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Wer war Max von Portheim?
Max von Portheim wurde am 12. Mai 1857 in Prag als jüngstes Kind nach drei Schwestern geboren. Sein Vater Wilhelm war ein Sohn Leopold Porges von Portheims, seine Mutter Bertha Goldschmidt. Auch sie stammte aus einer alten jüdischen Prager Familie. [1] Heiraten zwischen den beiden verschwägerten Familien waren bis ins zwanzigste Jahrhundert gang und gäbe.
Zunächst studierte Max von Portheim in Prag und Halle Chemie und Landwirtschaft, später Philosophie und Geschichte, ohne aber ein Studium abzuschließen.[2]
Nach ausgedehnten Reisen ließ er sich 1893 in Wien nieder. Die erste Wiener Adresse Portheims, die mithilfe von Lehmanns Allgemeinem Wohnungsanzeiger 1894 nachgewiesen werden kann, lautet "Oberdöbling, Hermannstraße 7", die heutige Reithlegasse.[3] Seit 1896 bewohnte er eine Mietwohnung in der Reichsratstraße.[4] Im Juni 1912 erwarb er eine Villa in der Gatterburggasse 7,[5] ganz in der Nähe seiner ersten Wiener Wohnung.[6] Großzügige Umbauten im ersten Stock schufen genug Platz für Bibliothek und Sammlungen.[7] 1914 konnte Max von Portheim sein neues Domizil beziehen.[8]
Sobald Max von Portheim in Wien sesshaft geworden war, nahm er seine Sammeltätigkeit auf. Warum er sich ausgerechnet der josephinischen Epoche gewidmet haben soll, darüber berichtet eine Anekdote:
Max von Portheim habe versucht durch gewagte Spekulationen sein bedeutendes Vermögen, das durchaus ausgereicht hätte, ihm ein bequemes Leben zu ermöglichen, weiter zu vermehren, allerdings mit mäßigem Erfolg. Schließlich habe ihn sein Anwalt gewarnt: "Herr von Portheim, noch ein derartiges ‚Geschäft' und Sie sind ein ruinierter Mann! Lassen Sie endlich die Hände von derartigem!" "Schon gut, schon gut", seufzte dieser, "Sie haben schon recht. Womit aber soll ich mich beschäftigen?" "Sammeln Sie doch irgendetwas", warf auf gut Glück der Anwalt ein. "Aber was, bitte sehr?" war die Antwort. Dem Anwalt fiel im Moment nichts Gescheiteres ein als: "Von mir aus: Josephinica" zu sagen.[9]
Auch wenn der Wahrheitsgehalt der Geschichte stark bezweifelt werden kann, ist es Max von Portheim doch gelungen, sein beträchtliches Vermögen zu retten und sich bis an sein Lebensende ausschließlich der österreichischen Geschichte während der Regentschaft Maria Theresias und ihrer beiden Söhne Josefs II. und Leopolds II zu widmen. Portheims Interesse dürfte nach den vorliegenden Quellen eher nicht durch eine plötzlich aufflammende Idee eines Anwaltes geweckt worden sein sondern vielmehr einer echten und tiefen Verehrung für Joseph II. entsprungen sein. In einem sehr emotionalen Brief aus dem Jahr 1915 bezeichnete Max von Portheim Joseph II. "in Bezug auf edle Absichten gewiß [als den] der größten Herrscher seines Jahrhunderts" und sich selbst als " Josephiniker".[10]
Max von Portheim wurde also ein leidenschaftlicher Sammler. "Es gelang ihm auf Reisen durch ganz Europa die [fast] vollständige Bibliothek über jene Epoche zusammenzustellen".[11] Er widmete sich der Sammlung von Urkunden, Kupferstichen, Porträts und vereinzelt auch Handschriften und kunstgewerblichen Gegenständen - und er sammelte Informationen. Ein Ergebnis dieser jahrzehntelang betriebenen Sammeltätigkeit ist der rund 450.000 bis 500.000 Zettel umfassende "Portheim-Katalog".
