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8. Mai 2026
Gerhard Hubmann

„Wenn man keine gute Mutter hat, so soll man sich eine anschaffen“

Kürzlich hat die Wienbibliothek im Rathaus eine Sammlung von Briefen erworben, die der Wiener Schauspieler und Schriftsteller Egon Friedell (1878–1938) an seinen Freund und Co-Autor Hans Sassmann schrieb. Sie erzählen von der Arbeit am Theater und an seinen Büchern, aber auch von dem unrühmlichen Konflikt mit seiner Mutter.

Ausschnitt Neues Wiener Journal

Caroline Tritsch, geschiedene Friedmann, trat 1928 wieder in das Leben des Sohnes – nach fast 50-jähriger Abwesenheit. Sie hatte ihren Mann Moriz Friedmann und die drei kleinen Kinder 1879 verlassen. Da war Egon gerade einmal ein Jahr alt. Den Tod des Vaters einige Jahre später wertete der Sohn, der sich als Künstler den Nachnamen Friedell gab, als Folge des familiären Bruchs.

Aufgezogen wurde Friedell von der Haushälterin der Familie, Marie Gabriel, mit der er bis zu ihrem Tod in einer Mutter-Sohn-ähnlichen Wohngemeinschaft zusammenleben sollte. In das Exemplar der 1904 gedruckten Dissertation „Novalis als Philosoph“, das der frisch gebackene Doktor seiner Ersatzmutter überreichte, schrieb er einen bei Friedrich Nietzsche gefundenen Aphorismus: „Wenn man keine gute Mutter hat, so soll man sich eine anschaffen“. [1]

Kulturgeschichte der Neuzeit

1928 näherte sich Friedell dem Höhepunkt seines schriftstellerischen und finanziellen Erfolgs. Der im Jahr zuvor erschienene erste Band der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ hatte nicht nur die Kritik überzeugt, sondern verkaufte sich auch ungewöhnlich gut. Der zweite Band kam im September in die Buchhandlungen, wenige Monate nachdem seine leibliche Mutter wieder aufgetaucht war. Ein Detail darin erhält in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung. Friedell berichtet von der französischen Salonnière Madame de Tencin, sie habe einen ihrer Söhne, den späteren Mathematiker Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, nach der Geburt ausgesetzt. „[E]rst als er berühmt geworden war, suchte sie sich ihm wieder zu nähern, er wies sie aber mit Verachtung zurück und lebte weiter mit seiner Pflegemutter, einer einfachen Frau aus dem Volke, die seine Kindheit in rührender Weise betreut hatte.“ [2] – Gewissermaßen ein Selbstporträt, versteckt in einer historischen Nebensache.

 

Schwarz-weiß Foto Egon Friedell

Egon Friedell, um 1930 (Foto: Otto Skall, Wien) Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 238497

Zwei Prozesse

Die in ärmlichen Verhältnissen lebende Caroline Tritsch strengte gegen ihre beiden Söhne einen Prozess an, der dazu führte, dass Egon Friedell und sein Bruder Oskar Friedmann monatliche Unterhaltszahlungen an sie zu leisten hatten. Angesichts Friedells wachsender Berühmtheit klagte sie dann im November 1929 auf Erhöhung der Alimente. Besonders Wiener Zeitungen walzten diesen zweiten Prozess vor ihrer Leserschaft aus. Bereitwillig machten sie die finanziellen Verhältnisse Friedells öffentlich, darunter die Summe von 60.000 Schilling, die ihm die ersten beiden Bände der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ eingebracht hatten (das entspricht heute etwa 270.000 Euro). [3] In der Verhandlung setzte sich schließlich die Rechtsmeinung durch, dass ein Sohn unter allen Umständen verpflichtet sei, die in Not geratene Mutter ausreichend zu unterstützen. Friedell musste die Zahlungen erhöhen.

