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Objekt des Monats Jänner 2022: Ein geheimnisvoller Umschlag

Zum 150. Todestag von Franz Grillparzer

Geheimpapier Nr. 12: Entwurf eines Briefes an Katharina Fröhlich, Seite 1, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 82.148

„Heute, 9 Uhr vormittags, wurden in Gegenwart des Bürgermeisters Reumann die infolge testamentarischer Bestimmung bisher unter Verschluß gewesenen Nachlaßpapiere Franz Grillparzers eröffnet“, begann die „Neue Freie Presse“ vor 100 Jahren, am 21. Jänner 1922, ihren Bericht um einen geheimnisumwobenen Umschlag, der versiegelt seit 1882 im Besitz der Stadt Wien war und dessen Öffnung „in Befolgung der Bestimmungen des Fräulein Anna Fröhlich und Katharina Fröhlich“, wie es in einem internen Protokoll heißt, an den 50. Todestag Franz Grillparzers gebunden wurde.

Katharina Fröhlich begleitete Franz Grillparzer etwa 50 Jahre seines Lebens und ging, da der Dichter sein Eheversprechen nie einlöste, etwas unrühmlich als seine „ewige Braut“ in die (Literatur-)Geschichte ein. Bei allen Höhen und vor allem Tiefen, die diese Beziehung immer wieder begleiteten, hielt Fröhlich ihm über den Tod hinaus die Treue: Am 24. Mai 1878 richtete sie, „[g]eleitet von der Absicht, den literarischen und sonstigen Nachlaß Franz Grillparzers vollständig und in würdiger Weise der Nachwelt zu überliefern“, als Universalerbin einen Brief an den Bürgermeister Kajetan Felder, um der Stadt Wien, „alles[,] was sich darin in ihrem [Katharina Fröhlichs] Besitze befindet, in das unveräußerliche Eigenthum der Großkommune Wien zu stiften“ (Wiener Stadt- und Landesarchiv, Schenkung des Nachlasses, 1878, Akt 3.1.4.A1.G8.4).

Die Geheimpapiere

Obwohl der Bestand 1878/79 (einerseits durch den Gemeinderatsbeschluss vom 21. Juni 1878 über die Annahme der Schenkung und andererseits nach Katharina Fröhlichs Tod und der Testamentsvollstreckung am 15. Dezember 1879) in den Besitz der Stadt kam, wurde der handschriftliche Nachlass, von dem sich schon Katharina Fröhlich zu Lebzeiten nicht trennen wollte, erst nach dem Tod von Theobald Freiherr von Rizy, Grillparzers Cousin und Senatsrat beim Obersten Gerichtshof, im Mai 1882 der Stadtbibliothek übergeben.

Unter diesen Materialien befand sich auch der eingangs erwähnte versiegelte Umschlag, dessen Existenz den Grillparzer-Kennern zwar bekannt war, über dessen Inhalte aber nur spekuliert werden konnte. Man vermutete, scharfe politische Äußerungen könnten zur Rückhaltung dieser sogenannten Geheimschriften geführt haben.

Um nun dieses wohlgehütete Geheimnis zu lüften, fanden sich am 21. Jänner 1922 neben dem Bürgermeister Jakob Reumann der „amtsführende Stadtrat der Gruppe VII [Allgemeine Verwaltungsangelegenheiten] Herr Karl Richter, die Herren Hofräte Dr. Karl Glossy und Universitäts-Professor Dr. August Sauer, der Herr Direktor des Burgtheaters Dr. Anton Wildgans und der Direktor der städtischen Sammlungen Johann Eugen Probst“ sowie weitere Beamte der städtischen Sammlungen ein (Hausarchiv der Wienbibliothek im Rathaus, Abschrift des Protokolls, AZ 56/1922).

Bei dieser ersten Inaugenscheinnahme wurden die insgesamt achtzehn Einheiten überblickshaft verzeichnet: Tagebuchblätter aus dem Zeitraum 1820 bis 1834 (Geheimpapier Nr. 1–9, 11, 15–17), Briefentwürfe (Nr. 12–14, 18) sowie ein Widmungsentwurf für „Das Goldene Vließ“ an „Desdemona“ (Nr. 10). Schnell zeigte sich der illustren Runde, dass die Inhalte von dreizehn Dokumenten bereits bekannt waren, weil Theobald von Rizy noch vor der Versiegelung etliche Abschriften anfertigen ließ und diese auch der Forschung verschiedentlich zur Verfügung stellte. Vollkommen neu waren drei Tagebuchblätter (eines vermutlich nach dem 22. Juli 1820 [Geheimpapier Nr. 17], eines zwischen 1827 und 1830 [Nr. 15] und eines zwischen Ende 1829 und Anfang 1834 entstanden [Nr. 11]), zwei Entwürfe eines Briefes an Katharina Fröhlich (vermutlich 1822; Nr. 12) sowie die „Zueignung an Desdemona“ im „Goldenen Vließ“ (Nr. 10).


Die Anwesenden bei der Öffnung der Geheimschriften (Wiener Bilder, 29. Jänner 1922, ANNO/ÖNB)

Gründe für die Sperre

Die ursprüngliche Absicht der Sperrung ist unterschiedlich gut nachvollziehbar. Politik oder Zensurkritik spielen eine vergleichsweise geringe Rolle. Im Geheimpapier Nr. 1, das heißt jenem, das zu oberst im Umschlag lag, beklagt Grillparzer am 17. Juli 1826 einmal mehr das Leiden an den Zensurbestimmungen, denn „kein Aufschwung [sei] möglich […], wenn man bei jeder Flügelbewegung an den Plafond der Zensur stößt, und die Arbeit aufhört ein Vergnügen zu sein, wenn das Hervorgebrachte die Quelle tausendfältiger Unannehmlichkeiten wird“ (Tagebucheintrag vom 17.07.1826, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.572).

