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Tanz-Signale, 19. – 22. März 2009
Operettenfabrik Strauss
Aktualität – Gesellschaftskritik – Zensur – Musikwerkstatt – Kitsch
Wenngleich die „Geburtsstunde“ der Wiener Operette schon früher anzusetzen ist, so waren es doch zwei Personen, die wesentlich zur Entwicklung und Popularisierung dieser Gattung beitrugen, Johann Strauss (Sohn) und der Theaterkapellmeister, Komponist und Librettist Richard G enée. Dieser erfahrene Theaterpraktiker – 1823 in Danzig geboren, nach Engagements an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen schließlich im Herbst 1868 an das Theater an der Wien verpflichtet – war es insbesondere, der die Wiener Operettenkomposition in den 1870er- und 1880er-Jahren als Librettist, Komponist und komponierender Ghostwriter maßgeblich beeinflusste.
Schon zu Lebzeiten von Suppè, Millöcker und Strauss – als den bedeutendsten unter allen Komponisten, die Libretti von Genée vertonten – wurde die Gratwanderung der Operette zwischen gesteuerter Massenproduktion und hohem Kunstanspruch mehr oder weniger emotionsgeladen diskutiert. Wenn sich heute die Musikwissenschaft dem Genre Operette zuwendet, bedeutet dies nicht, dass damit ästhetische Unterschiede zwischen teilweise durchaus trivialem Musiktheater und „hochwertigen“ Produkten verwischt werden sollen. Vielmehr handelt es sich um die soziologische Ortung eines Phänomens, das den Geschmack, die Vorlieben, die Sehnsüchte und schließlich die Mentalitäten großer Publikumskreise widerspiegelt. Tatsache war und ist, dass die Operette ihr „seriöses“ Pendant, die Oper, an Popularität übertrifft. Allein die Publikumsstatistik beweist es.
Ziel des Symposions, des Werkstattkonzerts und des abschließenden
Roundtable-Gesprächs mit Theaterdirektoren, Dirigenten,
Regisseuren und Musikwissenschaftlern ist es, die von 1870
bis 1883 in inniger Zusammenarbeit zwischen Strauss und Genée
entstandenen Operetten – gewissermaßen als Pars pro Toto – einer
Analyse hinsichtlich der Diskrepanz einerseits zwischen Erfolg und
Misserfolg, andererseits zwischen vergänglicher Zeiterscheinung und
gefragter Zeitlosigkeit zu unterziehen. Ausgehend von verschiedenen
Aspekten des seinerzeitigen Entstehungsprozesses
– französische Textvorlagen,
auf das Kabarett vorausweisende Dialoge, Zwitterstellung
der Musik zwischen Gesellschaftstanz und großer Oper, Komposition
im Teamwork, lokale politische und gesellschaftliche
Aktualität und
die darauf zielende Kritik, staatliche Zensur und deren Umgehung,
geschäftliche Interessen, Unterhaltung des Publikums – soll der Frage
nach dem Sinn und den Möglichkeiten der Rezeption von Operette
in heutiger Zeit nachgegangen werden.
