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Die Bibliothek

Zentrale Figur der Bibliothek - wie der gesamten Sammlung - des Wiener Privatgelehrten Max von Portheim war Joseph II., den römisch-deutschen Kaiser und Ikone des aufgeklärten Wiener Bildungsbürgertums. Um die Figur Josephs gruppierten sich thematisch die josephinischen Reformen, Maria Theresia und Leopold II. als Vorgängerin und Nachfolger, die zeitgenössische Literatur und vieles mehr.

Nach allgemeiner Auffassung begann Max von Portheim im Jahr 1893, als er von Prag nach Wien übersiedelte, mit dem Sammeln von Büchern und Kupferstichen.[1] Der Sammeleifer der ersten Jahre muss tatsächlich gewaltig gewesen sein. Schon 1901 soll seine Bibliothek 10.000 Bände umfasst haben.[2] Aufbauend auf den Bestand, den er von seinem Onkel Carl übernommen hatte - die Bücher aus dessen Bibliothek sind mit den niedrigsten Signaturen in der Max von Portheims versehen - , verfügte er in jenen Jahren auch über die nötigen finanziellem Mittel und den nötigen Elan, um einem so kostspieligen Hobby nachzugehen.

Als Portheim 1912 seine Villa in der Gatterburggasse 7 erwarb, ließ er im ersten Stock Wände abreißen, um einem großzügigen Bibliotheksraum Platz zu machen, in dem er seine Bücher unterbringen konnte. Wahrscheinlich fällt in diese Zeit auch das großangelegte Projekt, alle seine Bücher mit einem einheitlichen Exlibris zu versehen. In Ermangelung des Zuwachses an Sammelobjekten verlegt sich der Sammler auf Verbesserung der Infrastruktur der Sammlung.

Portheim legte nie Wert darauf, die Bücher vor der Einordnung in die Sammlung neu binden zu lassen, eine in bibliophilen Kreisen weit verbreitete Vorgangsweise. Im Vordergrund stand der Quellencharakter, die Ursprünglichkeit des Objekts, weniger das bibliophile Erscheinungsbild. Typisch für seine Bibliothek sind daher auch äußerst seltene und wertvolle Bücher in billigen Pappeinbänden oft in einem schlechten Erhaltungszustand.

1927/28, als er seine Bücher erstmals der Stadtbibliothek zum Kauf anbot, scheint er keine größeren Pläne mehr gehabt zu haben, seine Bibliothek weiter auszubauen - tatsächlich gelangten bis zu seinem Tod im Jahr 1937 praktisch keine neuen Bücher in die Bibliothek.[3]

Zur Herkunft Portheims Bücher gibt es im wesentlichen zwei Quellen. Zum einen sind das die wenigen erhaltenen Briefe Portheims, vor allem die an Gustav Gugitz gerichteten aus dem Zeitraum zwischen 1908 und 1918. Der leidenschaftliche Sammler berichtet darin seinem nicht weniger passionierten Gleichgesinnten (und Konkurrenten) über Auktionshäuser und Antiquariate in ganz Europa, die er auf der Suche nach neuer "Beute" durchforstete. Zum anderen geben Vorbesitzervermerke in den Büchern selbst Auskunft über deren Herkunft.[4]

Mit penibler Sorgfalt wurden alle Eingänge inventarisiert und jeder einzelne Band nach dem Kauf mit einem Exlibris und dieses mit einer Signatur nach dem Numerus Currens - Prinzip versehen. Parallel dazu verzeichnete er die Ankäufe in einem handschriftlichen, nach Signaturen geordneten, sechsbändigen Bandkatalog.[5] Die ersten drei Bände dieses Katalogs wurden bereits von Anfang an geführt, die drei jüngeren scheinen nachträglich - vermutlich im Zusammenhang mit der Übersiedelung in die Villa in der Gatterburggasse - ergänzt worden zu sein, da die dort verzeichneten Bücher eine Standortsystematik in römischen Zahlen erkennen lassen, die mit einer Regalnummerierung korrespondierte.

Parallel dazu erfasste Portheim seine Bücher im eigentlichen Bücherkatalog [6], einem Teilbereich des heute so genannten Portheim-Katalogs, der nach Autor bzw. Titelphrase geordnet war. Dabei waren für die Bücher, die er auch selbst besaß, rote bzw. rosarote Zettel vorgesehen, grüne Zettel waren nicht vorhandenen Titeln vorbehalten. Die einzelnen Einträge wurden nach einem komplizierten, phonologischen Prinzip gereiht, was die Benützung des Katalogs nicht gerade erleichtert. Auch unselbständige (enthaltene) Werke fanden Aufnahme in diesem Katalog, der somit die Funktionalität eines Bibliothekskatalogs weit überschritt und mehr einer Bibliographie in Zettelkastenformat entspricht.

