Dieser Text basiert auf einer Audioaufnahme des Vortrags von Prof.in Sonja Kmec im Rahmen der Reihe „Forschungswerkstatt“ vom 19. Mai 2026 in den Loos-Räumen der Wienbibliothek. Mitschnitt, Transkription und Überarbeitung: Suzie Wong, Wienbibliothek
Linda Bandára (1881–1960) gehört zu jenen Komponistinnen, die lange Zeit kaum wahrgenommen wurden. Auf sie stieß ich im Rahmen des Forschungsprojekts Music and Gender in Luxembourg, das musikbezogenes Handeln aus einer Genderperspektive untersucht und verstreute Quellen zu Musikerinnen und Komponistinnen zusammenführt. Gerade bei Frauen stellen die Quellen häufig das größte Problem dar: Diese sind über zahlreiche Archive verteilt und oft nur schwer zugänglich.
Den Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit Bandára bildete eine Handschrift in der Bibliothek der großherzoglichen Familie: „Willenskraft“, ein Werk für Kammerorchester, vermutlich um 1900 entstanden. Die Widmung an die Großherzogin von Luxemburg, Adelheid Marie von Anhalt-Dessau, sowie die ungewöhnliche Verbindung europäischer und javanischer Bezüge weckten mein Interesse. Das Werk besteht aus drei Teilen, von denen der erste den Titel „Sindoro“ trägt – benannt nach jenem Vulkan auf Java, an dessen Fuß Bandára aufwuchs. Bereits dieses Frühwerk deutet auf eine künstlerische Haltung hin, die unterschiedliche kulturelle Räume miteinander verbindet.
Recherche in Wien
Weitere Spuren führten mich nach Wien. Ein Beitrag im Wien Geschichte Wiki verwies auf Bestände der Wienbibliothek, die sich als besonders ergiebig entpuppten. Dort befinden sich drei gedruckte Lieder sowie mehrere Handschriften. Zu den bemerkenswertesten Stücken zählt „Der Silberreiher, Lied für Sopran u. Klavier“ von 1930. Zu dieser Zeit hatte Bandára Java bereits verlassen und lebte in den Niederlanden. Das Werk entstand in einer Phase der Entwurzelung und ist von tiefer Sehnsucht nach der Landschaft und Kultur ihrer Kindheit geprägt. Diese Nostalgie zieht sich als Leitmotiv durch ihr Schaffen: Zunächst erscheint Java als idealisierte Landschaft, später wird die Erinnerung daran zu einem zentralen Gegenstand ihrer Musik.
Von ihren rund 100 überlieferten Kompositionen wurde nur ein kleiner Teil veröffentlicht. Umso wichtiger sind die erhaltenen Handschriften. Faszinierend sind vor allem jene Werke, in denen Bandára versuchte, Klänge der javanischen Gamelans (traditionelle instrumentale Musikensembles) in europäischer Notenschrift festzuhalten. Im „Frühlingslied, Thema mit Variationen für Orchester“ etwa verband sie romantische Liedtraditionen mit Klangvorstellungen javanischer Instrumente. Sie schaffte damit musikalische Hybridformen, die für ihre Zeit sehr ungewöhnlich waren. In anderen Werken verknüpfte sie sogar mittelalterliche europäische Stoffe mit javanischen Klängen und eröffnete damit neue musikalische Zwischenräume.
Ihre Werke wurden in Wien und Den Haag aufgeführt, sie hielt Vorträge und präsentierte ihre Forschung einem breiteren Publikum. Bekannt ist etwa, dass ihre „Ländlichen Stimmungsbilder aus Java“ 1922 von den Wiener Philharmonikern und 1937 von den Wiener Symphonikern aufgeführt wurden. Die Partitur gilt heute allerdings als verschollen. Ihre Instrumenten- und Textiliensammlung hat Bandára testamentarisch dem Wiener Museum für Völkerkunde (heute Weltmuseum) überlassen.
