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Im Lesesaal mit Andreas Brunner

Andreas Brunner im Lesesaal der Wienbibliothek

ein Portrait von Tanja Paar

"Sogar der Giftschrank stand offen"

"Damals hat es das Wort queer ja noch nicht gegeben", sagt Andreas Brunner zu den Recherchen für sein erstes Buch zur schwulen Geschichte Wiens, das 1998 im Promedia Verlag erschienen ist.

"In dieser Zeit sind die ersten schwulen Reiseführer entstanden", erzählt er, "die aber meist sehr serviceorientiert waren, also in erster Linie Adress- und Lokalhinweise gaben. Hannes Sulzenbacher und ich haben dann intensiv in der Wienbibliothek geforscht, um unsere Interessen auch wissenschaftlich dingfest zu machen."

Brunner, er studierte Theaterwissenschaft und Germanistik, hatte zuvor schon als Zivildiener im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zur Verfolgung Homosexueller geforscht. "Damals gab es noch kein eigenes Schlagwort Homosexualität, einzelne Fälle waren unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeordnet. Aus meiner inhaltlichen Arbeit, auch im Rahmen des Zivildienstes, hat sich dann auch meine Mitarbeit bei der Buchhandlung für Schwule und Lesben, 'Löwenherz', ergeben", erzählt er.

In die Arbeit an der schwulen Geschichte Wiens habe er sich "einfach reingestürzt", eher noch unsystematisch "rumgelesen": "Über Karl Kraus bin ich über den Paragraf 129 Ib 'Unzucht mit Personen desselben Geschlechts' (von 1852 bis 1971 war einvernehmliche Homosexualität in Österreich gesetzlich verboten, Anm. d. Red) zum Beispiel auf den Strafakt des Naturforschers Theodor Beer gestoßen, habe mich weitergehantelt zu Baron von Teschenberg und zu Karl VI. und dessen 'besten Freund' – alte Quellen sind übrigens viel freizügiger als solche jüngeren Datums".

Kammerl am Dachboden

Er habe da noch handschriftlich exzerpiert, berichtet er, und von Seiten der MitarbeiterInnen jede Unterstützung bekommen. "Es gab an der Wienbibliothek nie irgendwelche Vorbehalte auch diesem Thema gegenüber", unterstreicht er. Für seine Arbeit an der Ausstellung "Geheimsache: Leben. Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts" im Jahr 2005 durfte er dann sogar an den "Giftschrank", die so genannten Secretabestände, die am Dachboden in mehreren Eisenschränken weggesperrt waren. "Es war im Sommer und in dem Kammerl am Dachboden hatte es gefühlte 65 Grad“, erinnert sich Brunner. "Ich habe ja nicht genau gewusst, was ich suche, also hat man mich, um den Ablauf zu vereinfachen, dort hingestellt und ich habe mir dann die Signaturen herausgeschrieben, die ich interessant fand."

Die Recherche war also recht abenteuerlich. "Dieser Bücherspeicher unterm Dach war wirklich ein Labyrinth und ich habe immer gesagt: 'Bitte holt‘s mich ab, weil sonst verlauf ich mich!'" Im Zuge dessen hat Brunner als erster den umfassenden Erotika-Bestand des Sammlers Felix Batsy gesichtet, über den er für die Publikation zum 150-Jahr-Jubiläum der Wienbibliothek auch einen Aufsatz geschrieben hat.

"Dieser Nachlass von Batsy war damals noch ziemlich unsortiert. Das war ja gerade eine Zeitenwende, Sexualitätsgeschichte im Nachhall von Foucault war in Wien erst an der Uni angekommen. Es gab Beiträge von feministischer und queerer Seite, in der Folge erst wurden solche Bestände mehr ins Rampenlicht gerückt. Die Erotikasammlungen sind nach und nach in den 'Normalsammlungen‘ aufgegangen", erklärt Brunner.