Über die Größe der Bibliothek Portheims kursieren die verschiedensten Angaben, wobei nicht nur der unterschiedliche Stand der zur Verfügung stehenden Quellen für die differierenden Schätzungen verantwortlich zeichnen, sondern auch der unterschiedliche Zugang und sprachliche Unklarheiten zu Verwirrungen führen muss: der Zählung von Titeln, wie man sie über eine Erschließung über Kataloge und Inventarbücher gewinnt, steht eine Zählung nach Bänden gegenüber, die wiederum für Fragen der Aufstellung, Bearbeitung etc. maßgeblich ist.

Raoul Biberhofer, Direktion der Städtischen Sammlungen, nannte 1927 die Zahl von 40.000 Bänden[7], schon im Dezember desselben Jahres wurde von der Direktion der Stadtbibliothek die etwas realistischere Schätzung von ca. 20.000 "Büchern" (von denen 3.000 bereits vorhanden sein sollten) kolportiert.[8] In dem Gutachten Oskar Katanns von 1928[9] wird die Bibliothek mit einem Umfang von 19.316 Stück (einzelne Jahrgänge als eigene Nummern gezählt) genannt[10], wobei mit "Stück" hier die Titel gemeint sind. In der Schätzungsinventur der Bibliothek durch Carl Borufka (1938) sind es "zirka 20.000 Nummern in 30.000 Bänden".[11] In der zeitgenössischen Presse schwankten die Zahlen zwischen 16.000 und 60.000[12] und Gerda Barth[13] spricht schließlich von rund 20.000 Bänden.

Zum heutigen Stand sind über 20.300 Bände aus der Sammlung Portheim im Katalog der Wienbibliothek über den Sammlungsvermerk "Portheim" abrufbar; geht man davon aus, dass die Erfassung trotz größter Bemühungen nicht lückenlos ist und etliche Bände entweder gar nicht übernommen[14] oder nachträglich als Dubletten ausgeschieden worden waren, ist eine Schätzung der Bibliothek Portheims in ihrem ursprünglichen Zustand mit 23.000 bis 25.000 Bänden realistisch. Was die Anzahl der Titel anlangt, so trifft die Zahl bei Katann (siehe oben) ziemlich genau den Ist-Zustand der Bibliothek[15], und das Verhältnis von etwa 19.000 Titeln zu knappen 25.000 Bänden erscheint auch sachlich vertretbar.

Die Sammelrichtlinien Portheims erscheinen aus heutiger Sicht ebenso eindeutig, wie sie - bedingt durch ihren globalen Anspruch - in der Praxis der Erwerbung unpräzise sein mussten: in der Theorie sammelte Portheim schlichtweg alles, was ihm zur Dokumentation des Josephinischen Zeitalters unter die Finger kam. Natürlich waren aber auch seine finanziellen, räumlichen und zeitlichen Ressourcen nicht unbegrenzt.

Den zeitliche Rahmen gibt in erster Linie die eigentliche Ära des Josephinismus, also die Zeit der Alleinherrschaft Josephs II. von 1780 bis 1790 vor. Die Zeit der Mitregentschaft sowie die Regierungszeiten seiner Vorgängerin Maria Theresia (1740-1780) und seines Nachfolgers Leopold II. (1790-1792) gehörten aber ebenso zum Sammelgebiet Portheims. Unter Berücksichtigung der Lebenszeiten der bibliographierten Personen kann der Zeitraum demnach auf ein knappes Jahrhundert, also die Zeit von ca. 1720-1810, wie schon Oskar Katann 1928 festgehalten hatte, ausgedehnt werden.

Territorial beschränkte sich Portheim weitgehend auf die Habsburgermonarchie. Dieses streng legistische Territorialprinzip, das die italienischen Fürstentümer ebenso unter dem Österreich-Begriff zusammenschloss wie die Böhmischen Länder, Ungarn, Galizien oder das heutige Belgien, wird allerdings nicht selten durchbrochen. Dann nämlich, wenn trotz theoretischer Nichtzugehörigkeit eines Sammelobjektes ein starker Bezug zum habsburgischen Herrschaftsbereich gegeben ist. Als Beispiele dafür seien die Italiener Alessandro Cagliostro oder Pietro Metastasio genannt, die als gebürtige Ausländer auf österreichischem Territorium tätig waren, aber auch Franzosen wie Simon Nicolas Henri Linguet, der im Exil in den österreichischen Niederlanden lebte und dort publizierte. Auch der Ausländer Mozart fand reichlich Niederschlag in Portheims Bibliothek, wenn auch nicht im Zettelkatalog: es bleibt ein ungelöstes Rätsel, ob Portheim den Salzburger Komponisten absichtlich aus seinem bibliographischen Großwerk ausklammerte oder ob die Zettel von einem übereifrigen Mozart-Liebhaber entwendet worden waren.[16]

