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Im Lesesaal mit:
Fotografie von Werner Michael Schwarz
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Objekt des Monats Oktober 2017: Ein dreidimensionaler Blick in die Vergangenheit

"Teleorama. Ein Geschenk für die Jugend. Ansicht vom Marmor Palais bei Potsdam. Ansicht von Sanssouci bei Potsdam" Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, Signatur: A-343467 (Foto: Stefan H. Mörtl)

Virtuell durch den Park von Sanssouci in Potsdam zu spazieren, an der Krönungszeremonie der englischen Königin Victoria in erster Reihe teilzunehmen oder Alice durchs Kaninchenloch zu folgen, war schon lange vor der Entwicklung digitaler Medien möglich. Die Virtual-Reality-Brille des Biedermeier heißt Faltdiorama und besteht aus mehreren hintereinander angeordneten Kulissenbildern. Diese sind seitlich durch faltbare Papier- oder Stoffbahnen verbunden. Die erste Bildfläche eines Faltdioramas weist einen Rahmen oder zumindest ausgesparte Gucklöcher auf, um in die Kulisse zu blicken. Nach dem Auseinanderziehen der Bilder – wie bei einer Ziehharmonika – entsteht somit ein dreidimensionales Bild. Das Faltdiorama war eine Weiterentwicklung des bereits Mitte des 18. Jahrhunderts von Martin Engelbrecht in Augsburg erfundenen Perspektivtheaters, nun allerdings ohne Gebrauch des umständlichen, hölzernen Guckkastens. So brachte auch die viel preiswertere Papiervariante die große weite Welt in die heimischen Wohnzimmer und diente als Zeitvertreib für Erwachsene und Kinder.
 
Zwar lässt sich die Erfindung des Faltdioramas nicht eindeutig datieren, doch das "Teleorama Nr. 1" des Wiener Buchhändlers Heinrich Friedrich Müller aus dem Jahr 1825 ist jedenfalls das älteste belegte und heute noch erhaltene Exemplar. Müller war ein gewiefter Geschäftsmann, der im Jahr 1805 als 26-jähriger von Hannover nach Wien gezogen war und sich fortan der qualitativen Massenproduktion verschrieb. So beschäftigte er die besten Illustratoren, Graveure und Lithographen seiner Zeit sowie bis zu 150 Koloristinnen und Koloristen. Sein umfangreiches Verlagssortiment reichte von illustrierten Kinderbüchern, Ausschnittfiguren und Spielzeugtheatern bis hin zu über 3000 unterschiedlichen Stickmustern und unzähligen Spielwaren. Sehr beliebte Artikel waren auch die durch ihre luxuriöse und originelle Ausstattung weltberühmt gewordenen Neujahrswünsche, Ziehbilder und Kunstbillets, die in hohen Auflagen in die Fremde gingen und sich selbst an den Höfen von Berlin, London und Paris großer Beliebtheit erfreuten. Im Jahr 1845 etablierte Müller neben seinem Kunstgeschäft auch eine bedeutende Musikalienhandlung, welche 44 Jahre später in der Firma Bosworth & Co. aufging. Müllers hochwertige und innovative Produkte setzten neue Maßstäbe und verbesserten erheblich die Qualität der Bilderbücher im deutschsprachigen Raum. Zudem verstand er es, seinen Erzeugnissen griffige Bezeichnungen zu geben. So nannte Müller eines seiner neu entwickelten Spielzeuge beispielsweise "Teleorama" – zusammengesetzt aus dem Griechischen "Tele" (in die Ferne) und "Orama" (eine Ansicht).
 
Neben den drei nummerierten Teleoramen gab Müller auch mehrere unnummerierte Faltdioramen heraus. Das "Teleorama. Ein Geschenk für die Jugend. Ansicht vom Marmor Palais bei Potsdam. Ansicht von Sanssouci bei Potsdam" ist beispielsweise eines von ihnen. Diese Faltperspektive besteht aus 14 Ebenen (inklusive Cover- und Schlussblatt) mit kolorierten Kupferstichen auf Karton, welche sich bis auf eine Länge von zirka 120 cm ausziehen lässt. Die erste Ebene fungiert bloß als rechteckiger Rahmen, während die nächsten drei Kulissenbilder das idyllische Landleben mit pittoresken Landschaftsmotiven darstellen. So flirtet ein junger Hirte mit einer Kranzbinderin neben einer Schafherde, ein Mann spaziert mit seinem Hund Richtung Stadttor, während sich ein Stier regelrecht ins Blickbild drängt. Ebenso dominant ist das fünfte Kulissenbild: Ein Wachsoldat in der Uniform eines Grenadiers des Leibregiments der preußischen Armee aus dem Jahr 1815 patrouilliert gewissenhaft am Zugang zum königlichen Garten Sanssoucis. Dem Betrachter des Teleoramas gewährt er jedoch weiteren Einblick. Man findet sich nun inmitten der imposanten Parkanlage beim Schloss Sanssouci wieder. An beiden Seiten dominieren die übergroßen Reliefvasen des italienischen Bildhauers Bartolomeo Cavaceppi und geben den weiteren Kulissenbildern eine symmetrische, fast schon barock anmutende Rahmung. Im Park flanieren zwischen den zahlreichen Statuen einige Damen der feinen Gesellschaft, Liebespaare und ein Landwehroffizier der Infanterie. Die Ebenen zehn bis dreizehn zeigen eine Seenlandschaft mit Ausflugsbooten.

Den Höhepunkt bildet aber das letzte Kulissenbild, welches jedoch weder das im Titel angekündigte Marmorpalais noch das Schloss Sanssouci zeigt. Wahrscheinlich waren die beiden Potsdamer Wahrzeichen jeweils auf der Vorder- beziehungsweise Rückseite einer herausnehmbaren Kartonkarte abgebildet, welche alternativ als Rückwand eingesetzt werden konnte. Diese scheint jedoch über die Jahre verloren gegangen zu sein. Vielmehr handelt es sich bei der gegenwärtigen Darstellung offenbar um die Meierei im Neuen Garten am Ufer des Jungfernsees an der nördlichsten Spitze des Neuen Gartens in Potsdam. Das Gebäude entstand nach Plänen des Baumeisters Carl Gotthard Langhans zwischen 1790 bis 1792. Unter Friedrich Wilhelm IV., dem "Romantiker auf dem Thron" und großen Bewunderer Friedrichs des Großen, widerfuhren den Bauten in und um Sanssouci ab den 1840er Jahren nachhaltige Veränderungen.

Somit erlaubt uns dieses Faltdiorama eine Reise durch Zeit und Raum. Es spiegelt die virtuelle Realität des 19. Jahrhunderts wider und bietet wunderbare Einblicke in die Sozialgeschichte. Unter der Signatur A-343467 verwahrt die Wienbibliothek im Rathaus dieses fragile Meisterwerk Wiener Handwerkskunst.

Archiv der Objekte des Monats 2017

 

Ausgeklapptes Faltdiorama (Foto: Stefan H. Mörtl)
Frontansicht des ausgeklappten Faltdioramas (Foto: Stefan H. Mörtl)
Detail des ausgeklappten Faltdioramas "Ein Geschenk für die Jugend. Ansicht vom Marmor Palais bei Potsdam. Ansicht von Sanssouci bei Potsdam" (Foto: Stefan H. Mörtl)