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16. April 2026
Suzie Wong

„Lyrik, Liebe, Landlust“

Abseits der literarischen Zentren verbrachte der britisch-amerikanische Dichter Wystan Hugh Auden (1907-1973) in seinen späten Jahren die Sommermonate in der niederösterreichischen Landgemeinde Kirchstetten. Die beiden Forscher*innen Sandra Mayer und Timo Frühwirth (ÖAW) stellten das digitale Editionsprojekt „Auden in Austria Digital“ (AAD) [1] in einer Forschungswerkstatt in der Wienbibliothek vor.         

W. H. Auden im Garten seines Hauses in Kirchstetten

Es war, wie so oft in der Literaturgeschichte, zunächst nur eine Randnotiz: ein britisch-amerikanischer Dichter, der sich in einem niederösterreichischen Dorf niederließ und dort, fern der großen Metropolen, an seinem Spätwerk schrieb. Dass es sich dabei um Wystan Hugh Auden handelte – einen der einflussreichsten Lyriker des 20. Jahrhunderts –, macht diese vermeintliche Fußnote im Rückblick umso bemerkenswerter. 

In dieser neuen digitalen Edition (AAD) rückt der archivarische Gesamtbestand zu den österreichischen Jahre Audens in den Fokus. 

Seit 1958 verbrachte Auden einen erheblichen Teil des Jahres in seinem Haus im niederösterreichischen Kirchstetten [2]. Hier entstand ein Großteil seines Spätwerks – in einer eigentümlichen Mischung aus strenger Arbeitsdisziplin und sozialer Durchlässigkeit. Denn so sehr sich das Bild des zurückgezogenen Dichters gehalten hat, so deutlich zeigen die nun erschlossenen Materialien, dass Auden in ein dichtes Netz persönlicher Beziehungen eingebunden war. Diese Netzwerke waren nicht nur literarischer Natur, sondern auch von Intimität, Abhängigkeiten und Machtverhältnissen geprägt.

Im Zentrum steht dabei zunächst Audens langjährige Partnerschaft mit Chester Kallman, mit dem gemeinsam er jedes Jahr nach Österreich reiste. Die Beziehung war alles andere als konventionell. Sie war geprägt von Offenheit und einem Arrangement, das weitere Beziehungen nicht ausschloss. Besonders eindrücklich dokumentiert dies ein erst kürzlich aufgefundener Briefwechsel mit Hugo Kurker, einem Wiener Callboy, der mit einer Frau verheiratet war und der über Jahre hinweg Teil dieses Beziehungsgefüges war. Die Korrespondenz zeigt eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit, mit der diese Beziehungen organisiert wurden: ein Rhythmus von Besuchen zwischen Wien und Kirchstetten, ein Nebeneinander von Partnerschaften, die für alle Beteiligten sichtbar, wenn auch nicht zwingend gleichberechtigt war und eine erstaunliche Gleichzeitigkeit von Offenheit und Hierarchie.

Während die Beziehungen zwischen den Männern als Ort von Begehren, emotionaler Intensität und dichterischer Inspiration erscheinen, treten die Frauen in diesen Konstellationen häufig in eine andere Rolle: sie waren präsent, sie wussten Bescheid, sie bewegten sich innerhalb desselben sozialen Gefüges, sie übersetzten, vermittelten, organisierten Lesungen und knüpften Kontakte zur Kulturpolitik. Ohne sie wäre Audens Präsenz im österreichischen Literaturbetrieb kaum denkbar gewesen.  Frauen, wie die walisisch-österreichische Journalistin und Schriftstellerin Stella Musulin, die Schriftstellerin und Journalistin Hertha Felicia Staub [4]  oder die Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin und Essayistin Hilde Spiel [5] erscheinen als Akteurinnen eines literarischen und kulturellen Netzwerks. Und doch spiegeln die Quellen zugleich eine Haltung, die diese Leistungen relativiert: eine Mischung aus Dankbarkeit und Herablassung, die sich in beiläufigen Formulierungen ebenso niederschlägt wie in der strukturellen Unsichtbarkeit dieser Beiträge. Im persönlichen Kontext hatten sich die Mitwisserinnen und Mitspielerinnen der gelebten Beziehungsmodelle Audens (beispielsweise die Ehefrau von Hugo Kurker), das auf männliche Bedürfnisse zugeschnitten war, zurückzuziehen, während die Männer sich einander zuwandten. 

Die digitale Edition (AAD) eröffnet zugleich einen wichtigen Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Beziehungen. Homosexuelle Handlungen waren im Österreich der 1960er Jahre strafbar; queere Lebensrealitäten bewegten sich im Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Verdrängung. Umso bemerkenswerter ist die relative Offenheit, mit der Auden seine Beziehungen lebte – nicht als politisches Statement, sondern als reale Praxis innerhalb eines spezifischen sozialen und kulturellen Rahmens. Dass biografische Details einzelner Beteiligter heute aus Strafakten rekonstruiert werden müssen, verweist auf die strukturelle Unsichtbarkeit und Gefährdung, die diese Lebensweisen begleiteten.

„Auden in Austria Digital“ macht diese Konstellationen erstmals in ihrer ganzen Komplexität sichtbar. Die Edition versammelt einerseits literarische Manuskripte, aber auch Briefe, Fotografien und Verwaltungsakten, die zusammen ein vielschichtiges Bild ergeben. Sie zeigt Auden nicht nur als Dichter, sondern als Teil eines sozialen Gefüges, in dem Fragen von Sexualität, Geschlecht und Macht untrennbar miteinander verbunden sind.

Gerade in dieser Perspektivverschiebung liegt die besondere Stärke des Projekts. Es geht nicht mehr allein um Werkgenese oder Textvarianten, sondern die Bedingungen, unter denen Literatur entsteht, werden sichtbar. Und es geht um die Beziehungen, die ermöglichen und um die Ungleichheiten, die in ihnen eingeschrieben sind. Dass diese Einsichten aus Archiven hervorgehen, die lange als bloße Aufbewahrungsorte galten, verweist auf das Potenzial einer Forschung, die Materialien neu liest und in größere Zusammenhänge stellt. 

So erscheint Audens österreichische Periode heute nicht mehr als idyllischer Rückzug, sondern als ein komplexer sozialer Raum, in dem sich künstlerische Produktion, persönliche Beziehungen und gesellschaftliche Normen auf eigentümliche Weise verschränkten. Die „Fußnote“ ist damit endgültig in den Haupttext gerückt – und erzählt nun auch von jenen Stimmen, die darin lange nur am Rand zu hören waren.

Anmerkungen und Quellen:                                                 

[1] Auden in Austria Digital https://www.oeaw.ac.at/de/acdh/forschung/literaturwissenschaft/forschung/autorinnen-editionen/auden-in-austria-digital

[2] https://www.kirchstetten.at/Unser_Kirchstetten/Audenhaus

[3] https://archivderzeitgenossen.at/literaturarchiv-noe/vor-nachlaesse

[4] Herta Staub, Wienbibliothek, https://permalink.obvsg.at/wbr/AC15896823 

[5] Sammlung Hilde Spiel, Wienbibliothek, https://permalink.obvsg.at/wbr/AC15988387

Beitragsfoto:

W. H. Auden im Garten seines Hauses in Kirchstetten, Landessammlungen Niederösterreich, CC BY 4.0.