Obwohl Batsy heterosexuell war, lieferte seine Erotikasammlung wertvolle Beiträge für die "Geheimsache". Die bekannteste Aufnahme ist wohl das Foto durch ein Schlüsselloch (Abbildung). "Das war damals so eine Art Altherrenperspektive mit einem sexistischen Augenzwinkern", betont Brunner. Die Sammlung gab aber auch Aufschluss über die Pornografieproduktion in den 1930er-Jahren, über deren Verfolgung im Austrofaschismus, die Versuche der Tarnung, aber auch die Arbeitsbedingungen der Modelle.

"Sex in Wien"

Neben seinen Projekten für QWIEN, dem Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte, das seit 2007 mit eigenen Räumlichkeiten ausgestattet ist, ist Brunner einer der Kuratoren für die Ausstellung "Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam", die am 14. September im Wien Museum am Karlsplatz eröffnet wurde.

Wieder stand dafür der umfangreiche Erotika-Bestand, aber auch die kulturhistorische Sammlung der Wienbibliothek im Zentrum von Brunners Interesse (Abbildungen). "Wir, das sind drei Frauen und drei Männer, wollten eine sexpositive Ausstellung machen. Und wienspezifisch sollte sie auch sein, im historischen und topografischen Sinn. Wir haben die Ausstellung eingeteilt in: vor dem Sex, beim Sex und nach dem Sex, wir folgen also dem Geschlechtsakt", erklärt Brunner. "Wir beginnen im 18. Jahrhundert, aber der Schwerpunkt liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert." Auch hierbei kämen viele Leihgaben aus dem Bestand Batsy zur Verwendung.

Fotosammlung

"Auch die Fotosammlung an der Wienbibliothek ist sehr umfangreich", betont er. "So umfangreich, dass wir gar nicht alles sichten konnten", ergänzt er. Das sei aber kein Schaden, weil teilweise erginge es ihm so, dass er das Gefühl habe: "Ich kann das alles nicht mehr sehen. Manches ist sehr grauslich, richtig pornografischer Dreck." Seine Conclusio: Es sei nicht immer alles erfreulich in der Sexualitätsgeschichte. Es gäbe aber auch sehr schöne Exponate wie z.B. eine "Klappkarte" mit einer Tänzerin, der sich in der Drehung der Rock lüftete – und andere "Kleinodien", wie er sie nennt.

Auch aus der Plakatsammlung habe man zahlreiche Exponate verwendet wie z.B. ein Filmplakat zu "Schleichendes Gift", einen Aufklärungsfilm über Geschlechtskrankheiten, der in Österreich 1946 ein "rasender Erfolg" gewesen sei, weil "so viele Nackerte" zu sehen waren (Abbildung). In Tirol und Vorarlberg sei er daraufhin verboten worden, weil er als unzüchtig empfunden wurde.

Die vielen Nachlässe seien ein Schatz, mit dem "es hier auch die Möglichkeit gibt zu arbeiten". Brunner sitzt in der Wienbibliothek meist im großen Lesesaal. Ob er da manchmal angestarrt werde wegen seiner Recherchen? Da lacht der Mittfünfziger mit dem Flinserl herzlich: "Ich arbeite seit über 20 Jahren zur Homosexualitätsgeschichte, das sehe ich gar nicht, das perlt von mir ab wie vom Gefieder der Ente."

Veranstaltungen Brunners mit der Wienbibliothek

Letzte Publikationen

Frühere Ausgaben von Im Lesesaal

Filmplakat zum Aufklärungsfilm "Schleichendes Gift. Ein Film über Geschlechtskrankheiten", 1947
Foto aus einer Serie mit Schlüssellochfotos aus dem Album "Negligé". Nachlass Felix Batsy, ZPH 1368, um 1930
Aus: Alfred Kind, Julian Herlinger: Flucht aus der Ehe. Wien, Berlin: Verlag für Kulturforschung 1931
Aus: Alfred Kind, Curt Moreck: Gefilde der Lust. Wien, Berlin: Verlag für Kulturforschung 1930
Aus Joseph Richter: Taschenbuch für Grabennymphen, 1787