Submenu Bestände und Sammlungen
Die Kupferstichsammlung
In den zahlreichen Nachrufen auf Max von Portheim Anfang des Jahres 1937 wird die Kupferstichsammlung zahlenmäßig jeweils mit 8.000 Blättern benannt. Und in fast allen Nachrufen wird der Umfang der Kaiser Josef - Porträtsammlung angeführt: Von den 530 bekannten Porträts Josephs II. soll Portheim 515 besessen haben. Die Nationalbibliothek besaß hingegen nur halb so viele.[1]
In einer handschriftlichen Zusammenfassung der Portheimsammlung von 1927/28 wird die Stichesammlung als ein Konvolut von 78 Mappen beschrieben. Portheim sammelte synergetisch zu seiner Büchersammlung und zum immer stärker anwachsenden Katalog. Auch hier ging es um das ganze Gebiet der Monarchie unter Einschluss Ungarns, Kroatiens und Belgiens. 12 Mappen waren allein den Porträts der Mitglieder des Kaiserhauses, den Feldherren und Militärs gewidmet. Die Porträts Josephs II. waren auf mehrere Mappen verteilt, von Papst Pius VI. fanden sich 101 Blatt, Pietro Metastasio war - wie bei den Büchern - außerordentlich reich vertreten, den Großteil der Porträtmappen füllten Porträts der Staatsmänner, Künstler, Literaten, Wissenschaftler der Aufklärungszeit.
Zusätzlich zu den vielen Porträtmappen gab es Mappen, die die Dokumente zu den Kriegen und den Friedensschlüssen der Zeit enthielten, Blätter zum damaligen Wien und zu anderen Städten; als besondere Zimelien galten die Fächersammlung Portheims, hauptsächlich Papierfächer aus dem XVIII. Jh., oder ein vollständiges Exemplar des 1. Etats der Wiener Ansichten von Schütz- Ziegler, ( "allein ca. 4000 S. wert") oder die rund 580 Ansichten von deutschen Städten. In der heute kaum mehr vorstellbaren bzw. nachvollziehbaren Betrachtung der ganzen Sammlung stellte der Gutachter weiters fest: "von den 7.783 Stücken sind 3532 Blätter Wiener Personen und Angelegenheiten, davon 2.089 in unseren Sammlungen nicht enthalten". Und er hob 100 seltene Blätter des Stechers Löschenkohl hervor.
Eine weitere handschriftliche Aufschlüsselung des Bestandes nach Mappen verrät noch weitere Differenzierungen der Portheimschen Porträtsammlung. So umfassten die ersten Mappen hauptsächlich Porträts Josephs II., seiner Gattinnen und Kinder, sowie Mitglieder des Kaiserhauses, Mappe 3 war Maria Theresia und Franz I., Mappe 4 Leopold II. gewidmet; Mappe 22 beinhaltete Papst Pius VI., Mappe 24 Josepha von Bayern, die Mappen 28 und 29 die Erzherzöge (letztere auch die Großherzöge der Toskana) und Mappe 30 beinhaltete schließlich ca. 180 Silhouetten von Personen des Wiener Hofstaates.
In der alphabetisch geordneten Porträtsammlung findet man aber neben den genannten Celebrities heute kaum bekannte Personen, es dürften einige darunter sein, von denen es möglicherweise nur eine einzige oder ganz wenige Porträtdarstellungen gab, wie etwa Ritter Vinzenz Brenna, Hofarchitekt in der Lombardei, der Maler Josef Bergler und seine Gattin Hilaria Bergler, der Rabbi von Altona Eibesszytz Jonathan, der Antiquar Floderer Robert, die Sängerin Nanette Glück, Tochter des Tonkünstlers, um nur einige zu nennen. Portheim jagte sie und spürte sie auf, die "erwähnenswerten, aber auch die wenig bekannten Dichter, Maler, Musiker, Harfenisten, Artisten, Theaterleute, Geistliche, Militärs, Juweliere, Apotheker, Aerzte etc."[2]
Den weniger bekannten Porträts steht zweifellos der Mittelpunkt der Stichesammlung, die einzigartige Porträtsammlung zu Kaiser Joseph II., die größer und umfassender war als jene der Nationalbibliothek, wie oben schon erwähnt worden ist, gegenüber. Hier wurde vom Kinderbildnis des seit 1726 in Wien ansässigen Kammermalers Martin van Meytens, das den kleinen Joseph mit der Kette des goldenen Vließes spielend zeigt, über seltene Reiterporträts, über Porträts im spanischen Mantelkleid mit den Kroninsignien, bis hin zum "einfachen" Bürgerkaiser in Uniform - wie zumeist - jegliche Darstellung Josephs gesammelt, natürlich auch die für die Spätzeit typischen oftmals reproduzierten Stiche und Schabblätter, die auf den gemalten Porträts Friedrich Heinrich Fügers und Johann Baptist Lampis beruhten. Einen nicht unbedeutenden Schwerpunkt bilden die Darstellungen als einfacher Reisender Graf von Falkenstein, als Öffner des Praters und Augartens, des anekdotischen, pflugführenden Kaisers, seine Begegnungen mit anderen wichtigen Persönlichkeiten wie Friedrich II., seine Besuche in Paris. Rund um sein Lebensende steht die dichte Dokumentation durch den "Bildreporter" des späten 18. Jh., Hieronymus Löschenkohl: Josephs letzte Rede vor seinen Generälen, sein letzter Morgen, seine Ankunft im Elysium, sein Leichenbegängnis, seine Trauergerüste. Natürlich fanden auch historisierende Blätter aus dem gesamten 19. Jahrhundert in die Sammlung Eingang.