Nederlands Muziek Instituut, Den Haag
Eine zentrale Quelle für die Forschung zu Linda Bandára stellt der umfangreiche Nachlass im Nederlands Muziek Instituut in Den Haag dar. Dieser wurde erst in den 2000er-Jahren auf einem Dachboden entdeckt und vor Kurzem vollständig erschlossen. Der Bestand umfasst mehr als 170 Partituren (teils Fragmente oder Abschriften), Briefe und andere Schriftstücke. Besonders wertvoll sind die Memoiren mit dem Titel „Anak Djawa“ – „Kind Javas“. Sie bieten einen lebendigen Einblick in Bandáras Selbstverständnis und ihre Herkunft. Untersucht wurde dieses Material bereits vom niederländischen Pianisten und Musikwissenschaftler Henk Mak van Dijk.
In ihren Memoiren schildert die Komponistin wie ihre Mutter Antonia Teutschmann in Graz aufwuchs, Geige spielte und selbst komponierte. Bandára beschreibt sie als außergewöhnlich unabhängige Frau, „ein halbes Jahrhundert ihrer Zeit voraus […]“, und als prägende Figur, die ihrer Tochter künstlerische Offenheit und Eigenständigkeit vermittelte. Auch wenn sich die Behauptung, die Mutter sei Schülerin Anton Bruckners gewesen, bislang nicht belegen lässt, zeigt sich doch, welche Bedeutung musikalische Bildung in der Familie hatte.
Bandáras Erinnerungen lassen ihre Kindheit auf Java als eine Zeit großer Freiräume erscheinen. Sie berichtet von Streifzügen durch die Landschaft, von der Nähe zu den Vulkanen und von intensiven Naturerfahrungen. Auch wenn solche Erinnerungen als autobiografische Selbstdeutungen zu lesen sind, wird deutlich, wie stark diese Umgebung ihr Selbstverständnis und ihr künstlerisches Schaffen prägte. Bereits der Titel ihrer Memoiren verweist auf die enge Verbundenheit, die sie zeitlebens mit ihrer Geburtsheimat empfand.
Musik aus Java und Bali
Neben ihrer Tätigkeit als Komponistin trat Bandára auch als Musikschriftstellerin und Vermittlerin javanischer Musik hervor. In der Plakatsammlung der Wienbibliothek finden sich Hinweise auf Bandáras rege Vortragstätigkeit. Zudem beschrieb sie in zahlreichen Artikeln Instrumente, Tonsysteme und Aufführungspraxen des Gamelans. Ihre Texte zeichnen sich durch große Detailgenauigkeit aus. Gleichzeitig wandte sie sich gegen die in Europa verbreitete Geringschätzung außereuropäischer Musikkulturen. Bereits 1911 beklagte sie die kulturelle Distanz zwischen Europa und Java und kritisierte die Arroganz, mit der javanische Musik oft betrachtet wurde. Sie verstand ihre Arbeit ausdrücklich als Beitrag zu einem besseren Verständnis dieser Traditionen.
Besonders beschäftigte sie die Frage der musikalischen Notation. Gemeinsam mit dem javanischen Musiker R. T. Djojodipuro entwickelte sie ein eigenes System zur Verschriftlichung von Gamelan-Musik. Für diese Arbeit erhielt sie einen Preis eines wissenschaftlichen Instituts auf Java. Obwohl sich die Notation nicht durchsetzte, verdeutlicht sie Bandáras Bemühen, unterschiedliche musikalische Wissenssysteme miteinander in Beziehung zu setzen. In ihren Memoiren beschreibt sie diesen Prozess als gemeinschaftliche Arbeit und reflektiert zugleich die Schwierigkeiten, mit denen solche Vermittlungsversuche konfrontiert waren.
Linda Bandára bewegte sich zeitlebens zwischen Kontinenten, Kulturen und musikalischen Traditionen. Gerade diese Zwischenräume machen ihr Werk heute so faszinierend. Die Bestände der Wienbibliothek, des Nederlands Muziek Instituut und weiterer Archive zeigen, dass hier noch zahlreiche Forschungsfragen offen sind. Zugleich ermöglichen sie die Wiederentdeckung einer Komponistin, die weit mehr war als eine musikalische Grenzgängerin: Sie war eine Vermittlerin zwischen unterschiedlichen Klangwelten und eine frühe Verfechterin kultureller Verständigung durch Musik.