Sein Interesse für Drucke aus dem 18. Jahrhundert führte Max von Portheim bald zur 1899 in Weimar gegründeten "Gesellschaft der Bibliophilen".[12] Schon das Mitgliederverzeichnis von 1901 kennt "Max von Portheim, Privatier, I., Reichsrathstr. 21", als Interessensgebiet wird "Die österreichische Periode 1740-1792, mit Ausschluß von allem, was auf die Französische Revolution Bezug oder spezial-wissenschaftlichen Charakter hat; Bücher, Flugschriften, Kupferstiche die diese Periode illustrieren. 10.000 Bände, katalogisiert. Wünscht handschriftliche Offerte nur nach vorheriger Anfrage."[13]
Seit 1908 trat auch in Wien - ganz informell - "ein kleiner, erlesener Kreis von ... Bibliophilen" zusammen, "um der Verbundenheit seiner Sammeltätigkeit durch Mitteilungen über Erwerbungen, Vorzeigen derselben, Diskussionen hierüber und Auskunftserteilungen hinreichend Ausdruck zu geben".[14] Man traf sich in unregelmäßigen Abständen - "ein- bis zweimal" im Monat im Café Akademie (Ecke Getreidemarkt/ Gumpendorferstraße). Zuvor waren die Bibliophilen und Büchersammler einander zwar namentlich bekannt gewesen, aber dass kein Austausch stattgefunden hatte, schien Portheim als derartiger Mangel, dass er "als einer der angesehendsten Sammler seiner Zeit" zusammen mit Gustav Gugitz[15] die Initiative ergriff und die Bücherfreunde zusammenführte.[16] Diese Runde war zwar nicht vereinsmäßig organisiert, von ihr ging jedoch der Anstoß zur Gründung der "Wiener Bibliophilen Gesellschaft" im Jahre 1912 aus, der Max von Portheim allerdings nie als Mitglied angehörte. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges blieb daneben die private Sammlerrunde weiterhin bestehen. Max von Portheim war der "allgemein anerkannte Doyen dieses Kreises".[17] Briefe Portheims, die in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek aufbewahrt werden, zeigen Max von Portheim als zentrale Figur in der Sammler- und Bibliophilenszene Österreichs.
Max von Portheim unternahm zahlreiche Reisen durch halb Europa, um Kontakte mit anderen Sammlern zu halten und seine eigenen Sammlungen zu vervollständigen und in Archiven und Bibliotheken Informationen zu seinem Zettelkatalog zusammenzutragen. Seine Haushälterin, "die Elsa", wie er sie nannte, begleitete ihn dabei. Sie dürfte eine wichtige Beraterin für ihn gewesen sein, denn er erwähnte sie wiederholt in verschiedenen Zusammenhängen in seinen Briefen und sie äußerte sich (durchaus auch einmal kritisch) zu seiner Arbeit.[18] In seinem Testament vom 11. Juni 1934 legte Max von Portheim fest, dass Else Götzhuber nach seinem Tod eine jährliche Rente von 5.000 Goldschillingen erhalten solle.[19]
Eine besondere, wenn auch manchmal ambivalente Freundschaft, die über Portheims Tod nachwirkte, verband ihn mit Gustav Gugitz. Gugitz war es, der "wohl als der Berufene [Portheims Bibliothek] für die Wiener Stadtbibliothek" 1938 bis 1945 katalogisierte.[20] Ganz nebenbei entstand dabei der Entwurf zu seiner Wien-Bibliographie.