Nicht so dicht, aber dennoch sehr intensiv ist die Sammlung zu Josephs Mutter und Vorgängerin, Maria Theresia, und zu Josephs Nachfolger, Leopold II., deren Regierungsdaten quasi die Eckpfeiler der Sammlung bildeten. Leopold II. erreichte ja schon aufgrund der Kürze seiner Regentschaft (1790-1792) nicht die Publizität Josephs II. Natürlich sammelte Portheim auch Porträts zeitgleicher Potentaten wie des Preußenkönigs Friedrich II. oder des französischen Königs Ludwig XVI. Es finden sich zahlreiche Porträts zu General Gideon Ernest Graf Laudon, der sich noch als 73-jähriger große Meriten in den Türkenkriegen verdiente. Die Liste der Portheimschen Sammlung vermerkt 88 Porträts von W. A. Mozart, von Leopold Joseph Graf von Daun immerhin 46, von Josef von Sonnenfels 29, von Karl Franz Joseph Fürst de Ligne immerhin 19, sowie von Alois Blumauer 13.
Neben den gestochenen und geschabten Porträts waren es die gestochenen Silhouetten, eine Modeerscheinung des späten 18. Jahrhunderts, die von Portheim besonders begehrt wurden.
So finden sich noch heute alle von Löschenkohl gestochenen Porträts im Wien Museum bzw. in der Bibliothek, einzeln oder gebunden: der "Gelehrten Almanach von Wien auf das Jahr 1786", der "Österreichische Nationaltaschenkalender für 1789", Gelehrte, Publizisten und Künstler Wiens um 1786 mit 53 gestochenen Silhouetten (von Joseph Barth bis Carl Gottl: Windisch in Pressburg), National-Hofschauspieler und Opernsänger um 1786 mit 40 gestochenen Silhouetten (von Anna Adamberger bis Friederica Weidner) oder das Ensemble des Leopoldstädter Theaters, um 1790 mit 28 gestochenen Silhouetten, die Schauspielerinnen mit den neuesten Hutkreationen.
Portheims Interesse für Topographie manifestiert sich in einer Reihe von Blättern von Carl Schütz, Johann Ziegler und Laurenz Janscha zu diversen deutschen Städten, aber natürlich auch gebunden, aber auch in Einzelblättern die berühmte Ansichtenserie von prominenten Wiener Schauplätzen, verlegt bei Artaria, eine Sammlung, die für die Herausbildung des städtischen Patriotismus überaus wichtig war. Ebenso finden sich - man ist fast geneigt zu meinen : natürlich - die verschiedenen Kaufrufserien von Johann Christian Brand bzw. von Jakob Adam.
Aufgrund der vorhandenen Anzahl der Stiche kann man weiters zwei Spezialgebiete festmachen, die Max von Portheim scheinbar besonders gefangen nahmen: beides Themen bzw. Ereignisse, die Kaiser Joseph II. seine letzte Lebensenergie gekostet haben: einerseits der Aufstand in den österreichischen Niederlanden 1787-1790, der immer als signifikantes Zeichen für das Scheitern der Politik Josephs II. angesehen worden war. Zum anderen die in den Jahren 1788-1791 geführten Türkenkriege.[3]
Aber auch im Spezialgebiet der "Ereignisse" können wir an besonderen Wiener Ereignissen wie Mordfällen oder Katastrophen der Zeit Portheims Anspruch, das aufklärerische Wien in seiner Ganzheit zu erfassen, festmachen: So etwa an dem Mord des Wiener Magistratsbeamten Franz Zahlheim 1786 an seiner Geliebten - z. B. Franz Zahlheimb´s Amtssessel[4] - oder an der Explosion des Pulverturmes bei Nussdorf 1779.[5]
Will man heute im Wien Museum die Porträtsammlungen oder die anderen Themen Max von Portheims ansehen, braucht man vor allem sehr viel Zeit. Die Stiche sind inhaltlich auf alle Porträtmappen, auf Ereignismappen, auf diverse Sonderbestände aufgeteilt. Alle Blätter sind durch Stempel mit dem Exlibris Max Portheims bzw. teilweise mit einem weiteren Stempel "Sammlung Portheim" gekennzeichnet. Derzeit sind rund 1500 "Portheim" - Blätter über das computergestützte Museumsprogramm auszumachen, darunter auch das Porträt Max von Portheims von Adalbert Franz Seligmann, welches Portheim inmitten seiner Bücher am Schreibtisch zeigt[6] bzw. zwei Fotos von Portheim aus dem Jahr 1933.[7]
Anmerkungen
[2] Ernst Weizmann: Das Ende der Sammlung Max Portheim. Abwanderung ins Ausland. Neues Wiener Tagblatt, 25. Oktober 1930, S. 8.
[3] vgl. Wien Museum, Inv.-Nr. 74.479ff., 85.718 - 85.791.
[4] Wien Museum, Inv.-Nr. 85.364.
[5] Wien Museum, Inv.-Nr. 86.657.
[6] Porträt Max von Portheim, Öl auf Leinwand, gemalt von Adalbert Franz Seligmann, Wien Museum, Inv.-Nr. 104.168.