(Norbert Rubey)
PROGRAMM 19. – 22. März 2009
AUFTAKT
Donnerstag, 19. März 2009, 15.00 Uhr
in Kooperation mit der Musiksammlung der Wienbibliothek, Wien 1, Bartensteingasse 9 / 1. Stock
Thomas Aigner (Wien)
Themenführung: Die Wiener Operette
SYMPOSION, 20. – 21. März 2009
in Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien
Freitag, 20. März 2009
Großer Hörsaal des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Wien
Universitätscampus AAKH / Hof IX, Eingang: Wien 9, Garnisongasse 13
14.00 Eröffnung
Birgit Lodes, Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien
Eduard Strauss. (Wiener Institut für Strauss-Forschung)
Norbert Rubey, Wienbibliothek im Rathaus
Musik zur Eröffnung in Arrangements der 1870er-Jahre für Violine und Klavier:
Johann Strauss (Sohn), Auf der Jagd, Schnell-Polka nach Motiven der Operette Cagliostro in Wien, op. 373
Johann Strauss (Sohn), Methusalem-Quadrille nach Motiven der Operette Prinz Methusalem, op. 376
Johann Strauss (Sohn), Kennst du mich? Walzer nach Motiven der Operette Blindekuh, op. 381
Jocelyne Rainer-Gibert, Violine
Ingomar Rainer, Klavier
15.00 Otto Brusatti (Wien): Warum Strauss-Operetten scheitern …
15.30 Pierre Genée (Wien): Richard Genée aus der Sicht der Familie
16.00 Pause
16.30 Volker Klotz (Stuttgart): Richard Genée: Motor und „sine qua non“ der Wiener Operette überhaupt
17.00 Norbert Nischkauer (Wien): „Majestät” – zensuriert
17.30 Marion Linhardt (Bayreuth): Zwischen Fachtraditionen und Individualität. Frauenrollen in den Strauss-Operetten der 1870er und frühen 1880er-Jahre
18.00 Pause
19.30 Werkstattkonzert „Das Geschäft mit der Operette – Arrangements für jeden Bedarf“
Potpourris und Konzertparaphrasen nach Strauss-Operetten von Richard Genée, Albert Jungmann, Eduard Schütt u. a.
Judit Varga, Klavier
Moderation: Norbert Rubey
Samstag, 21. März 2009
Großer Hörsaal, Universitätscampus AAKH / Hof IX, Eingang: Wien 9, Garnisongasse 13
09.00 Stefan Schmidl (Wien): Die Operette der Wiener Belle Époque. Eine Beschreibung mit unbekannten Fallbeispielen
09.30 Martin Lichtfuss (Wien): „Mit Borsten gestreichelt“: Zu musikalischen Widerhaken in der Wiener Operette des 19. Jahrhunderts
10.00 Pause
10.30 Fritz Schweiger (Salzburg): Die Symbolik der Tonarten in den frühen Operetten von Johann Strauss (Sohn)
11.00 Oswald Panagl (Salzburg): Zum Libretto der Fledermaus: Motive, Sprache, Dramaturgie
11.30 Norbert Rubey (Wien): Musikwerkstatt „Strauss & Genée“ – „wo wir uns musicalische Einfälle theilten“
12.00 Mittagspause
14.00 ROUND-TABLE: „Noch Zeit für Strauss-Operetten?“
Es diskutieren:
Wolfgang Dosch (Konservatorium Wien, Privatuniversität), Michael Lakner (Lehár Festival Bad Ischl), Martin Lichtfuss (Musikuniversität Wien), Norbert Linke (Universität Duisburg), Christian Pollack (Konservatorium Wien, Privatuniversität), Ingomar Rainer (Musikuniversität Wien), Christoph Wagner-Trenkwitz (Volksoper Wien), und andere;
Moderation: Otto Brusatti
15.00 Pause
15.30 Fortsetzung des Round-Table-Gesprächs
16.30 Ende des Symposions
18.40 Gedenkgottesdienst für Eduard Strauss II. (1910 – 1969), Schottenkirche „Unsere Liebe Frau zu den Schotten“, Wien 1, Freyung 6
Johann Strauss (Sohn), „Tu qui regis totum orbem“
Franz Schubert, Deutsche Messe (D 872)
Chorvereinigung „Schola Cantorum“
Leitung: Wolfgang Bruneder
MATINEE „Die Folgen der Strauss-Operette“
Sonntag, 22. März 2009, 11.00 Uhr
Theater in der Josefstadt
Sträußelsäle, Wien 8, Josefstädter Straße 24
Laura Scherwitzl, Sopran, ein Überraschungsgast, Günther Strahlegger, Bariton
Moderation: Otto Brusatti