Eine ganz wesentliche biographische Quelle zu Max von Portheim sind seine Briefe an Gustav Gugitz.[21]Die Briefe, die Gugitz an Portheim schrieb, sind leider nicht vorhanden. Auf seinen Reisen hielt Portheim Gustav Gugitz stets über seinen aktuellen Aufenthalt auf dem laufenden und informierte ihn über das lokale antiquarische Angebot. Portheim und Gugitz ergänzten und unterstützten einander zwar, doch als Sammler waren sie natürlich auch Konkurrenten. 1913 unterzog sich Portheim zum wiederholten Male einer Kur in Karlsbad und ließ seiner Unlust darüber in einem Brief an Gugitz freien Lauf, um ihm dann mit unverhohlener Schadenfreude mitzuteilen: "Ich bemerke eben, daß ich beständig schimpfe, ... und will also, damit jetzt nunmal Sie schimpfen, Ihnen mittheilen, daß das "Freudenlied eines K.K. Salzschiffmanns" doch schließlich bei mir gelandet ist. Aber es ist doch ein schwacher Ersatz für all die Rosinen, die Sie geschluckt haben!"[22]
Während der Jahre des Ersten Weltkriegs musste Max von Portheim seine Sammeltätigkeit wesentlich einschränken: "Man hat in diesen großen Tagen zu nichts Zeit und Lust, als zu Kriegsnachrichten, der Krieg ist der beherrschende Gedanke. Wie wäre es anders möglich, wo es sich um "sein oder nicht sein" handelt? Man lebt von Zeitung zu Zeitung und von Extrablatt zu Extrablatt".[23] Kriegsbedingt begab sich Portheim seltener auf Reisen und "Glücklicherweise [kamen] keine Kataloge; doppelt glücklich, denn dazu [war] jetzt auch kein Geld".[24]Folglich konzentrierte er sich verstärkt auf seinen Zettelkatalog. Sein sammlerisches Interesse galt damals vor allem dem Theater der josephinischen Zeit: Unter seinen Büchererwerbungen, die wie er schrieb "mäßig an Zahl" waren, erwähnte er das "Berner'sche Kindertheater (Ausgabe Wien)", "zwei neue DaPonte Bücheln"[25] und in einem anderen Brief einen "Don Juan, Amsterd. 1794".[26]
Auch wurden die Anzeichen der fortschreitenden Entfremdung zwischen Portheim und Gugitz immer deutlicher. Dem Vielschreiber Gugitz stand Portheim gegenüber, der alleine kein einziges Werk publizierte. Während Max von Portheim ein typischer Vertreter des gebildeten liberalen Judentums war, trat Gustav Gugitz bereits 1926 der NSDAP bei.[27] Doch noch versuchte er die politischen Meinungsverschiedenheiten im Sinne einer gemeinsamen Arbeit auszublenden. Der Versuch war spätestens 1916 gescheitert und Max von Portheim erwog sogar, die Bibliographie, für die bereits jahrelange Vorarbeiten geleistet worden waren, alleine zu erstellen.[28] Freilich realisierte er den Plan nie. Weiterhin blieben Gustav Gugitz und Max von Portheim jedoch durch ihr gemeinsames Interesse an der Bibliophilie in Kontakt.
Am 28. Jänner 1937 erlag Max von Portheim in seiner Villa einem Schlaganfall.[29] Praktisch alle Wiener Zeitungen widmeten dem Verstorbenen Nachrufe. Wie er es sich in seinem Testament gewünscht hatte, wurde sein Leichnam in einem Krematorium verbrannt[30] und die Asche auf dem Friedhof "Feuerhalle Simmering" beigesetzt.[31]
Portheim starb als wohlhabender Mann. Sein Nachlassvermögen betrug 259.216,71 Schilling, davon wurden der Wert der Liegenschaft in der Gatterburggasse mit 57.700,-- Schilling und der Wert der Bibliothek mit 20.214,-- Schilling beziffert. Der größte Teil der Aktiva entfiel auf Bank- und Wertpapierguthaben bei in- und ausländischen Banken, in Summe 164.327,46 Schilling.[32] Max von Portheim war unverheiratet und kinderlos geblieben. Haupterbinnen waren daher die in Frankfurt lebenden Töchter bzw. die Enkeltochter seiner drei verstorbenen Schwestern. Seine Nichte Alice Feis und seine Großnichte Frieda Strauss erbten je ein Viertel, seine Nichte Leonie Mayer die Hälfte des "reinen Nachlasses". Für seine vier Hausangestellten (drei von ihnen wohnten 1937 in der Döblinger Villa) wurden gemäß Portheims letztem Willen Rentenversicherungen in verschiedenen Höhen abgeschlossen.[33]
[1] Peter R. Frank: Max von Portheim - Privatgelehrter, Bibliograph, Bibliophiler. In Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. Wien (2004). H.1, S. 42 f.
[2] Österreichisches Biographisches Lexikon: Hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 8: Petracic Franjo - Razun Matej. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1983, S. 210.
[3] Felix Czeike: Historisches Lexikon. Bd. 3: Ha - La. Wien: Kremayr & Scheriau, 1994, S. 150.
[4] Adolph Lehmann: Lehmann's Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- und Gewerbe-Adreßbuch für die k.k. Reichshaupt und Residenzstadt Wien und Umgebung. Wien: A. Hölder (1896), S. 848.