Wie man es aus den Tagebüchern Grillparzers kennt, bilden die eigene Krise und Unzufriedenheit mit sich und seinem Leben auch in diesen Texten einen roten Faden; die ebenso bekannten Probleme mit seiner Familie zeigen sich in einem Entwurf an das Wiener Kriminalgericht aus dem Juli 1836, in dem er seinen Bruder Karl gegen den Vorwurf, Frau und Kind verlassen und die Amtskasse veruntreut zu haben, mit dem Argument zu verteidigen versucht, dass jener nicht zurechnungsfähig sei (Entwurf einer Eingabe an das Wiener Kriminalgericht im Juli 1836, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 82.149).

Das beständigste Thema ist allerdings Grillparzers Verhältnis zu Frauen und insbesondere zu Katharina Fröhlich. Das fortwährende Reflektieren über seine Unfähigkeit zur (wahrhaften oder dauerhaften) Liebe, sein Schwanken und Zweifeln an dieser Beziehung könnten Katharina Fröhlich nach dem Tod des Dichters aus eigener Kränkung bewogen haben, diese Dokumente nicht alsbald zugänglich gemacht zu wissen; eher war es aber wohl Theobald von Rizy, der den handschriftlichen Nachlass in eine erste Ordnung brachte und bei dieser Gelegenheit die Papiere zum Schutz von Fröhlichs Ansehen separierte. „Unsere Art zu denken scheint zu verschieden und unsere Art zu fühlen ist vielleicht zu ähnlich, als daß ein näheres Verhältniß mit Glück zwischen uns bestehen könnte“, heißt es etwa in einem Briefentwurf an seine Katty, seine Luzia – wie Grillparzer Katharina Fröhlich in den Tagebüchern und Briefen nennt. „Laß uns daher versuchen, ob wir durch Entfernung für einige Zeit unserm Gefühl für einander jene reitzbare Leidenschaftlichkeit benehmen können, die uns wechselseitig quält und in der Folge, wenigstens dich, gewiß unglücklich machen würde“ (Entwurf eines Briefes an Katharina Fröhlich, vermutlich 1822, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 82.148).

Auch zwei weitere, ebenso unglückliche Liebesbeziehungen tauchen in diesen geheimen Schriften prominent auf. Zum einen ist eine Folge von sechs Briefen Marie Smolk von Smollenitz zugedacht, die nach dem Verhältnis mit Grillparzer 1827 den Maler Moritz Daffinger heiratete (Briefe an Marie, 1–6, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.674); zum anderen findet sich darin eine ergreifende „Zueignung an Desdemona“, die um 1821/22 entstand: „Du, von der eine gebieterische Nothwendigkeit mich trennt, deren Werth ich aber erkenne und erkennen werde, so lange noch ein Herz in meiner Brust ist und Denkkraft in meinem Gehirn, dir seyen diese Blätter heilig“, beginnt Grillparzer seine Widmung. Gerichtet ist sie an die Gattin seines Vetters Ferdinand, Charlotte von Paumgartten, mit der Grillparzer eine heftige Liebesbeziehung verband und zeitgenössisch gar gemunkelt wurde, dass er der Vater ihrer Tochter sein könnte (vgl. Heinrich Laube: Franz Grillparzers Lebensgeschichte. Stuttgart: J.G. Cotta’sche Buchhandlung 1884, S. 58). Sie begleitete die Entstehung der Dramen-Trilogie „Das Goldene Vließ“ intensiv, und Grillparzer habe nur in ihrer „Nähe Ruhe und Trost“ gefunden (Zueignung an Desdemona, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.491).

Obwohl es keine Hinweise gibt, dass Katharina Fröhlich diese Geheimpapiere in ihrer Geschlossenheit zur Kenntnis nahm, verbergen sich zahlreiche Stellen in diesen Dokumenten, „die ihr das Herz hätten zerreißen müssen“, wie schon der Germanist August Sauer resümierte, der seit 1909 an der großen historisch-kritischen Grillparzer-Ausgabe arbeitete und nur wenige Monate nach der Öffnung des Umschlags „Grillparzers Geheimschriften“ herausbrachte (August Sauer: Vorbemerkung. In: Grillparzers Geheimschriften. Wien, Leipzig: Gerlach & Wiedling, S. VII–XXII, hier S. XVII).

Von dieser Separatpublikation abgesehen, wurden die Papiere nahtlos in den übrigen Grillparzer-Nachlass in der Stadtbibliothek eingereiht und haben durch die Zerstreuung ihre eindringliche Dichte verloren. Nur in den handschriftlichen Inventarbüchern der Bibliothek findet sich noch der akkurate Nachweis, dass die Dokumente „Aus den sogenannten Geheimpapieren“ stammen.


"Aus den sogenannten Geheimpapieren", Nr. 1 (rechts), Inventarbuch der Wiener Stadtbibliothek

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Geheimpapier Nr. 12: Entwurf eines Briefes an Katharina Fröhlich, Seite 2, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 82.148
Geheimpapier Nr. 10: „Zueignung an Desdemona“, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.491
Geheimpapier Nr. 11: Tagebuchblatt zwischen Ende 1829 und Anfang 1834, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.678
Geheimpapier Nr. 15: Tagebuchblatt zwischen 1827 und 1830, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.645
Geheimpapier Nr. 17: Tagebuchblatt 1820, nach dem 22. Juli, Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N. 81.461
 

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