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31. Juli 2017 - 9:00
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Im Lesesaal mit Rebecca Rovit

Rebecca Rovit

Rebecca Rovit: "Ich könnte die nächsten fünf Jahre in Wien bleiben"

ein Portrait von Tanja Paar

"Ich forsche mit Schwerpunkt Theatergeschichte und Historiografie zu jüdischem Theater an Orten, an denen man es nicht vermutet: Zum Beispiel in Nazi-Deutschland oder Konzentrationslagern", sagt Rebecca Rovit. Sie ist Professorin in Kansas und derzeit Fulbright Senior Fellow am IFK (Institut für Kulturwissenschaften) in Wien. "Ich habe 2012 ein Buch veröffentlicht, das sich mit der Arbeit des jüdischen Kulturbundes in Berlin beschäftigt. Hier an der Wienbibliothek forsche ich vergleichend zur Situation in Wien ab 1938, und nach 1945 zu Kontinuitäten und Brüchen in der Theaterlandschaft."

Von großer Bedeutung ist für sie zum Beispiel der Nachlass von Fritz Wisten. Er wurde 1890 in Wien als Moritz Weinstein geboren, ging als Schauspieler 1919 nach Stuttgart, wo er mit der Machtergreifung der Nazis 1933 nicht mehr arbeiten durfte. 1938 wurde er in ein Konzentrationslager verschleppt, wurde aber u.a. aufgrund seiner "Mischehe" entlassen und konnte als künstlerischer Leiter und Regisseur des jüdischen Kulturbundes von 1939 bis 1941 weiter in Berlin künstlerisch tätig sein. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges kam er als freischaffender Regisseur ans Deutsche Theater in Berlin, 1946 übernahm er die Direktion des Theaters am Schiffbauerdamm.

Kohlen statt Geld

"Mich interessiert: Wie war das unter den vier Besatzungsmächten am Theater?", erklärt Rovit. "Und welchen Einfluss haben sie auf den Spielplan genommen? Die Russen wollten, dass sofort wieder gespielt wird. Man muss sich einmal vorstellen: Obwohl bis 1947 Trümmer auf den Straßen lagen, es anfangs keine Elektrizität gab und keine Straßenbahnen fuhren, wurde gespielt. Die Leute haben mit Kohlen bezahlt statt mit Geld. Ich wollte erforschen: Wie wurde die Kunst wiederbelebt? Natürlich gab es da einen Rückgriff auf bestehende kulturelle Netzwerke."

2014 wurde Rebecca Rovit nach Wien zu einer Tagung über das Theater in der NS-Zeit an die Universität Wien eingeladen. „Mir ist sofort aufgefallen, dass hier anders als in Deutschland über den Anschluss und die NS-Zeit gesprochen wird. Vor allem die Forschung von Oliver Rathkolb hat mir sehr imponiert", sagt sie. "Ich unterrichtete damals gerade zu Theater und Genozid und bereitete einen neuen Kurs über kulturelles Gedächtnis für meine StudentInnen vor. Als dann das Fulbright Senior Fellowship am IFK zum Thema "Imagination of Disorder" ausgeschrieben wurde, habe ich nicht lange gezögert. Das passt sehr gut zu meiner Arbeit, die sich mit der Idee des Aufbruchs, Chaos und Ordnung, aber auch Trauma beschäftigt."

So entstand die Idee, die Situation in Wien mit jener in Berlin zu vergleichen, also in die Komparatistik zu gehen. "Wie war das genau mit dem österreichischen Opfernarrativ?", so Rovit. Auch in Österreich wurde der Spielbetrieb sofort wieder aufgenommen, sogar noch schneller als in Berlin. "Am 30. 4. 1945 wurde bereits Grillparzers Sappho aufgeführt. Im Ronacher, weil das Burgtheater zerbombt war". Wie ging das zusammen mit der Entnazifizierung? Wer waren die Leute, die da aufgetreten sind? Sie sei sehr "an Menschen interessiert", an den "Mikrogeschichten".

Die Recherche habe sie in Wien sehr schnell in die Wienbibliothek geführt. "Welche Kontinuität gab es bei den Theaterschaffenden, das ist meine zweite große Frage", so Rovit. Fritz Hochwälder zum Beispiel blieb nach dem Krieg im Exil in der Schweiz, sein Nachlass liegt aber hier in Wien in der Wienbibliothek. Es gibt einen Briefwechsel von ihm mit dem österreichischen Schriftsteller Franz Theodor Csokor, der als entschiedener Gegner ebenfalls vor den Nazis fliehen musste und im Frühjahr 1946 in britischer Uniform nach Wien zurückkehrte. Er wurde 1947 Präsident des Österreichischen P.E.N.-Clubs.

Kontinuitäten und Brüche

Auch Ernst Lothar, neben Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal Mitbegründer der Salzburger Festspiele, kehrte aus dem Exil in Uniform zurück: Allerdings in amerikanischer. Er war als "Musikbeauftragter des US Departments of State" u.a. am Entnazifizierungsverfahren von Herbert von Karajan beteiligt. Auch von ihm und seiner zweiten Frau Adrienne (Geiringer) Gessner gibt es an der Wienbibliothek interessante Briefwechsel. "Ich könnte die nächsten fünf Jahre in Wien bleiben", betont Rovit, "so viel Material gibt es." Lothar sei im amerikanischen Exil in Colorado gewesen, seine Frau in New York. "Er hat ihr zum Teil zwei, drei Mal am Tag geschrieben, aber im Nachlass finden sich auch Theaterverträge, auch Absagen oder Gagenverhandlungen."

Auch an anderen Nachlässen, u.a. von Raoul Aslan, forscht Rovit. "Auch in meinem Vortrag am IFK habe ich mich auf österreichische Künstler konzentriert. Meine Fragestellung war: Gab es so etwas wie eine Reaustrifizierung auch im Repertoire, um sich von Deutschland zu distanzieren?" Am Burgtheater, damals wie gesagt noch im Ronacher, wurden sehr viele österreichische Klassiker gespielt. "Es wurden Listen angelegt", erklärt Rovit, "wen man spielen könnte und wer gar zu politisch belastet war."

An ihrer Arbeit im Archiv gefällt Rovit besonders, dass sie "am Überblick" und "im Detail" arbeiten kann. "Du erzählst als Forscherin eine Geschichte, die nie vollständig sein wird." Sie habe bei ihrer Forschung "viel Sitzfleisch", sitze gerne stundenlang. Sie verwende eine Mixtur aus handschriftlichen Notizen und solchen am Notebook. An der Wienbibliothek gefalle ihr u.a. besonders, dass sie Fotos vom Material machen dürfe. "Das fühlt sich manchmal noch immer wie Schummeln an, hilft aber sehr, v.a. bei Zeitdruck." Im "Imperial War Museum" in London habe sie jeden Tag extra dafür zahlen müssen, fotografieren zu dürfen. Das ist in Wien nicht so.

Auch dass Bestellungen aus der Handschriftensammlung von einem Tag – vor 15 Uhr – auf den anderen möglich seien, begeistert sie: "Du hast das Buch oder einige Mappen mit handschriftlichen Materialien am nächsten Tag um neun Uhr auf dem Tisch." Und sie hat gern möglichst viele Bücher auf dem Tisch: "Ich baue ein Nest", erklärt sie. Ihr dringlichster Wunsch: Auch wenn das Fellowship am IFK Ende Jänner ausläuft, "vor August 2017 an die Wienbibliothek zurückkommen!"

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