[5] Wiener Stadt- und Landesarchiv, d. i. WStLA, Verlassenschaftsakt Max von Portheim.
[6] Das Jahrbuch der Gesellschaft der Bibliophilen in Leipzig (1910/11) führt mit als weitere Adresse Max von Portheims "VI, Magdalenengasse 36" an. Diese Angabe konnte mit allerdings mithilfe anderer Quellen nicht verifiziert werden.
[7] Magistratsabteilung 37 - Baupolizei / Döbling: Umbauplan bzw. Einreichungsplan, aus 1912, Gatterburggasse, EZ 866.
[9] Frank (Anm. 1), S. 43 und Christian M. Nebehay: Die Goldenen Sessel meines Vaters. Gustav Nebehay (1881-1935) Anitquar und Kunsthändler in Leipzig, Wien und Berlin. Wien: Brandstätter 1983, S. 142.
[10] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz. Wien, 4. April 1915, Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, d. i. WBR, HS, H.I.N. 92855.
[11] Reichspost (Wien), 30. 1. 1937.
[12] Gustav Gugitz: Mozartiana. Gesammelte Aufsätze betreffend Mozart. Festgabe zum 50jährigen Bestande der Wiener Bibliophilen-Gesellschaft und zu Ehren des Altmeisters der Wiener Kulturgeschichte Prof. Gustav Gugitz.aus Anlaß seines Eintrittes in das 90. Lebensjahr. Wien: Ueberreuter 1963 (= Jahresgabe der Bibliophilengesellschaft für 1963), S. 3.
[13] Jahrbuch der Gesellschaft der Bibliophilen.Geschäftsbericht und Mitgliederliste für das Jahr... Weimar: Sekretariat der Gesellschaft, 3. Jg., (1901), S. 48.
[15] Gustav Gugitz,(9.4.1874, Wien - 3.3.1964, Rekawinkel), entstammte einer alten Kärntner Familie, besuchte die Gymnasien von Kremsmünster und der Wiener Piaristen. An der Universität Wien studierte er Literatur- und Theatergeschichte und arbeitete danach lange als Privatgelehrter. Als ihn die Inflation seines Vermögens beraubte, arbeitete er in Antiquariaten, als Korrektor in Verlagen und von 1938 bis 1946 als Vertragsangestellter der Wiener Stadtbibliothek. Sein Oeuvre zahlreiche Publikationen zur Kultur-, Theater- und Kunstgeschichte Wiens. Mit der fünfbändigen Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien (Wien, 1947-58) schuf Gugitz ein Standardwerk. (Czeike, Anm. 6, Bd. 2: De - Gy, S. 632).
[18] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz, Karlsbad, 24. Juli 1911, WBR, HS: H.I.N. 92854.
[19] WStLA, Verlassenschaftsakt Max von Portheim. Nach Auskunft der Österreichischen Nationalbank entspricht ein Goldschilling des Jahres 1934 EUR 3,76 in heutiger Währung. (15.3.2007).
[20] Gustav Gugitz: Lebenslauf zum 80. Geburtstag erfasst, WBR, HS, H.I.N. 203119.
[21] WBR, HS: Teilnachlass Gustav Gugitz.
[22] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz, Karlsbad, 19. Juli 1913, WBR, HS, H.I.N. 92761.
[23] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz, Wien, 10. September 1914, WBR, HS: H.I.N. 92858.
[25] Brief Max Portheim an Gustav Gugitz, Wien, 8. September 1915, WBR, HS: H.I.N. 92851.
[26] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz, Wien, 4. April 1915 April, WBR, HS: H.I.N. 92855.
[27] Helga Peterson: Gustav Gugitz. Leben und Werk. Wien: phil. Diss. [masch.] 2003, S. 208 ff.
[28] Brief Max von Portheim an Gustav Gugitz, Wien, 7. Mai 1916 Mai, WBR, HS:H.I.N. 92748.
[29] WStLA, Verlassenschaftsakt Max von Portheim.
[30] WStLA, Verlassenschaftsakt Max von Portheim.
[31] https://www.wien.gv.at/grabauskunft/internet/suche.aspx (9.9.2007, Eingabe bei Familienname: "Portheim von")
[32] WStLA, Verlassenschaftsakt Max von Portheim, Bezirksgericht Döbling - 1 A 72/37.