Lina Loos’ Trostbrief

Kurz vor der zweiten Verhandlung war Oskar Friedmann unerwartet nach einem kleinen chirurgischen Eingriff gestorben. [4] Die öffentliche Skandalisierung des Mutter-Sohn-Konflikts traf Friedell deshalb umso härter. Beistand erhielt er von seiner langjährigen Gefährtin Lina Loos in Form eines eindringlichen Trostbriefes. Darin stellt Loos der leiblichen Mutter die fürsorgliche Ersatzmutter Marie Gabriel gegenüber. Als moderne Frau wirft sie Caroline Tritsch nicht etwa die verspätete Entscheidung für „ein freies kinderloses“ Leben vor („jeder Mensch hat das Recht, sein Leben so zu leben, wie er es für gut findet“), sondern dass sich diese nach fünfzig Jahren plötzlich erinnere, „einmal ein Kind geboren zu haben“, um an diese Erinnerung nichts als Geldforderungen zu knüpfen. [5]

Schwarz-weiß Foto Lina Loos

Lina Loos, um 1945 Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 235492

Das rehabilitierende Potenzial, das in dem Brief der bekannten Wiener Schauspielerin und Autorin steckte, lag auf der Hand. Wie es letztlich zur Veröffentlichung dieses Textes kam, ist in der genannten Neuerwerbung der Wienbibliothek dokumentiert. Friedell wandte sich nämlich an seinen Freund Hans Sassmann, mit dem er in den 1920er-Jahren mehrere Theaterarbeiten gemeinsam verfasst hatte und der mittlerweile Redakteur des „Neuen Wiener Journals“ geworden war. Man beachte den kurzen Weg, den Friedell braucht, um von einer dezent vorgetragenen Bitte zu einer Drohung überzugehen:

„Lina schrieb mir den beiliegend abgetippten Brief, den ich so schön finde, d[a]ß ich Dich bitte, ihn zu veröffentlichen (natürlich nicht als Brief, sondern als richtigen Artikel mit Kopf). Diese Rehabilitation ist mir das Journal schuldig, da es das einzige bürgerliche Blatt ist, das den Bericht über meinen Prozeß brachte (sonst nur die angeschissene Arbeiterzeitung und der Morgen […]). Sollte der Beitrag nicht umgehend, womöglich in der Weihnachtsnummer und an bester Stelle, gebracht werden[,] so werde ich das Blatt so behandeln, wie es das Josefstädtertheater behandelt, nämlich wie Luft“. [6]

Das „Neue Wiener Journal“ publizierte den Brief schließlich am 29. Dezember 1929. Schon der Titel des Beitrags ließ keinen Zweifel aufkommen, auf welcher Seite die Zeitung in dieser Sache stand: „Egon Friedell und seine Mutter. Lina Loos zerstört die Legende von seiner angeblichen Hartherzigkeit.“

Weiterlesen im Wien Geschichte Wiki

Wien Geschichte Wiki: Egon Friedell
Wien Geschichte Wiki: Lina Loos
Wien Geschichte Wiki: Hans Sassmann

Weiterführende Links

Katalog der Wienbibliothek im Rathaus: Sammlung Egon Friedell – Hans Sassmann

Anmerkungen und Quellen

[1] Zitiert in: Klaus Peter Dencker: Der junge Friedell. Dokumente der Ausbildung zum genialen Dilettanten. München: C. H. Beck 1977, S. 62. Der originale Aphorismus Friedrich Nietzsches lautet: „Die Natur corrigiren. – Wenn man keinen guten Vater hat, so soll man sich einen anschaffen.“ (Menschliches, Allzumenschliches I, 381)
[2] Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Weltkrieg. Zweiter Band. Barock und Rokoko / Aufklärung und Revolution. München: C. H. Beck 1928, S. 246.
[3] Vgl. Eine hungernde Mutter. In: Das kleine Blatt, Nr. 306 vom 05.11.1929, S. 9 [ANNO]; Vor dem Richter. „Ein Stückchen Kulturgeschichte.“ In: Der Tag, Nr. 2466 vom 11.12.1929, S. 8 [ANNO].
[4] Schriftsteller Oskar Friedmann gestorben. An den Folgen einer Hühneraugenoperation. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, Nr. 44 vom 04.11.1929 [ANNO].
[5] Egon Friedell und seine Mutter. Lina Loos zerstört die Legende von seiner angeblichen Hartherzigkeit. In: Neues Wiener Journal. Nr. 12969 vom 29.12.1929, S. 11 [ANNO].
[6] Brief von Egon Friedell an Hans Sassmann, November oder Dezember 1929. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 250673. [Digitale Bibliothek]

Beitragsbild:
Ausschnitt aus: Egon Friedell und seine Mutter. Lina Loos zerstört die Legende von seiner angeblichen Hartherzigkeit. In: Neues Wiener Journal. Nr. 12969 vom 29.12.1929, S. 11. Wienbibliothek im Rathaus, F-27919/1929,Nov.-Dez.