Schnittstelle von Literatur und Forensik
Eine große Herausforderung liegt in den digitalen Nachlässen. Wer sie sichert, arbeitet an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und IT-Forensik. Alte Betriebssysteme müssen wiederbelebt, Programme geschickt überlistet, Kabel aus vergangenen Jahrzehnten hervorgeholt werden. In der Wienbibliothek etwa stammt die älteste erfolgreich gesicherte Datei aus den 1980er-Jahren; sie konnte nur lesbar gemacht werden, weil eine komplette Hardware-Umgebung rekonstruiert wurde. Auch so manche Festplatte offenbarte erst nach forensischer Sicherung Texte aus den frühen 1990ern.
Solche Fälle zeigen, wie sehr sich das Sammeln verändert hat. Es geht nicht mehr nur um das Bewahren von Materialien, sondern auch darum, diese überhaupt erst lesbar zu machen. Und es geht darum, sie in Systeme zu überführen, die analoge und digitale Bestände gemeinsam erfassen können. Das Ziel dabei: Eine gemeinsame Suchoberfläche, die Briefe, Mails, Notizen und Social-Media-Beiträge auf einer Ebene zusammenführt – und im nächsten Schritt mit all den anderen, teils retrodigitalisierten Beständen der Wienbibliothek vernetzt.
Vorlass statt Nachlass
Parallel dazu entstehen neue Konzepte des Sammelns wie der digitale Vorlass. Autorinnen und Autoren können damit ihre Daten schon zu Lebzeiten in sichere Obhut geben, bevor Plattformen verschwinden oder Formate unlesbar werden. Einige Autorinnen und Autoren haben sich hier bereits ein eigenes Twitter-Archiv angelegt. Andere wünschen sich Speicherorte, die nicht von kommerziellen Diensten abhängig sind. Bibliotheken reagieren darauf mit Strategien der Verteilung: Daten werden mehrfach gesichert, lokal und extern, um technische Obsoleszenz abzufedern.
Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wachsende Rolle. Sie hilft beim Durchforsten von Festplatten, beim Erkennen von Orten und Personen in Texten, beim Schreiben von Skripten, die automatisiert retten, was sonst verloren ginge. Doch auch hier zeigt sich ein altbekanntes strukturelles Problem: Es fehlt an europäischer Technologie, an gemeinsamen Standards und an langfristigen Lösungen.
Flüchtige digitale Spuren sichern
Vielleicht ist das Sammeln digitaler Nachlässe deshalb weniger ein technisches Projekt als ein kulturelles. Es zwingt Bibliotheken dazu, neu zu definieren, was alles zu einem literarischen Werk gehört, wie es entsteht und wie es bewahrt werden kann. Es fordert ein anderes Verständnis von Materialität – eines, das die Flüchtigkeit digitaler Spuren ernst nimmt, ohne sie zu dramatisieren.
Was wir hier in Zukunft an Einblicken in die Entstehung von Literatur verlieren, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Während sich Forschende ehrfürchtig vor jeder Postkarte eines Karl Kraus verneigen, verschwinden täglich unzählige E-Mails, Social-Media-Posts oder Dateien heute lebender Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
Am Ende geht es um etwas sehr Einfaches: darum, dass die Literatur der Zukunft nicht nur geschrieben, sondern auch auffindbar bleibt. Und dass Bibliotheken Orte sind, an denen diese Zukunft gesichert wird – egal, ob sie auf dem Papier steht oder auf einer Festplatte.