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Objekt des Monats Februar 2017: Damenspende zum Ball der Concordia 1909

Damenspende zum Concordia-Ball 1909: Einbanddecke mit Verschlussösen, Bleistift, Metallgewebeband und Haken

Die Gepflogenheit der Ballveranstalter, den Damen beim Betreten des Ballsaales ein Geschenk zu überreichen, hat sich bis in unsere Zeit erhalten. Während man gegenwärtig jedoch als Ball- oder Damenspenden Miniaturparfumflacons, Ohrstecker, Konfektdöschen und Sektgutscheine verteilt und damit nicht zuletzt der höhere Preis der Damenkarte erklärlich wird, erfüllten Damenspenden ursprünglich einen gesellschaftlich höchst wichtigen Zweck: Die Damenspende enthielt die Tanzkarte, welche über den Verlauf eines Abends und gelegentlich über das weitere Leben der Frau entscheiden konnte.

Während auf den modernen Ballveranstaltungen auch die jüngeren Gäste bereits paarweise eintreffen, Lebens- und Tanzpartner vielfach bereits identisch sind, stellte der Tanzball bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Instrument des offiziellen Flirt- und Heiratsmarktes dar. Die unverheiratete junge Frau wurde, nach absolviertem Tanz- und Gesellschaftsunterricht, in Begleitung der Eltern oder auch einer Anstandsdame auf den Ball geführt.

Mit der in der Damenspende enthaltenen Tanzkarte warteten die Damen auf interessierte Herren, denen ein Tanzversprechen gegeben werden konnte. Die Namen der Partner notierte die Dame an der Stelle der jeweiligen Tänze. Das Kennenlernen von Tanzpartnern und die gesellschaftlichen Konventionen folgende Organisation des Abends beanspruchte Zeit, worin der ursprüngliche Zweck der Saaleröffnung lange vor Beginn des Balles begründet ist. War der Name eines Tanzpartners in der Ballspende festgehalten, so galt der Tanz als verbindlich versprochen und die Tänzerin als nicht mehr frei, die Herren dagegen waren "engagiert".

Nach der Ruhe

Die Tanzkarte begleitete die Dame die gesamte Ballnacht hindurch, weshalb sie einerseits entsprechend zweckmäßig und praktisch sein sollte, andererseits musste sie zumeist noch einem vom Ballveranstalter gewählten Motto oder gestalterischen Sujet entsprechen. Eine Vielzahl an Damenspenden ist in der Form des Notizbüchleins oder Heftes (carnet de bal) gestaltet. Der Bleistift, mit dem in die Tanzkarte geschrieben wurde, diente -wie bei vielen Notizbüchern- zugleich als Verschluss. Die traditionelle Tanzkarte ist zweiteilig: Der erste Teil beinhaltet die Tänze "vor der  Ruhe", womit eine längere Tanzpause gemeint ist, der zweite Teil listet die Tänze "nach der Ruhe" auf. Besonders kostbare Tanzkarten enthalten statt einer Papierkarte ein Elfenbeintäfelchen. Um die Tanzkarte nicht ständig in Händen halten oder beim Wechsel des Tanzes aus dem Täschchen holen und wieder dort verstauen zu müssen, verfügen die meisten über einen charakteristischen Haken, mit welchem sie am Ballkleid der Dame eingehängt und befestigt werden konnten.

Qualität und Raffinesse

Die Herstellung von Damenspenden oblag in Wien der dem Luxusgewerbe zuzurechnenden Galanteriewarenerzeugung; Qualität und Raffinesse, mit welcher Damenspenden gefertigt wurden, widerspiegelten die Bedeutung der Ballveranstaltung bzw. das finanzielle Pouvoir des Veranstalters. Vielfach wuchsen sich die Tanzkarten zu Ballalmanachen aus, in welchen zeitgenössische Karikaturen, witzige Anekdoten aus Welt und Gesellschaft oder eine Faschingszeitung enthalten waren.

Die Druckschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus bewahrt eine stattliche Anzahl sehr schöner Ballspenden, von denen insbesondere jene Stücke aus der Zeit zwischen 1880 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu den erlesensten Objekten gerechnet werden können. Den Kernbestand bilden Ballspenden der traditionsreichen Tanzbälle des Presseclubs Concordia, die seit 1863 regelmäßig veranstaltet werden.

Zu den Zimelien der Sammlung an Damenspenden in der Wienbibliothek darf die von Josef Hoffmann (1870 - 1956) entworfene und in der Wiener Werkstätte ausgeführte Damenspende zum Ball der Concordia 1909 gezählt werden. Das Objekt wurde 1983 aus der Kollektion des ehemaligen Magistratsbediensteten und passionierten Viennensia-Sammlers Otto Lienhart (1911-2006) erworben.

Die Einbanddecke besteht aus einer Messingplatte, die mit einem streng symmetrisch angeordneten floralen Relief versehen ist. Im Zentrum der Ornamentik befindet sich in einem ovalen Feld eine stilisierte Feder als Markenzeichen der Concordia. Diese Feder ist optisch so eng in das florale Umfeld eingebettet, sodass sie auf den ersten Blick für eine geschlossene Rosenknospe gehalten wird. Josef Hoffmann greift als drittes Dekorelement zugleich die Herz-Motivik früherer Ballspenden der Concordia auf: In der kunstvoll eingerollten Außen- und Innenfahne der Feder bzw. die Rosenknospe ist die Herzform erkennbar.

An der unteren Kante des Deckels ist innenseitig die Wortmarke "WIENER WERKSTÄTTE" eingeprägt. Die Vorsatzpapiere sind als mehrfärbige Tunkpapiere ausgeführt, beigelegt ist die Faschingszeitung "Älteste Nachrichten" sowie eine Tanzkarte. Die Ballspende wird mit einem dünnen Bleistift, der durch drei lederne Ösen geführt wird, verschlossen. Das Bleistiftende ist mit einer Kappe aus Elfenbein versehen, die zum leichteren Herausziehen des Bleistiftes aus den Ösen eine markante Rille besitzt. Der s-förmig gebogene Haken ist an einem aus Golddraht gewebten Bändchen fixiert. Die Arbeit ist im Musterbuch der Wiener Werkstätte Nr. 32 auf S. 1110 verzeichnet.

Faschingszeitung mit Ballgeflüster

Die aus einem gefalteten Bogen bestehende eingelegte Faschingszeitung ist eine satirische Anspielung auf den tatsächlich existierenden Zeitungstitel (Wiener) Neuste Nachrichten. Das Blatt enthält humoristische Kontaktanzeigen, geschäftliche Annoncen und Ballgeflüster der High Society des Fin de siècle.

Literaturangabe

Ballspende Concordia-Ball 1909. Wien: o.V. 1909. Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, A-87719

Ausstellung ab 15. Februar 2017

Die Vitrinen-Ausstellung "Kleinodien aus der fünften Jahreszeit. Ballspenden aus den Sammlungen der Wienbibliothek" wird ab 15. Februar 2017 im Foyer der Wienbibliothek zu sehen sein.

Zum Weiterlesen im Wien Geschichte Wiki

Archiv der Objekte des Monats 2017

Damenspende zum Concordia-Ball 1909: mehrfach gefaltete Faschingszeitung Älteste Nachrichten
Damenspende zum Concordia-Ball 1909: vierfärbiges Vorsatzpapier in Marmoriertechnik, Wortmarke WIENER WERKSTÄTTE am inwendig liegenden Falz der Einbanddecke; erste Seite der Tanzkarte (Vor der Ruhe); Verschluss- und Notizbleistift mit Elfenbeinkappe