parallel arbeitete sie als Konsulentin für das junge Finanzministerium der ersten Republik, bevor sie in den Zentralverband für Gemeinwirtschaft berufen wurde.

1921 heiratete sie Otto Leichter. 1925, ein Jahr nach der Geburt ihres ersten Sohnes Heinz, übernahm sie den Aufbau des damals gänzlich neuen Frauenreferats bei der Arbeiterkammer.  Eine der Hauptaufgaben dieser Abteilung war die Erforschung der Lebenswirklichkeiten der berufstätigen Frauen. Zahlreiche Publikationen belegen, dass man sich dabei der damals modernsten Methoden der jungen Sozialwissenschaft bediente. Für die Studie "So leben wir… 1320 Industriearbeiterinnen berichten aus ihrem Leben" wurden tausende Fragebögen an Betroffene verschickt,  statistisch ausgewertet und in Schautafeln didaktisch aufbereitet. An dieser Publikation hat übrigens auch Rosa Jochmann als Vertreterin der Arbeiterinnen in der Chemischen Industrie mitgearbeitet.

Ein wesentlicher Quellenbestand zum Leben und zum Wirken Käthe Leichters entstand in der Arbeiterkammer und wird heute in der Wienbibliothek im Rathaus aufbewahrt. Im sogenannten Tagblattarchiv sind rund 750 Zeitungsausschnitte aus den Jahren 1918 bis 2002 mit Artikeln von und über Käthe Leichter einsehbar. Anhand dieser einzigartigen Quelle lassen sich sowohl ihre Anfänge als Redakteurin sozialdemokratischer Blätter wie "Der Kampf" oder "Arbeiterzeitung" als auch ihr Nachwirken bis in den Beginn des 21. Jahrhunderts authentisch nachvollziehen.

Neben ihrer beruflichen Tätigkeit bei der AK war Käthe Leichter weiterhin im Frauenzentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der Parteisektion Innere Stadt sowie als häufige Referentin der Zentralstelle für das Bildungswesen aktiv. Nach dem Bürgerkrieg und der Zerschlagung der Sozialdemokratie in Österreich flohen Käthe und Otto Leichter 1934 mit ihren beiden Söhnen vorübergehend in die Schweiz, kehrten aber noch im selben Jahr zurück, um hier ihre politische Arbeit im Untergrund für den Schulungsausschuss der "Revolutionären Sozialisten" fortzusetzen.

Mit dem "Anschluss" waren Käthe Leichter und ihre Familie nicht nur wegen ihrer politischen Überzeugung, sondern auch aufgrund des nationalsozialistischen Rassenwahns gefährdet. Während Otto Leichter und die beiden Söhne noch ins Ausland fliehen konnten, wurde Käthe durch Verrat des Spitzels Hans Pav im Mai 1938 von der Gestapo verhaftet. Ihr Leidensweg begann im Polizeigefängnis und setzte sich im Gefängnis des Wiener Landesgerichts fort. Dort konnte sie noch ihre Lebenserinnerungen verfassen und einer Freundin übergeben, bevor sie 1940 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert wurde.

1942 wurde Käthe Leichter und 150 ihrer Mitgefangenen in die Tötungsanstalt Bernburg (Saale), dem abgetrennten Teil einer Psychiatrischen Klinik, verlegt und vermutlich am 17. März des Jahres mit Giftgas ermordet.

Daran erinnert unser "Objekt des Monats", eine Einladung des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ zur Gedenkfeier am 9. Februar 1962 im Franz-Domes-Lehrlingsheim Wien IV, anlässlich des 20. Todestages der Sozialwissenschaftlerin. Wie alle KZ-Häftlinge wurde auch Käthe Leichter anhand zweier Merkmale gekennzeichnet, der Häftlingsnummer und eines Stoffdreiecks, das an der Kleidung angebracht wurde. Käthe Leichter trug die Häftlingsnummer 2575. Der rote Winkel, mit dem politische Gefangene gekennzeichnet waren, wurde mit einem auf die Basis gestellten gelben Winkel zum Davidstern ergänzt.

Auf der Rückseite der Einladungskarte wurde noch weiterer weiblicher Faschismus-Opfer gedacht. Bemerkenswert dabei ist, dass es sich nicht ausschließlich um Opfer des NS-Regimes, sondern auch des Austrofaschismus handelt, wie etwa Ida Sever, die Frau des sozialdemokratischen Politikers Albert Sever, die am 12. Februar 1934 beim Beschuss des Arbeiterheimes in Ottakring ums Leben kam.

Literaturangabe

Käthe Leichter zum Gedenken. Einladung des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ zur Gedenkfeier am 9.Februar 1962 im Franz-Domes-Lehrlingsheim Wien IV. Wien: [o.V.] 1962. - 2 Bl.
Mit einem Photo von Käthe Leichter und einer Liste der als Opfer des Faschismus umgekommenen österreichischen Sozialistinnen. Wienbibliothek, Druckschriftensammlung, E-153239

Archiv der Objekte des Monats 2017

Seite 1 der Gedenkschrift für Käthe Leichter.
Seite 2 der Gedenkschrift für Käthe Leichter.
Seite 3 der Gedenkschrift für Käthe Leichter.
Seite 4 der Gedenkschrift für Käthe Leichter.