Mit der Bibliothek Portheims gelangten geschlossen Bestände in die Wienbibliothek, die über ihre ursprünglichen Sammelrichtlinien weit hinausgingen und sonst kaum den Weg ins Rathaus gefunden hätten. Zum Zeitpunkt der Erwerbung wurde dieser Umstand, trotz aller Würdigung des Werts der Sammlung, beinahe als Misere empfunden. Heute liegt darin ihre Stärke, trug doch die Bibliothek Max von Portheims maßgeblich dazu bei, dass die Wienbibliothek zu einer erstrangigen Anlaufstelle für Forscher wurde, die auf der Suche nach Literatur zu den typischen, aber auch ausgefallensten und bizarrsten Themen des 18. Jahrhunderts sind: wo sonst findet man gleich drei zeitgenössische Druckschriften, die den Einsatz von Soldaten aus dem Volk der Kalmücken in der russischen Armee während des Siebenjährigen Krieges und die Ethnographie dieses Volkes um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum Gegenstand haben?

Anmerkungen

[1] Vgl. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Bd. 4. Wien: Kremayr & Scheriau 1995, S. 579.

[2] Jahrbuch der Gesellschaft der Bibliophilen. Geschäftsbericht und Mitgliederliste für das Jahr... 3. Jg. Weimar: Sekretariat der Gesellschaft [1901], S. 48.

[3] Dies lässt sich anhand des sechsbändigen Bandkatalogs (Max von Portheim: Katalog in 6 Bänden. Wienbibliothek im Rathaus, d.i. WBR, Handschriftensammlung, d.i. HS, H.I.N. 88826) zeigen, der 1928 bereits ebenso viele Einträge hatte, wie heute.

[4] Im Rahmen der Provenienzforschung der Wienbibliothek im Rathaus wurden die Vorbesitzervermerke in den Jahren 2003 bis 2006 auch für die Sammlung Portheim nahezu vollständig aufgenommen und in der Datenbank verzeichnet, sodass sie heute ein sehr vielschichtiges Bild über deren Zusammensetzung und Entstehungsgeschichte abgeben.

[5] Auf dem Vorsatzblatt des Bd. I wurde bei der Aufnahme in die Stadtbibliothek die Bezeichnung "Inventar, zugleich Standortrepertorium" vergeben; katalogisiert wurde das "Inventar" in der Handschriftensammlung als: Max von Portheim: Katalog in 6 Bänden.

[6] Max von Portheim: Zettelkatalog enthaltend die Bibliographie der 1740-1792 erschienenen Werke, geordnet nach Autoren bzw. den Hauptschlagworten. WBR, HS, Sign. H.I.N. 93336.

[7] Biberhofer an Gemeinderatsausschuss, 9. September 1927. Wienmuseum, HA, StS 1381/27, unfol.

[8] Direktion der Städtischen Sammlungen, 3. Dezember 1927. Wienmuseum, HA, StS 1381/27, unfol.

[9] Das Gutachten selbst ist undatiert; die Identität Katanns als Gutachter ergibt sich aus einem Schreiben an Max Portheim vom 14. Januar 1928, in dem Oskar Katann als Gutachter angekündigt wird. Wienmuseum, HA, StS 1381/27.

[10] Gutachten Oskar Katanns; offenbar war ihm für seine Arbeit von Portheim der handschriftliche Bandkatalog vorgelegt worden.

[11] Schätzungsinventur der Bibliothek aus dem Nachlasse Max von Portheims durch Carl Borufka, Wien, 16. April 1937. WStLA, BG Döbling, 1A 72/37, ON 13/A, Bl. 30-46.

[12] "16.000 Werke": Wiener Zeitung, 12. Mai 1937. "30.000 Nummern": Volks-Zeitung, 3. Februar 1937. "60.000 Bände": Ernst Weizmann in: Neues Wiener Tagblatt, 25. Oktober 1930; Neue Freie Presse, 30. Januar 1937.

[13] Gerda Barth: Der Portheim-Katalog der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Vortrag, gehalten vor der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts. [Ungedr. Typoskript, ca. 1995]. WBR, DS, Sign. B 282032.

[14] Gedächtnisprotokoll vom 2. August 1937. Wienmuseum, HA, StS 1200/37, unfol.

[15] Anhand des Bandkatalogs lassen sich in Portheims Bibliothek 18.797 vergebene Signaturen nachweisen; da einerseits für einzelne Jahrgänge von Kalendern/Almanachen eigene Signaturen vergeben, andererseits nachträglich Titel (durch Anfügung eines Kleinbuchstabens) unter eine bestehende Signatur gereiht wurden, kam Katann, der das gesamte Inventar offenbar genauestens durchging, auf die etwas höhere Zahl von 19.316 Stück.

[16] Laut einer Pressemeldung von 1930 habe der Katalog 1930 sehr wohl ein Schlagwort Mozart enthalten. Vgl. Neues Wiener Tagblatt, 25. Oktober 1930.